Zeitung Heute : Die Unverbesserliche

Sie war alles: Mutter und Rebellin, zart und tyrannisch. Die große Schauspielerin Inge Meysel ist tot

Harald Martenstein

Als sie 90 wurde, veranstaltete das Fernsehen natürlich eine Gala. Der prominenteste Ehrengast hieß Alain Delon. Als Delon auf die Bühne kam und ihr gegenüberstand, schaute sie kurz zu ihm hoch und sagte: „Belmondo wäre mir lieber gewesen.“

Ihr Herz war groß. Das Mundwerk war noch größer.

Es war in Berlin, wo sie geboren wurde und das Frechsein gelernt hat. Es waren die Nazis, die ihr die Mutterrolle einbrockten. Noch in der Weimarer Republik hatte Inge Meysel ihre ersten Rollen gespielt, meist in Boulevardtheatern. Im Dritten Reich durfte sie nicht auftreten, weil ihr Vater, ein Tabakhändler, Jude war. Als ihre Laufbahn endlich beginnen durfte, ist sie deshalb schon Mitte 30 gewesen, und 50, als die Karriere in Schwung kam.

Für die Rolle des begehrenswerten Liebesobjekts war sie nach den Vorstellungen der damaligen Zeit zu alt. Also spielte sie das Liebesobjekt Mutter. Und schon bald konnte sich in Deutschland niemand mehr an eine Zeit erinnern, in der Inge Meysel etwas anderes gewesen war als eben die Mutter. Von all ihren Mutterrollen ist es vor allem eine gewesen, die sie nie wieder loswurde. Inge Meysel, das war Käthe Scholz in der Fernsehserie „Die Unverbesserlichen“, ausgestrahlt von 1965 bis 1971.

Pro Jahr wurde eine Folge der „Unverbesserlichen“ gesendet, meist im Mai. Stets war, wie im richtigen Leben, seit der letzten Folge ein Jahr vergangen. Das Prinzip der „Lindenstraße“, nur verlangsamt. „Die Unverbesserlichen“ begleiten Deutschland vom Ende der Ära Adenauer bis zum Höhepunkt der Ära Brandt, es ist die Serie der Umbruchsjahre. Fast alles, was Meysel danach machte, sind Zitate, Variationen, Weiterentwicklungen oder auch Dementis der Figur Käthe Scholz gewesen. Jahrzehntelang. Als ehrgeizige Schauspielerin hat sie es oft bedauert, so festgelegt zu sein. Sie hat Ausbrüche versucht. Letztlich sind sie misslungen.

Festgelegt zu sein hat auch Vorteile. Inge Meysel besaß in Deutschland mehr Einfluss, als es bei Schauspielerinnen üblich ist. Sie war ein Rollenmodell. Sie führte dem deutschen Publikum einige Jahre lang vor, was es bedeutet, Frau und Mutter zu sein. Käthe Scholz war weit entfernt von den leidensbereiten, sanften, sich willig unterordnenden Müttern der Ufa-Filme. Zwar litt auch sie, und wie. Ihre Augen schwammen oft in Tränen, die Stimme zitterte, in solchen Momenten sah Meysel ihrer italienischen Kollegin Giulietta Masina ähnlich. Sie war in der Serie außerdem Hausfrau, nicht berufstätig, die klassische Lösung. Aber sie war in der Familie der Chef. Sie strahlte eine Kraft, eine Energie und auch einen Herrscherwillen aus, der ihrem Ehemann, dem von Joseph Offenbach gespielten Kurt Scholz, völlig fehlte.

In Mutter Scholz spiegelte sich die Veränderung des innerfamiliären Kräfteverhältnisses, von dem kürzlich auch der Kinofilm „Das Wunder von Bern“ gehandelt hat: Die deutschen Männer kommen geschlagen, gebrochen und gedemütigt aus dem Krieg nach Hause und können in den Familien ihre Herrschaft nicht wiederherstellen. Jetzt, ein paar Jahre später, klopfen auch noch der Feminismus und die 68er an die Türen der deutschen Wohnzimmer. Eine der beliebtesten Phrasen der 70er-Jahre wurde das Wort von den „starken Frauen“. Frauen sollten stark sein. Inge Meysel war es.

