Zeitung Heute : Die unverhoffte Hoffnung

Gratismedikamente geben in Südafrika Aids-Kranken eine Chance zum Überleben – dank einer Initiative der G-8-Staaten

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Viele hatten ihr abgeraten. Die Pillen würden sie nur noch kränker machen, und am Ende würden die Tabletten sie umbringen. So verweigerte sich Numvuyo Ngqisha den Ärzten und zog aus Kapstadt fort, um in ihrer Heimatstadt, dem südafrikanischen East London, zu sterben. Das war vor zwei Jahren. Damals, als Numvuyo Ngqisha akut an Aids erkrankte, wog sie nur noch 48 Kilo, der Lebensmut hatte sie verlassen. Ärzte hatten schon zwei Jahre zuvor bei einer Wundbehandlung am Bein festgestellt, dass sie HIV-positiv war. „Ich war sicher, dass es keine Hoffnung für mich gab“, sagt sie heute.

Damals meldete sich auch noch die Tuberkulose, die Kräfte schwanden nun fast völlig, und dann, als es tiefer nicht mehr ging, entschloss sich die Frau mit den sanften, traurigen Augen doch, jene Tabletten zu schlucken, vor denen sie vorher so viel Angst gehabt hatte. Es geschah das Gegenteil von dem, was sie befürchtete: Binnen weniger Wochen stieg Numvuyo Ngqisha aus dem Rollstuhl und lief alsbald ohne Krücken um die Hütte der Eltern. Auch der Appetit kehrte zurück, und nach einiger Zeit zog die 41 Jahre alte Frau wieder nach Kapstadt.

Dort allerdings kehrte das typische Kribbeln in Beinen und Füßen plötzlich zurück, ein Rückschlag drohte. Doch Numvuyo Ngqisha wusste, dass sie diesmal etwas anders machen würde als damals, und ließ die Behandlung rechtzeitig anpassen.

Seit knapp fünf Wochen liegt Numvuyo Ngqisha nun in einem lichtdurchfluteten Zimmer eines modernen Aids-Hospizes in der Kapstädter Township Philippi. Über dem Bett hängt das Poster eines Eisbergs, daneben steht ein schlichter Holztisch mit ihren Medikamenten, in der Ecke plärrt ein Ghettoblaster. „Ich lasse mich von dem Rückschlag nicht unterkriegen“, sagt sie. „Ich will mein Leben in vollen Zügen genießen. Und ich will eines Tages zu meinen beiden Kindern zurück, die nun bei ihrer Großmutter leben. “

Im Raum gleich nebenan liegt Themba Sibiya. Auch bei ihm wurde das HI-Virus eher zufällig entdeckt. Mediziner machten den Befund, nachdem sich der gelernte Automechaniker bei einer Reparatur schwer am Bauch verletzt hatte. „Der behandelnde Arzt sagte mir damals, dass ich nicht mehr lange zu leben hätte. Es war wie ein Schlag ins Gesicht“, sagt Themba.

Damals ignorierte er die Diagnose, tat so, als wäre nichts geschehen. Doch nur wenige Tage später begann der körperliche Zerfall. Vier Wochen später ging er an Krücken. Dann kam er ins Aids-Hospiz, wo er gewaschen und gefüttert werden musste und die Helfer ihm in den ersten Tagen Windeln anlegten.

„Themba kam im Stadium 3 zu uns, er wäre gewiss gestorben, wenn er nicht behandelt worden wäre“, sagt Otto Kohlstock, Missionar des Berliner Missionswerks in Südafrika. Kohlstock arbeitet seit Jahren in Philippi und hat hier rund um die alte Kirche das Zentrum „iThemba Labantu“ aufgebaut. Das heißt in der lokalen Sprache der Schwarzen so viel wie: „Den Menschen Hoffnung geben“.

Die vor kurzem eingeweihte Aidsstation ist Teil der Einrichtung. Sie hat vier Vierbettzimmer und zwei Zweibettzimmer, die jeweils direkten Zugang zu einem Bad haben – ein für die meisten schwarzen Südafrikaner fast ungekannter Luxus. Außerdem gibt es ein Sterbezimmer und einen Tagesraum für die Patienten. Anders als die Bezeichnung „Hospiz“ nahelegt, soll die Station aber für die meisten Kranken nicht die letzte Station in ihrem Leben sein.

„Wer hier eingeliefert wird“, sagt der Pfarrer, „ist für ein Krankenhaus noch nicht krank genug, aber zu krank, um alleine zurechtzukommen.“ Bei den meisten fehle es daheim an den einfachsten sanitären Einrichtungen. Mit antiretroviralen Medikamenten und vitaminreicher Kost päppeln die Krankenschwestern die Patienten wieder auf. Kohlstock sagt: „Bei über neun von zehn HIV-Infizierten schlägt die Behandlung mit den Anti-Aids-Präparaten gut an. Viele können nach etwa zwei Monaten entlassen werden und sind dann in der Lage, ein weitgehend normales Leben zu führen.“

Der Erfolg in „iThemba Labantu“ zeigt, was auch anderswo mit mehr Engagement möglich wäre. Doch noch ist das Zentrum eher eine Ausnahme. In Philippi, einer der ärmsten Townships Kapstadts, ist nach Schätzungen fast jeder dritte Bewohner mit dem Hi-Virus infiziert, das Aids verursacht. In ganz Südafrika gibt es schätzungsweise sechs Millionen Infizierte – bei einer Bevölkerung von 45 Millionen Menschen. Etwa 800 000 von ihnen sind inzwischen akut an Aids erkrankt. Doch nur knapp 250 000 haben am Kap derzeit Zugang zur kostenlosen Ausgabe von Aids-Medikamenten.

Gewisse Fortschritte gibt es jedoch: Die Kosten für die Medikamente liegen inzwischen im Schnitt bei weniger als 20 Euro im Monat. Vor zehn Jahren kostete die gleiche Behandlung noch mehrere Tausend Euro im Jahr. Möglich wurde das auch durch die Gründung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose durch eine Initiative der G-8-Staaten. Dadurch und durch eine Erhöhung der Hilfszusagen für die Behandlung von Aids-Kranken in Afrika stieg die Zahl der mit lebensrettenden Medikamenten versorgten Menschen von 50 000 im Jahr 2002 auf 1,34 Millionen Menschen im Jahr 2006.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar