Zeitung Heute : Die unsichtbare Hand führt die Reichen zum gerechten Teilen

Der schottische Nationalökonom und Moralphilosoph Adam Smith (1723-1790) gilt als Begründer der modernen Volkswirtschaft und Advokat einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, in der Eigennutz ein wichtiger Motor für Wohlstand und gerechte Verteilung ist und in der die "unsichtbare Hand" des Marktes mehr Vertrauen verdient. Sein Hauptwerk "Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Nationalreichtums" (1776) basiert auf der bereits 1759 erschienenen Untersuchung "Theorie der ethischen Gefühle", in der er die Entstehung sozialer Normen an einen sozialen Lernprozeß gekoppelt sieht. Beide Werke sind als Faksimile der Originalausgaben im Verlag Wirtschaft und Finanzen in limitierter Auflage erschienen. Ein Auszug

Die Erde ist durch die Anstrengungen der Menschheit gezwungen worden, ihre natürliche Fruchtbarkeit zu verdoppeln und eine größere Menge von Bewohnern zu erhalten. Es ist zwecklos, daß der stolze und gefühllose Grundbesitzer über seine ausgedehnten Felder blickt und ohne einen Gedanken an die Bedürfnisse seiner Brüder in der Vorstellung die ganze Ernte, die auf ihnen wächst, für sich selbst verbraucht. Das schlichte und gewöhnliche Sprichwort, daß das Auge größer ist als der Magen, hat sich nie vollständiger bewahrheitet als bei ihm. Die Aufnahmefähigkeit seines Magens steht in keinem Verhältnis zu der Unermeßlichkeit seiner Wünsche und wird nicht mehr aufnehmen als der Magen des geringsten Bauern.

Den Rest muß er unter diejenigen verteilen, die in der sorgfältigsten Weise das Wenige zubereiten, das er selbst braucht, unter diejenigen, die den Palast einrichten, in dem dies Wenige verzehrt werden soll, unter diejenigen, die all den verschiedenen Kram und Tand besorgen und in Ordnung halten, der in der Haushaltung der Vornehmen gebraucht wird; sie alle beziehen auf diese Weise von seinem Luxus und seiner Launenhaftigkeit jenen Anteil an lebensnotwendigen Dingen, die sie von seiner Menschlichkeit und seiner Gerechtigkeit vergebens erwartet hätten.

Der Ertrag des Bodens erhält jederzeit nahezu jene Anzahl von Bewohnern, die er zu erhalten fähig ist. Nur die Reichen wählen aus dem Haufen das aus, was am kostbarsten und angenehmsten ist. Sie verbrauchen wenig mehr als die Armen; trotz ihrer natürlichen Selbstsucht und Raubgier und obwohl sie nur ihre eigene Bequemlichkeit beabsichtigen, obwohl der einzige Zweck, den sie durch die Mühen all der Tausende, die sie beschäftigen, erreichen wollen, die Befriedigung ihrer eigenen eitlen unersättlichen Wünsche ist, teilen sie mit den Armen den Ertrag all ihrer Fortschritte. Sie werden von einer unsichtbaren Hand dazu geführt, nahezu die gleiche Verteilung lebensnotwendiger Güter vorzunehmen, die gemacht worden wäre, wenn die Erde zu gleichen Teilen unter all ihre Bewohner aufgeteilt worden wäre, und so fördern sie, ohne es zu beabsichtigen, ohne es zu wissen, das Interesse der Gesellschaft und bringen die Mittel zur Vermehrung der Gattung auf.

Als die Vorsehung die Erde unter einige vornehme Herren verteilte, hat sie jene, die bei der Teilung anscheinend leer ausgegangen sind, weder vergessen noch verlassen. Auch diese letzteren genießen ihren Anteil an all jenem, was die Erde hervorbringt. In dem, was die wahre Glückseligkeit des menschlichen Lebens ausmacht, sind sie in keiner Hinsicht jenen unterlegen, die so hoch über ihnen zu stehen scheinen. In der Behaglichkeit des Körpers und und im Frieden des Gemüts stehen all die verschiedenen Rangstufen des Lebens nahezu auf einer Ebene, und der Bettler, der sich am Straßenrand sonnt, besitzt jene Sicherheit, für die Könige kämpfen.

