Zeitung Heute : Die Unvollendeten

Mit England will ein Team Weltmeister werden, das keine Mannschaft ist. Alle Spieler gehen mit eigenen Geschichten auf Sponsorenjagd: Beckham schlägt Flanken, deren Adressaten verzogen sind. Rooney schmollt nach seiner Wunderheilung. Und Trainer Eriksson wirkt wie ein besserwisserischer Opa. Trotzdem ist dieser Haufen in der Lage, den Titel zu holen

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Von Robert Ide

Von dieser Verletzung wird sich England nicht so schnell erholen. 73 Minuten lang musste Victoria Beckham in Terminal A des Flughafens Köln/Bonn auf den Start eines von ihr und anderen Spielerfrauen gecharterten LTU-Airbusses warten. „Was ist los?“, soll sie nach weltweit verbreiteten Berichten englischer Zeitungen gebrüllt haben. „Ein Hund wird besser behandelt als wir.“ Mehr als 600 Euro hatte Victoria Beckham für den exklusiven Rückflug vom WM-Spiel zwischen England und Schweden ins Teamquartier in Baden-Baden bezahlt, doch als es losgehen sollte, war die Maschine nicht aufgetankt. Zuvor stand der Tross der WAGs – Wives and Girlfriends – mit dem Flughafenbus schon zwei Stunden im Stau. Football’s coming home? Die Frage ist nur, wann.

Die englische Mannschaft hat immer eine Geschichte zu erzählen, ach was, zehn Geschichten pro Tag. Die meisten von ihnen haben mit Tragik zu tun und mit dem uneleganten, aber nicht unerfolgreichen Widerstand dagegen. Das geht bei den WAGs los, die ihre eigenen Sprecher haben, um verkünden zu lassen, was man als hippe Spielerfrau im Rentner-Kurort Baden-Baden alles einkaufen kann und dass man hier „auch einmal gerne Party bis tief in die Nacht macht“. Und es hört noch lange nicht auf bei den Männern, die ebenfalls Werbestars sind, jeder für sich, und die gemeinsam eine Mannschaft bilden sollen, aber das nicht können.

Die prominenten Problemfälle lassen die Fantasie der stolzen Fans blühen, doch auch den lautesten Dauersingern der WM kann nicht entgehen, dass ihr Team unvollendet ist. Nach drei Spielen ist schwer vorstellbar, dass dieser Haufen an Einzeldarstellern die goldene Trophäe nach Hause in das Land der Fußballbegeisterung bringt. Dabei hat Sven-Göran Eriksson nicht weniger als den Titel versprochen. Aber der Trainer ist ja eine unvollendete Geschichte für sich.

Das vordringlichste Problem der Engländer, natürlich eines von zehn vordringlichen Problemen, ist der Mann von Victoria Beckham. Seine Flanken fliegen in die Strafräume, hart angeschnitten, eng am Torwart. Doch meist sind die Adressaten unbekannt verzogen. Der Kapitän sagt, ihm sei egal, welchen Gegner er als Nächstes schlage, und blickt bei solchen Sätzen freundlich ins Ungefähre. Allein, David Beckhams Spiel wird dem Anspruch noch nicht gerecht. Seine Eckbälle segeln ins Niemandsland. Und die Freistöße bringen höchstens Tore ein, wenn wie zum Auftakt gegen Paraguay ein Gegenspieler aus Versehen den Kopf falsch in die Flugbahn hält. Der 31-Jährige von Real Madrid bekommt nach einer weiteren lustleeren Klubsaison die Weltmeisterschaft nicht zu fassen. Manche Pässe übers halbe Spielfeld bleiben wie von Geisterhand am Fuß der Angespielten kleben, andere Schlenzer verschlunzt er wieder. Natürlich reicht einem David Beckham eine helle Sekunde, um aus dem eigenen Schatten zu treten. Die kann noch kommen – vielleicht schon heute beim Achtelfinale gegen Ekuador.

Die Grundsatzdiskussion über den Werbe-Weltmeister David Beckham bricht leise, aber stetig auf; Trainer Eriksson drohte ihm sogar mit der Bank. Ein solches Szenario würde aber eine Grundsatzdiskussion über die Mannschaft nach sich ziehen, die der Verband und seine Sponsoren nicht gebrauchen können. Die Fifa jedenfalls möchte sich the story of Beckham noch nicht kaputtmachen. Trotz launischer Fußlümmelei gegen Trinidad & Tobago wählte ihn eine Technische Kommission des Fußball-Weltverbandes zum „Man of the match“. Das hatte den Vorteil, dass Beckham auf der offiziellen Pressekonferenz nach Spielende zu erscheinen hatte – für die Öffentlichkeit fielen ein paar schöne Sprüche und ein straff gezogenes Lächeln ab. Dabei kann auch David Beckham seine Versagensangst nicht ganz verbergen. Den lange auf der Bank sitzenden und dann überzeugenden Owen Hargreaves versuchte er klein zu schweigen. Oder er beschwerte sich über den flatternden neuen Adidas-Ball. Früher hatte er so etwas nicht nötig.

Alles ist bereitet für ein großes Turnier der Engländer. Die Macht der Gegner war bislang überschaubar, den Deutschen ging man erfolgreich aus dem Weg. Und ist es nicht auffällig, dass die Fußballbegeisterung in Deutschland vor allem englischen Traditionen huldigt? Vor jedem Spiel spielt die Fifa-Regie „Football’s coming home“ in den Stadien ein. Und die Schiedsrichter warten mit dem Wiederanpfiff, bis die englischen Fans nach der Pause noch einmal die Nationalhymne intoniert haben. Sogar der Ticket-Schwarzmarkt wurde legalisiert – so haben die englischen Anhänger bei jedem ihrer Spiele die Übermacht. Nur wenn es losgeht und sich die Spieler die Bälle uninspiriert und meist quer zuschieben, legt sich die Gänsehaut schlafen. England ist der Titelfavorit, der den langsamsten Fußball spielt. Das liegt daran, dass das Verständnis der Stars füreinander begrenzt ist. Viele sehen nur sich, in der Werbewelt, auf dem Rasen. So schlief der Siegeswille nach der Führung gegen Schweden ein – 2:2.

