Zeitung Heute : Die Urszene des Existenzialismus

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Das "Café de Flore" in den fünfziger Jahren, die Stühle sind schon hochgestellt, die Nacht in Saint-Germain-des-Prés ist nicht mehr rückgängig zu machen, und verzweifelt bemüht sich ein Paar, die laufenden Sekunden zu einem Standbild festzuhalten - dieses Foto drückt so etwas wie eine Urszene des Existenzialismus aus. Doch es dauerte nicht lange, da mussten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die Inkarnationen des Lebens- und Geistgefühls am richtigen Seineufer, aus dem Café de Flore fliehen. Schon während der Glanzzeit des "Flore" war es für die beiden schnell unmöglich, dort weiter zu arbeiten und an den schmalen Tischchen ihre Gedanken zu Papier zu bringen; sie zogen ihre Zelte danach in der Bar des Hotel du Pont-Royal auf, nur zwei Schritte vom Verlagshaus Gallimard und den Büros der Zeitschrift "Les Temps Modernes" entfernt. "Saint-Germain-des-Prés existiert nicht mehr - wenn es denn je existiert hat", schrieb schon früh die Autorin Anne-Marie Cazalis. Der Bildband über Sartre und Beauvoir, der jetzt erschienen ist (Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre in Paris. Gerstenberg Buchverlag, Hildesheim 2002. 167 Seiten, 34 Euro), umkreist diese Existenz allerdings von allen Seiten, die heute noch möglich sind. Die bekannten, aber auch weniger bekannte Bilder vom Leben des schreibenden Paars in Paris, vor allem in den magischen Lokalen von La Coupole über die Deux Magots bis hin zur Tabou-Bar, sind hier versammelt, die Stationen zwischen Jardin du Luxembourg und Montparnasse, auch die stimmigen Farben dieser Zeit, das schlierige Grau, das Regenlicht, die Dämmerung - das historische Schwarzweiß der fünfziger Jahre eben. Das "Flore" und viele andere Originalstätten sind als Kulisse heute zwar noch erhalten und florierender denn je; am ehesten wird man der Atmosphäre jener gegenwartsbesessenen, zukunftsorientierten Zeit aber beim Blättern in Büchern wie diesem gerecht, am besten zuhause. Da hat man mehr Einfluss auf die Zubereitung des Milchkaffees. Da kann man alle störenden Elemente, die aus vielen unübersehbaren Richtungen ins Bild drängen, wegblenden. Da hat man endlich wieder den Schein, und nicht nur das Sein und das Nichts.

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