Die gleiche Grundveranlagung, die gleiche Liebe zum System, die gleiche Rücksicht auf die Schönheit der Ordnung, der Kunst und der Pläne dient häufig dazu, jene Einrichtungen zu empfehlen, die dazu geeignet sind, die allgemeine Wohlfahrt zu fördern. Wenn ein Patriot sich für die Verbesserung irgendeines Teils der öffentlichen Verwaltung anstrengt, entsteht sein Verhalten nicht immer aus reiner Sympathie mit der Glückseligkeit derer, die den Nutzen daraus ziehen. Es geschieht gewöhnlich nicht aus einem Mitgefühl mit mit Trägern und Fuhrleuten, wenn ein Mensch mit Gemeinsinn auf die Ausbesserung der Straßen drängt. Wenn der Gesetzgeber Prämien und andere Anreizmittel aussetzt, um die Leinen- oder Wollmanufaktur zu heben, so entsteht sein Verhalten selten aus reiner Sympathie mit den Trägern billiger oder feiner Kleider und noch viel weniger aus Sympathie mit dem Produzenten oder dem Kaufmann. Die Vervollkommnung der Verwaltung, die Ausdehnung des Handels und der Manufaktur sind edle und herrliche Angelegenheiten. Sie zu betrachten erfreut uns, und wir sind an allem interessiert, was sie fördern kann. Sie bilden einen Teil des großen Regierungssystems, und die Räder der politischen Maschine scheinen sich mittels ihrer Hilfe mit größerer Harmonie und Leichtigkeit zu bewegen. Wir finden Vergnügen daran, die Vervollkommnung eines so schönen und großartigen Systems zu betrachten, und wir sind unruhig, bis wir jedes Hindernis beseitigt haben, das im geringsten die Regelmäßigkeit seiner Bewegungen stören oder erschweren kann.

Indessen werden alle Einrichtungen der Regierung nur in dem Verhältnis gewertet, in welchem sie die Glückseligkeit derer, die unter ihr leben, zu fördern geneigt sind. Dies ist ihr einziger Nutzen und Zweck. Manchmal allerdings scheinen wir aus einem gewissen Systemgeist, aus einer gewissen Liebe zur Kunst und zu Erfindungen mehr die Mittel als den Zweck zu werten und darauf bedacht zu sein, die Glückseligkeit unserer Mitmenschen zu fördern, eher von dem Gesichtspunkt aus, ein gewisses schönes und geordnetes System zu vervollkommnen und zu verbessern, als aus einem unmittelbaren Sinn oder Gefühl für das, was sie erleiden oder genießen. (. . . )

Die Gesellschaft kann zwischen einer Anzahl von Menschen - wie eine Gesellschaft unter mehreren Kaufleuten - auch aus einem Gefühl ihrer Nützlichkeit heraus ohne gegenseitige Liebe und Zuneigung bestehen bleiben; und mag auch kein Mensch in dieser Gesellschaft einem anderen verpflichtet oder in Dankbarkeit verbunden sein, so kann die Gesellschaft doch noch durch eine Art kaufmännischen Austauschs guter Dienste, die gleichsam nach einer vereinbarten Wertbestimmung geschätzt werden, aufrechterhalten werden. Indessen kann eine Gesellschaft zwischen solchen Menschen nicht bestehen, die jederzeit bereit sind, sich gegenseitig zu verletzen und zu beleidigen. In dem Augenblick, in dem gegenseitige Schädigung beginnt, in dem Augenblick, in dem wechselseitiger Groll und Gehässigkeit platzgreifen, werden alle Bande der Gesellschaft zerbrochen, und all die verschiedenen Glieder, aus denen sie bestand, werden gleichsam durch die Gewalt und den Widerstreit ihrer disharmonierenden Gefühle zerstreut und in alle Richtungen auseinander getrieben.

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