Kurt Scholz, ihr Serien-Gatte, der mit seiner Knollennase ein bisschen wie eine Figur von Loriot aussieht, wird arbeitslos, erleidet einen Autounfall, wird krank. Er wirkt immer trauriger. Das Matriarchat ist allein schon deswegen notwendig, weil die Männer viel zu schwach sind. Es ist die Zeit der ersten Rezession, das Wirtschaftswunder geht zu Ende, plötzlich ist nichts mehr selbstverständlich, auch die Familie nicht. Die Oma musste bereits ins Heim ausgelagert werden. Nach und nach gehen auch die Kinder. Die Generationskonflikte werden von Folge zu Folge heftiger. Was Familie Scholz zusammenhält, ist allein Käthe, die Mutter. Inge Meysel.

Im Kern handelt die Serie davon, wie eine starke Frau versucht, den Angriff der 68er auf die traditionelle Familie zurückzuschlagen. Trotzdem galt die Serie nicht als konservativ oder reaktionär. Käthe Scholz war einfach zu frech dazu. Sie hatte das selbstverständlich emanzipierte Auftreten der Heldinnen aus den amerikanischen Screwball-Comedys der 30er-Jahre.

Sie war mehrheitsfähig, weil sowohl die Traditionalisten als auch die Reformer etwas an ihr fanden, die einen das Mütterliche und Patente, die anderen das Starke und Rebellische. Sie war schlagfertig, angriffslustig und kauzig, ein winziges, zartes, zerknittertes Persönchen. Sie konnte auch eine Nervensäge und eine Tyrannin sein. Als Interviewpartnerin war sie gefürchtet, weil sie ins Wort fiel, alles besser wusste und schnell beleidigt war. Journalisten, die ihr dumm oder respektlos vorkamen, warf sie aus ihrer Wohnung hinaus, oder sie stand auf und ging weg.

Eine Zeit lang ist sie ganz sicher die beliebteste Frau Deutschlands gewesen. In ihrer größten Zeit, den 60er- bis 80er- Jahren, hatte das deutsche Fernsehen die Kraft, Schauspielerstars hervorzubringen. Keine Promis, keine beliebten Moderatoren, nein, Stars. Inge Meysel wurde zum Inbegriff des Fernsehstars, wie außer ihr höchstens noch Harald Juhnke und Götz George. Willy Brandt verkündete: „Wir schaffen das moderne Deutschland!“ Inge Meysel hat es als öffentliche Person verkörpert. Sie war links und eine Selbstdarstellerin, beides mit Genuss. Sie war bei vielen Kampagnen dabei und hat eine Menge Protesterklärungen unterschrieben. Den „Stern“ verklagte sie wegen angeblich sexistischer Titelbilder, das Bundesverdienstkreuz lehnte sie ab.

Auf ihrer Garderobe stand eine kleine Seerobbe. Mit dem Regisseur John Olden war sie viele Jahre verheiratet, ihre große Liebe, sagte sie. Olden starb. Danach liebte sie auch Frauen. Kinder hatte sie nicht, überhaupt war sie nicht der mütterliche Typ, jedenfalls nicht privat. In späteren Jahren hat sie oft die Nachtseite des Mütterlichen verkörpert, kalte, übermächtige, erdrückende Mütter. War sie eine große Schauspielerin? Wandlungsfähigkeit zu zeigen, fällt allen schwer, die so festgelegt sind wie sie, die eine öffentliche Rolle spielen als lebender Markenartikel. Bei Inge Meysel konnte man es sehen, wenn sie sentimentale Szenen zu spielen hatte, sie, die so unsentimental und schnoddrig war wie die meisten Berlinerinnen ihrer Generation. Kitsch? Niemals. Sie machte die Stimme rau und stellte ihre Stacheln auf. Die großen Gefühle, Liebe, Angst, Sehnsucht, das alles huschte nur kurz über ihr Gesicht, es sah dann einen Moment lang sehr einsam und verletzlich aus, und man erkannte, wie gut sie war.

Jetzt starb sie im Alter von 94 Jahren in ihrem Haus in Hamburg.

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