Zeitung Heute : Die Unmögliche

Ihr Lebenslauf klingt wie von Horst Köhler erdacht: Ärztin, siebenfache Mutter, Familienministerin. Doch Ursula von der Leyens Politik provoziert – am meisten in ihren eigenen Reihen

Hans Monath

Muss es ausgerechnet ein goldener Rahmen sein? Die Bundesfamilienministerin steckt den Kopf durch das barocke Viereck, strahlt ihr Lächeln in die Kameras und ermuntert ihre Nachbarn: „Ruhig nah ran, keine Berührungsängste!“

Ursula von der Leyen, die doch längst am eigenen Heile-Welt-Image leidet und den Ruf der allzu ehrgeizigen Karrierefrau mit Großfamilie lieber heute als morgen loswäre, bedient die Medienmaschine. Sie kneift im Blitzlicht die Augen zusammen, hält die Mundwinkel brav nach oben gezogen. Das Foto wird für das Berliner „Bündnis für Familie“ werben.

Wo die Ministerin mit den über die Schulter geworfenen blonden Haaren auftaucht, steigert sich das Klicken der vielen Kamera-Verschlüsse zu einem nervösen Grundrauschen. Kaum ein Zeitungsartikel kommt ohne die Bilder ihrer lächelnden Familie mit Ponys, Lämmern, sieben Kindern und Ehemann aus, obwohl die Politikerin schon längst keine Fotografen mehr ins Privathaus lässt.

Die schönen Bilder sind ihr zur Last geworden. Zu gut passt Ursula von der Leyen – ihr Vater ist der einstige niedersächsische Ministerpräsidenten Ernst Albrecht – ins Klischee der Tochter aus begütertem Haus, die glaubt, ihr liege die Welt zu Füßen. Deshalb schlagen ihr im politischen Berlin Misstrauen, Häme und manchmal Aggressionen entgegen.

Völlig unvorbereitet traf es die 47-Jährige, dass auf der Kabinettsklausur von Genshagen im Januar ihr Konzept zur steuerlichen Absetzbarkeit von Betreuungskosten zwar beschlossen, aber nachher von der SPD wieder zerrupft wurde. Dass die großen Weichenstellungen nicht in offenen Gesprächen, sondern in überraschenden Interviews oder Interventionen bei wichtigen Schaltgruppen vorbereitet werden, war Ursula von der Leyen neu.

Neu war ihr auch, als Person in der Öffentlichkeit gedemütigt zu werden. Ihr Lebenslauf klingt wie von Horst Köhler ausgedacht. Ursula von der Leyen verkörpert all die Weltoffenheit, die unbedingte Leistungsbereitschaft, die Gemeinschaftsorientierung und den Familiensinn, die der Bundespräsident mit weit aufgerissenen Augen seinen Landsleuten so gern predigt: geboren und aufgewachsen in Brüssel, das Doppelstudium der Volkswirtschaft und Medizin in Deutschland und London, die Arbeit als Gynäkologin in Hannover und als Gesundheitsmanagerin in Stanford in den USA, zu all dem noch sieben Kinder – und dann der Schritt in die Politik, als sie 2003 in Hannover Sozialministerin wird.

Das scheint für manche schwer zu ertragen zu sein, obwohl sie sich inzwischen heftig gegen die Vorstellung wehrt, sie wolle ein Vorbild sein. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast etwa, selbst kinderlos, spricht hämisch von „Supermutti“. Regierungsmitglieder klagen, sie könnten das „Perma-Lächeln“ am Kabinettstisch kaum mehr ertragen. Am meisten provoziert aber der Verdacht, die ganze Familienherrlichkeit sei mit dem Geld des Vaters oder Ehemanns erkauft.

Eine Weile hat sie es nicht einmal mehr fertig gebracht, Presseberichte zu lesen. Eine Springer-Zeitung meinte sogar, eine Ähnlichkeit der siebenfachen Mutter mit der Hitler-Verehrerin Magda Goebbels feststellen zu müssen.

Gerechtigkeit für die Familienministerin!, möchte man da rufen. Denn die Konzentration auf ihre Person verdeckt den Blick auf die Politik, für die sie steht. Die große Koalition ist eine Riesenchance für die Familienpolitik in Deutschland. Sie führt das Programm der früheren Familienministerin Renate Schmidt (SPD) weiter: Investitionen in mehr Betreuungsplätze, effizientere Finanzhilfen für Familien und die Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Gewerkschaften, um Eltern durch flexiblere Arbeitszeiten zu entlasten. Das allein ist schon eine Revolution, denn nun propagiert eine CDU-Familienministerin, was die Union bis zur Wahl zum großen Teil noch bekämpfte: Ein moderneres Familienbild und Entlastung für Frauen, die einen Beruf als auch Kinder haben wollen.

Doch der ministeriell verordnete Durchbruch schafft auch ein Riesenproblem: Teile der Union kämpfen nun offen gegen die Modernisierung ihrer Familienideologie. Nicht nur viele CSU-Politiker, auch mächtige CDU-Politiker wie etwa Jürgen Rüttgers polemisieren gegen das Elterngeld, weil sie darin (völlig zu Recht) einen Angriff auf die traditionelle Rollenverteilung sehen.

Auch Kritiker der CDU-Politikerin müsste es nachdenklich stimmen, dass ausgerechnet DGB-Chef Michael Sommer ihr den Rücken stärkt. „Teile der Union können sich leider immer noch nicht mit einem modernen Familienbild anfreunden“, sagt Sommer: „Aber ich hoffe, dass sich die Ministerin auch in den eigenen Reihen durchsetzen wird.“ Der DGB begrüßt das Grundkonzept der CDU-Ministerin und ihren Plan, ein einkommensabhängiges Elterngeld einzuführen, damit vor allem Frauen Beruf und Familie besser vereinbaren können.