Immerhin bietet die Mannschaft Tag für Tag genügend Erzählstoff, um die Wartezeit auf großen Sport zu vertreiben. Wie ein Wunder wird der geheilte Mittelfußbruch von Wayne Rooney gefeiert. Dabei spielt der 20 Jahre junge Stürmer bislang ohne Kraft und Körpereinsatz. Nur wenn er ausgewechselt wird, hat er noch Puste zum Schmollen und lässt wissen, er fühle sich „fast schon wieder ganz fit“. Rooneys Anwesenheit immerhin verleiht dem Team eine sonst kaum sichtbare Gruppendynamik. Seine Hereinnahme brachte die Wende im Ringen mit Trinidad & Tobago, die Kameraden rannten plötzlich füreinander. Fast hätte Rooney gegen Schweden sein erstes Tor erzielt – nach einer genauen Flanke von Beckham. Die vollendete Geschichte eines solchen Treffers hätte alle anderen überstrahlt. Hätte.

Hoffnung und das Wissen um die Stärke der Einzelnen – mehr hat die englische Mannschaft als Sicherheiten noch nicht hinterlegt. Schön anzuschauen sind die Versuche ihres Zusammenspiels bisher nicht, auch weil selten jemand Lust verspürt, Räume freizurennen. Dennoch sind Steigerungen jederzeit möglich. Neben Rooney rumpelt sich meist der zwei Meter lange Peter Crouch erfolgreich durch das Sturmzentrum, der gegen Ekuador wohl erst als Joker zum Einsatz kommt. Crouch setzt sich oft durch, er hat auch manchen Pass per Kopf verlängert – sein Tor gegen Trinidad & Tobago zog er allerdings an den Haaren des Gegenspielers Brent Sancho herbei. Crouch hätte im Laufe der Weltmeisterschaft Opfer eines besseren Stürmers werden können. Aber Michael Owen, der angeschlagen begonnen und sich stetig gesteigert hatte, musste mit einem Kreuzbandriss nach Hause fliegen. Owen will zum Finale wiederkommen – „um mir meine Goldmedaille abzuholen“. Eine große Klappe haben sie alle, darin immerhin sind sie sich einig.

Der Trainer ist da keine Ausnahme, auch wenn er stets vornehme Worte wählt. Der demontierte Sven-Göran Eriksson macht auf seiner Abschiedstournee einen großväterlichen, also einen besonnen-besserwisserischen Eindruck. Eriksson wirkt fast abgekoppelt von dieser WM, wenn er auf den Pressekonferenz-Podien von schönen Spielzügen redet, die bald gespielt werden, die aber noch niemand von den Engländern gesehen hat. Im Team hat sich der schwedische Coach mit beschränkter Befugnis wieder Respekt erarbeitet – durch Rooneys Hereinnahme trotz heftigen Widerstandes von dessen Klub Manchester United. Und mit Rooneys Herausnahme trotz Protesten seiner Sturmhoheit. Erikssons Assistent Steve McClaren kann also noch etwas lernen bei dieser WM, bevor er danach selbst zum gejagtesten Mann auf dem englischen Boulevard aufsteigt.

Eine Grundsatzdiskussion über die Zukunft der Mannschaft wird wohl erst nach dem Trainerwechsel ausbrechen. So lange bleibt die Frage ungeklärt, wer eigentlich der Chef des ehrgeizigen Unternehmens ist. Steven Gerrard stellt sicher Ansprüche, hat aber trotz zweier Tore bislang zu selten mannschaftsdienliche Eindrücke hinterlassen. Auch John Terry läuft sich warm, obwohl er die Räume eher hinten als vorne ordnet. Und Frank Lampard, der in der Defensive nicht immer überzeugt, darf vorne die Elfmeter schießen – statt David Beckham.

Vielleicht passt diese Art ganz gut zum englischen Fußball, der sich wie kaum ein anderer über die Klubwettbewerbe definiert. Dieser Fußball fällt weder mit europäischer Laufstärke auf noch mit südamerikanischem Zauber. Jeder Profi folgt seiner eigenen Vorstellung von spielerischer Ordnung. Und so flankt Beckham über das halbe Feld und nimmt damit die Kollegen aus dem Spiel, etwa den an der Offensive durchaus interessierten Lampard oder eben Gerrard. Die versuchen sich inzwischen auf andere Art in den Vordergrund zu spielen. Den flatternden Ball, den Beckham angeblich nicht mag, hämmern sie sehenswert aus der Distanz aufs Tor. Jeder wurschtelt für sich. Dem Erfolg des Teams hat es bislang nicht geschadet.

So viele Geschichten hat England versammelt – vielleicht weil das Team so viel Fußballprominenz vereint. Die beste Liga der Welt soll ausgestellt werden, eskortiert von der aufregendsten Spielerfrauendelegation der Weltmeisterschafts-Geschichte und der hingebungsvollsten Fangemeinde dieses Turniers. Viele ihrer Helden können mit einem Gedankenblitz ein Spiel entscheiden. Alle zusammen bieten allerdings bislang Unvollendetes. Football’s coming home? Die Frage ist nur, wie.

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