Zeitung Heute : Die unsezierte Nation

In Deutschland wird immer seltener obduziert. Warum das so ist, wollen Wissenschaftler jetzt herausfinden

Sybille Nitsche

In Deutschland liegt die klinische Obduktionsrate bei drei Prozent, eine der niedrigsten weltweit. Immer weniger Menschen lassen ihre verstorbenen Angehörigen einer Autopsie unterziehen, um die wirkliche Todesursache zu erfahren. Die klinische Obduktion ist nicht zu verwechseln mit der gerichtlichen Sektion, die auf richterliche Anordnung bei Verdacht auf ein Verbrechen vorgenommen wird.

Die niedrige Rate muss alarmieren, denn die Sektion ist eine wichtige Grundlage für die Statistik der Todesursachen. Auf ihr beruhen gesundheitspolitische Entscheidungen wie zum Beispiel das Rauchverbot in der Gastronomie. Außerdem beeinflusst diese Statistik die Mittelvergabe im Gesundheitswesen und in der medizinischen Forschung. Um ihre Zuverlässigkeit zu gewährleisten, müsste die Sektionsrate bei 30 Prozent liegen, wie es beispielsweise in Österreich der Fall ist.

Obwohl Ärzte seit langem den Sektionsunwillen der Deutschen beklagen, sind die Ursachen dieses Phänomens keineswegs untersucht. Diese Lücke soll nun geschlossen werden. In dem von der Volkswagen-Stiftung mit 900 000 Euro finanzierten Forschungsprojekt „Tod und toter Körper: Zur Veränderung des Umgangs mit dem Tod in der gegenwärtigen Gesellschaft“ wollen Wissenschaftler unter anderem klären, warum in Deutschland kaum noch obduziert wird. „Diese Frage wäre aber viel zu eng gefasst", sagt Hubert Knoblauch, Professor am Institut für Soziologie der TU Berlin, der das Projekt leitet. „Vielmehr wollen wir untersuchen, welche Stellung der Tod in der heutigen Gesellschaft einnimmt. Und am deutlichsten zeigt sich das im Umgang mit dem Leichnam.“

Die Tabuisierung des Todes wurde und wird als Merkmal der Moderne gesehen. Ob der Tod noch immer tabuisiert wird und ob zum Beispiel die ablehnende Haltung gegenüber der Sektion dafür ein Anzeichen ist, werden die Berliner Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen aus Aachen, Marburg und Zürich erforschen.

„Es gibt viele Indizien, die auf eine Enttabuisierung des Todes hindeuten wie die öffentlichen Debatten um Sterbehilfe und Organspende zeigen“, sagt Knoblauch. „Aber auch die Aids- und Hospiz-Bewegung haben das Sterben und den Tod öffentlicher gemacht. Zudem ist eine Individualisierung der Trauerkultur zu beobachten, die sich beispielsweise in unterschiedlichen Bestattungsformen zeigt.“

Unter Knoblauchs Ägide läuft das Teilprojekt „Praxis und soziales Wissen der Obduktion“. „Wir wollen Zugang zu jenen Gesprächen bekommen, in denen es seitens des Arztes darum geht, von den Angehörigen eine Erlaubnis zur Sektion zu erhalten“, erläutert er. „Wir müssen erfahren, wie Ärzte und Betroffene agieren und reagieren, wie die medizinischen Anforderungen und die Motive, Vorstellungen und Wünsche der Betroffenen, die ihre Einwilligung geben sollen, miteinander ausgetauscht werden.“ Denn diese Gespräche seien der Ort, wo über den Umgang mit dem toten Körper verhandelt wird.

Die Zurückhaltung der Bevölkerung gegenüber der klinischen Obduktion steht in einem merkwürdigen Kontrast zur Flut der Kinofilme und Fernsehserien über die forensische Obduktion. Ganze Kriminalserien werden um die Arbeit der Pathologen gestrickt. In einem anderen Teilprojekt werden die in Deutschland geltenden gesetzlichen Regelungen zur klinischen Sektion analysiert. Zudem wollen die Wissenschaftler wissen, ob der Leichnam noch als Mensch zu behandeln ist oder wann die Behandlung als Mensch aufhört. Das sind Fragen von höchster Brisanz angesichts der Debatten zur Transplantationsmedizin, zur Organspende und Züchtung von Gewebe aus Stammzellen. Sybille Nitsche

Dominik Groß, Andrea Esser, Hubert Knoblauch, Brigitte Tag (Hrsg.): Tod und toter Körper. Der Umgang mit dem Tod und der menschlichen Leiche am Beispiel der klinischen Obduktion, Kassel University Press 2007, ISBN 978-3-89958-338-0, Preis: 29 Euro

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