Wie sieht nun die Wirklichkeit der Ministerin aus? Man muss ein paar Wochen warten, bevor die Pressestelle zwei Termine vorschlägt. Eigentlich hätte man erwartet, dass die Ministerin nach Moabit oder Neukölln fährt und dort überforderte Erzieherinnen in einem heruntergekommenen Kinderladen besucht, wo viele Eltern arbeitslos sind. Aber es geht an diesem Tag nicht um die Benachteiligten, sondern um die Erfolgreichen.

Auf einem Symposium der Bertelsmann-Stiftung stellt Ursula von der Leyen das Buch „Die Unmöglichen“ vor. Es porträtiert Karrierefrauen, die trotzdem Kinder großziehen. Das Publikum: Multiplikatorinnen, berufstätige Frauen, auch Mütter. Die Ministerin berichtet von sich: „Sie kennen die Sätze: Wie schade, dass Ihre Kinder so wenig von Ihnen haben.“ Das Publikum kennt diese Sätze und klatscht. Am Abend in der britischen Botschaft würdigt die Politikerin ein Buch über Erfinderinnen („Geniale Frauen“). Bei der Diskussion plädiert sie in flüssigem Englisch dafür, das Potenzial der Frauen auszuschöpfen. Nur beim Wort „Entdeckerwerkstatt-Mentalität“ muss sie passen. Noch ein Schlückchen Orangensaft, dann macht sich die Ministerin wieder auf den Weg. Was sie jetzt noch vorhat, kurz vor zehn Uhr abends? Erst laufen gehen, dann arbeiten, dann fünf Stunden schlafen. Um sechs Uhr will sie aufstehen.

Geht es nicht auch ein bisschen weniger streng mit sich selbst? Gelegenheit, die Ministerin danach zu fragen, ist wenige Tage später. Ihr Ministerbüro liegt am Alexanderplatz ganz oben, der Blick fällt auf Hinterhöfe. Sehr offen redet sie darüber, wie schwer ihr die ersten Monate gefallen sind. Doch sie ist wild entschlossen, mit dem ihr anfangs völlig fremden Politikbetrieb besser umzugehen. Ihre Hoffnung ist, dass die Menschen sich nun mehr mit ihrer Arbeit als mit ihrer Person beschäftigen. Anzeichen dafür sieht sie schon: Nach der ersten Phase rücke jetzt langsam die sachliche Diskussion, die politische Arbeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Aber warum muss sie all den Menschen mit ihren kleinen Fehlern und Schwächen vorleben, wie perfekt sie ist? Warum zieht sich Ursula von der Leyen nicht einfach eine alte Trainingshose an, lümmelt sich mit einer Tüte Erdnussflips auf die Couch vor den Fernseher und lässt sich fotografieren, während sie sich „Supernanny“ oder „Desperate Housewives“ gönnt? Da ziehen sich die Falten an ihrer Nasenwurzel noch stärker zusammen, sie schüttelt den Kopf und sagt: „Da müsste ich mich verbiegen.“

Sprechen die krassen Reaktionen auf ihre Thesen zur Rollenverteilung nicht stärker gegen ihre Feinde als gegen ihre Politik? Da fragt WDR-Mann Frank Plasberg („Hart, aber fair“) erst mal, ob sie lieber eine erfolgreiche Politikerin oder eine schlechte Mutter sein wolle. Und ZDF-Mann Claus Kleber („heute“) beginnt das Elterngeld-Interview mit der Frage, ob sie die Väter denn „mit der Peitsche“ zum Wickeltisch treiben wolle.

Vielleicht muss man den Reaktionen etwas Positives abgewinnen. Vielleicht braucht es gerade eine Provokateurin aus gutem Hause, um die gesellschaftliche Wahrheit hervorzulocken. Die Ministerin selbst schaut skeptisch zum psychologischen Erklärungsversuch. „Die Diskussion ist notwendig“, sagt sie nüchtern: „Wenn ein Problem benannt wird, ist das der erste Schritt zu seiner Lösung.“

Gerade jetzt ist die Ressortchefin auf Unterstützung der politischen Öffentlichkeit angewiesen. Angela Merkel schätzt ihre Arbeit. Aber kaum jemand in der Union erwartet, dass die Kanzlerin ein machtpolitisches Risiko eingeht, wenn sich die Front gegen das Elterngeld und das Modernisierungskonzept verstärkt.

Kämpfen, mit aller Disziplin, will Ursula von der Leyen. Darauf können sich ihre Gegner verlassen. Nun studiert sie die Mechanismen des politischen Systems, das sie besser beherrschen will. „Ich muss in Quantensprüngen lernen, das werde ich auch weiterhin tun“, sagt sie.

Noch etwas hat sie sich vorgenommen: So lebensentscheidend ist für sie die Politik nicht, dass sie ihre Persönlichkeit verstecken wird, in der Hoffnung, damit Erfolg zu haben. Aus dem Rahmen fallen wird sie nicht. Darüber, dass der Ausgang dieses Ringens offen ist, macht sie sich offensichtlich wenig Illusionen. „Nicht in der Politik groß geworden zu sein, kann in der Politik auch ein Vorteil sein“, sagt sie. Und fügt dann hinzu: „Man wird es erst am Ende wissen.“

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