Zeitung Heute : Die unsichtbaren Piloten Bagdad ist voller Gerüchte – eines davon: Flugzeugabstürze

Asne Seierstad[Bagdad]

Auch die Brücke ist voller Menschen. Stundenlang verfolgen sie das Schauspiel, alle versichern sie dasselbe: Dass zwei Piloten abgesprungen seien aus ihrem abstürzenden Flugzeug und sich jetzt im Fluss oder auf dessen Grund befänden. Die Leute bleiben stehen, wo sie sind, nur gelegentliche Bombenexplosionen lenken ihre Aufmerksamkeit vom Flussufer weg. Aber wo ist das Flugzeug? Und wo sind die Fallschirme? Wer hat die eigentlich gesehen? Ein kleiner Junge ist ganz sicher, dass er sie hat fallen sehen. Ein Mann, der sagt, er sei Ingenieur, ist ebenso sicher.

Während die Suche – oder die Show vor all den Neugierigen und Journalisten am Ufer und auf der Brücke – am Tigris weiterging, wurde Bagdad noch mehrmals von Bomben getroffen. Kräftige Detonationen ließen die Fensterscheiben klirren, und die Leute rannten auf die Straße. Nach vier Bombentagen haben sie sich an das Knallen und die Explosionen gewöhnt. Die Neugier ist größer als die Angst. Es knallt sieben Mal hintereinander.

Eine große weiße Rauchsäule steigt am Horizont auf. Lautstark besprechen alle, wo die Bombe eingeschlagen sein könnte. Alle haben etwas gesehen oder kennen jemanden, der etwas gesehen hat oder kennen jemanden, der jemanden kennt. In der kommenden Nacht, zum Montag, wird sich in den Lärm der Flugzeuge und Explosionen und des Luftabwehrfeuers auch noch der Ruf des Muezzins mischen.

In einer der Vorstädte begegnen wir Amir. Aufgeregt erzählt der junge Mann von einem anderen amerikanischen Piloten, der am Sonntagmorgen abgeschossen worden sein soll. „Der Mann lebt, er hat den Schleudersitz genommen“, erzählt Amir. „Er landete auf dem Dach der Kindi-Schule und fing an, wie wild um sich zu schießen. Ich stand direkt daneben, ich bin Wachmann, ich habe gerade meine Runde gemacht.“ Die Polizei sei gekommen und Soldaten, sie seien aufs Schuldach geklettert. „ Da warf der Pilot die Waffe weg, legte die Hände in den Nacken und sank auf die Knie.“

„Wie sah er aus?“

„Er hatte keinen Bart und seine Haut war weiß. Auf dem Kopf trug er einen Helm, und in einer Tasche auf dem einen Oberschenkel steckte eine Landkarte. Er trug einen Pilotenoverall mit einem langen Reißverschluss. Er sah sehr verängstigt aus.“ Amir sagt, das abgeschossene Flugzeug liege zehn Kilometer weiter entfernt und dass der Pilot zum Schluss festgenommen worden sei. Amir ist Mitglied der Baath-Partei, der Partei Saddams. Ihre Aufgabe besteht jetzt unter anderem darin, den Kampfeswillen der Bevölkerung zu stärken und zu zeigen, dass Saddam der starke Mann ist. „Der Irak wird siegen“, versichert Amir. „Wir werden dem Feind die Hand abhacken.“ Die Geschichte vom Piloten auf dem Dach der Schule ist eines der vielen unbestätigten Gerüchte in Bagdad an diesem Tag.

Im irakischen Fernsehen werden ständig Berichte über die Stärke des irakischen Heeres verlesen. Alte Aufnahmen von Paraden und von Soldaten beim Training werden gezeigt. Sie springen über brennende Panzer, bearbeiten sich mit asiatischer Kampfkunst und klettern steile Felswände hoch. „Der Feind ist geschwächt“, liest der Moderator vor. Seit die Bombenangriffe begannen, trägt auch er die feldgrüne Uniform der Baath-Partei. „Wir siegen an allen Fronten“, lautet die Meldung vom Verteidigungsminister. Es wird nicht gemeldet, wo oder wann gekämpft wurde, ob es Tote gab oder wie weit die Amerikaner vorgerückt sind.

Die Zuschauer sollen das Gefühl bekommen, dass sie am Kampf gegen die Amerikaner beteiligt sind. Auf der ersten Seite der Samstagszeitungen wurde allen eine ansehnliche Belohnung versprochen, die wirklich mitmachen. Für den Abschuss eines Flugzeugs soll es 100 Millionen Dinare geben, das sind 55000 US-Dollar, für einen Hubschrauber die Hälfte, dasselbe für einen lebenden Piloten, nochmal die Hälfte für einen toten.

Während die Gerüchte und die Stimmen nicht aufhören, verlassen die Leute in der Dämmerung die Brücke über den Tigris. Friedlich fließt der Fluss genau wie damals, als hier ganz in der Nähe der Turm zu Babel gebaut wurde. Das liegt viele Jahre und viele Kriege zurück.

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