Zeitung Heute : Die Urmutter der Steinzeit

Der Tagesspiegel

Von Mathias Orgeldinger

„Ich fühle eine starke Verbindung zu den Jägern der Eiszeit“, sagt Ruth Hecker, Initiatorin der Ausstellung „Urmütter der Steinzeit“ im staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart. Umgeben von abstrakten, erdfarbenen Bildern werden etwa achtzig Frauenstatuetten gezeigt, die auf roter Erde, getrockneten Olivenblättern, Mooreichenschnipseln, Gerste, Lös oder Schieferschutt gebettet sind. Vor einer „Feuerstelle“ aus rotem Ocker sitzen Besucher auf Fellen. Eine altsteinzeitliche Venus macht als Handschmeichler die Runde. Fehlt nur noch, dass sich die Leute an den Händen halten und die „Große Mutter“ anrufen.

Spiritualität im Naturkundemuseum? Mehr als 25 000 Jahre lang haben Menschen das vermeintlich „Ewig Weibliche“ in charakteristischen Kunstwerken verewigt. „Da die Frauenfiguren von ihrem Ursprung ein spirituelles Phänomen sind, können wir sie heute eben so wahrnehmen, auch wenn die gesellschaftlichen Umstände sich gewandelt haben“, sagt Ruth Hecker. Im Grunde ihres Wesens seien es einfache und elementare Botschaften, welche die Essenz des menschlichen Lebens in sich tragen.

Zwar sind die Gesänge und Tänze längst verstummt, die Opfergaben verwest, die meisten Kultgegenstände der Steinzeit, die eigentlich eine „Holzzeit“ war, längst vermodert. Doch schon vor 32 000 Jahren experimentierten die Künstler mit Materialien, die sicherstellen sollten, dass das Werk ihre Schöpfer überdauert.

Die derzeit älteste Frauendarstellung der Eiszeit, gefunden bei Stratzing in Niederösterreich, ist aus Schiefer. Sie ist nur etwa sieben Zentimeter groß. Kunst und Kult sind immer Ausdruck der Lebensweise: Jäger und Sammler konnten eben keine großen Statuen mit sich herumtragen.

Vor etwa 28 000 bis 22 000 Jahren tauchen in den altsteinzeitlichen Siedlungsplätzen von Westfrankreich über Italien, Österreich und Tschechien bis nach Sibirien zahlreiche Frauenidole aus Geweih, Knochen, Mammut-Elfenbein, Stein oder gebranntem Lehm auf. Darstellungen von Männern sind dagegen sehr selten.

Schwere, hängende Brüste und ausgeprägte Beckenregionen zeigen die Frau als Mutter und Quelle der Fruchtbarkeit. Dies galt im realen Sinne für die zwei bis drei Kinder, die sie bei einer Kindersterblichkeit von 50 Prozent und einer drei- bis vierjährigen Stillzeit großziehen konnten. Dies berührte aber sicher auch die religiöse Vorstellungswelt unserer Vorfahren, in der die Frau vermutlich ein Symbol für den Kreislauf des Lebens war.

Die Figürchen haben keinen Standsockel. Vermutlich wurden sie einfach in die Erde gesteckt oder als Schutzgeister (zum Beispiel bei einer Geburt) in der Hand gehalten. Bohrungen zeigen, dass manche Kleinplastiken auch als Amulett getragen wurden.

Obwohl gesichtslose Figuren überwiegen, gibt es auch echte Porträts. Sie könnten eine alte Schamanin oder Ahnmutter darstellen, deren Anwesenheit man über den Tod hinaus sichern wollte.

Besonders interessant ist eine 10,5 Zentimeter große Lehmfigur aus Dolni Vestonice in Tschechien. Die Frau trägt eine Haube oder Maske mit Sehschlitzen, die das Gesicht abschirmt. Ähnliche Kopfbedeckungen findet man auch heute noch bei sibirischen Schamanen, die sich, von der Außenwelt entrückt, in Trance tanzen.

Das Bild der Urmutter und Geisterbeschwörerin sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Menschen der Altsteinzeit bereits viel konkretes Wissen über ihre Umwelt gesammelt hatten. Als gute Tierbeobachter kannten sie sicher auch den Zusammenhang zwischen Sexualität und Schwangerschaft. Die Frau wurde nicht aus Unwissenheit zum alleinigen Bildsymbol der Schöpfungskraft. Wenige Figuren, die sowohl männliche als auch weibliche Attribute tragen, deuten eher auf eine Vereinigung der geschlechtlichen Gegensätze im Bild der Großen Mutter.

Gegen Ende der Eiszeit vor 16 000 bis 12 000 Jahren wandelten sich die Frauendarstellungen. Aus den „barocken“ Figurenwurden schlanke, stark stilisierte Statuetten, die den Vergleich mit Kunstwerken des 20. Jahrhunderts nicht scheuen müssen. Dann begann der wohl schwerste Umbruch in der Menschheitsgeschichte: die neolithische Evolution. Aus Jägern wurden Viehzüchter, aus Sammlern Gärtner, aus zufälliger Aggression wurde systematischer Krieg um Acker- und Weideland. Die kleinen Jägertrupps gingen nach und nach in Gesellschaften mit hierarchisch gegliederter Führungsstruktur auf. Mit Beginn der Kupfer- und Bronzezeit war diese Entwicklung weitgehend abgeschlossen. Die große Mutter schaffte den Sprung in die Jungsteinzeit fast unbeschadet, wenn auch mit verändertem Symbolgehalt.

Nicht mehr die weibliche Fruchtbarkeit stand im Vordergrund, sondern die des Bodens. Die große Kornmutter konnte weit mehr Menschen ernähren, als ihre Vorgängerin in der Altsteinzeit. Einige Figuren mit weiblichen Attributen, in die Getreidekörner eingearbeitet wurden, belegen diesen Funktionswandel. Mehr denn je war der Mensch nun von der gleichbleibenden Abfolge der Jahreszeiten abhängig.

Astronomische Berechnungen halfen zwar den Zeitpunkt der Aussaat zu bestimmen, aber ob das Wetter mitspielte, lag immer noch in den Händen einer höheren Gewalt, deren Beistand man dringend brauchte. Mit der Sesshaftigkeit reifte die Große Mutter zur Gattin. Viele Statuetten besitzen nun Standflächen.

Zunächst verehrte man die Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin im eigenen Haus, spätestens ab der Bronzezeit trifft man sie in Kultstätten und Tempeln an. Spirituelle und religiöse Gefühle bekamen einen gesellschaftlichen Status. Isis (ägyptisch) und Astarte (kanaanisch), Gaia, Rhea, De-meter, Aphrodite (griechisch) und Kybele waren mächtig, doch sie standen bereits im Schatten einer größeren, männlichen Gottheit.

Offenbar hatte der Krieg um das fruchtbare Land besondere Krieger und Fürsten hervorgebracht, deren gesellschaftlicher Status sich nach und nach in der Religion dieser metallzeitlichen Kulturen widerspiegelte. Die antike Fruchtbarkeitsgöttin bekam die Rolle der Gottesmutter zugewiesen.

Informationen im Interntet:

www.naturkundemuseum-bw.de

Die Ausstellung ist noch bis zum 2. April zu besichtigen im Museum am Löwentor. Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart. Rosenstein 1, 70191 Stuttgart; Telefon: 0711/89 36 0; Fax: 89 36 100

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