Zeitung Heute : Die US-Fernsehsender werben mit aller Gewalt um die männlichen Singles

Frank Siering

Die Sport-Show beginnt mit einem Klischee: Die großbusige Blondine mit den knallrot geschminkten Lippen tänzelt über die Bühne, um den drei männlichen Gastgebern Chips und Bier zu servieren. Das Publikum gröhlt, die Einschaltquote schießt schon vor dem ersten Football-Bericht durch die Decke.

Ein paar Programme weiter prügelt ein eifersüchtiger Ehemann auf den potentiellen Nebenbuhler ein, bis die Sicherheitskräfte dazwischen gehen. Und nicht nur TV-Moderator Jerry Springer, sondern auch der Programmdirektor der "Jerry Springer"-Show freuen sich über die außer Kontrolle geratenen Aktivitäten vor laufenden Kameras. Noch einmal ein paar Kanäle weiter gezappt, vorbei an schreienden Wrestlern und blutenden "Ultimate Fighting"-Kämpfern, landet der Beobachter schließlich bei seinem Lieblingsfilm, dem "Macho Macho Movie". Jeden Samstag, schön brutal, laut und vor allem nicht "politically correct". Wer in diesen Tagen durch das US-Fernsehen zappt, dürfte, gelinde gesagt, überrascht sein. Das sonst eher prüde und stets nach mehr familienfreundlichen Programmen schreiende US-TV hat sich in kurzer Zeit in ein profanes, frauenfeindliches Macho-Monster verwandelt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue "klassische Männerprogramme" aufflackern - wie zum Beispiel die neue Sitcom "Action" oder die Talkrunde "The X Show".

Macho-TV. Die neue Machart hat Methode. Denn die Marketing-Experten der großen Kabelriesen in den USA wollen so eine längst verloren geglaubte Zielgruppe wieder zurückgewinnen: die Single-Männer. "Die Männer in der Altersklasse von 24 bis 39 sind der heilige Grahl der Werbung", sagt Peter Ligouri, Präsident von FX Cable. "Sie sind jung, haben Geld, ziehen die Sponsoren an", fügt Ligouri hinzu. Demographische Studien zeigen aber in jüngster Zeit, dass gerade diese gern gesehene Zielgruppe den Fernsehmachern verlorengeht.

Männer wie Jim Inglese, ein 33jähriger Versicherungsmanager aus Los Angeles. Er verbringt seine Zeit lieber "vor dem Computer als vor langweiligen, tränenreichen Fernsehsendungen", wie er selbst berichtet. Und auch der 36-Jährige Architekt Jerico Enriquez aus Santa Monica hat "keine Lust auf diese weichen Frauensendungen".

Diese Stimmung unter den fernsehmüden Machos reichte, um die Fernsehmacher in Alarmbereitschaft zu versetzen. Sofort wurden Sendungen konzipiert, die weniger an Gefühl, dafür mehr an Spaß, Action und zum Teil auch an die Dummheit appellieren.

Anscheinend Attribute, die den männlichen Zuseher im amerikanischen Fernsehen anlocken wie das Licht die Fliegen. Wie sonst ist der Erfolg von Howard Sterns Fernsehsendung auf dem Kabelsender "E!" zu erklären, in der der durch seine derben Sprüche bekannt gewordene Stern Frauen in Strapse und oben ohne wie Frischfleisch präsentiert, um sie vor laufenden Kameras ob ihrer körperlichen Makel auch noch lächerlich zu machen.

Waren es bisher eher die kleinen Kabel-Networks, die versuchen, Männer als Zielgruppe zurückzugewinnen, so greifen jetzt die TV-Riesen in den Wettlauf mit ein. UPN, immerhin der sechstgrößte Sender, will sich jetzt "verstärkt um männliche Programme kümmern", wie UPN-Entertainment-Präsident Tom Nunan unlängst mitteilte. Erste konkrete Bemühungen sind auch schon auf dem UPN-Bildschirm zu sehen.

So überträgt das Network jetzt einmal in der Woche ein zweistündiges World Wrestling Match, launcht in diesem Herbst mit der Serie "Power Play" die erste Seifenoper, die sich um ein Eishockey-Team dreht und bringt gleich hinterher die Show "Shasta McNasty", Geschichten einer Männer-WG in Venice Beach. Aber die Männer sind wählerischer geworden. War es in der Vergangenheit immer wieder Sport, der "Monster-Quoten brachte", wie Ligouri sagt, so haben Computer, Videospiele und vor allem das Internet "den Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Männer aufgenommen", sagt Nunan von UPN.

In der Tat: Nach einer Umfrage der US-Firma Odyssey, die das Online-Magazin Telepolis veröffentlicht hat (Web-Adresse: www.heise.de/tp/deutsch/inhalte/te/5351/1.html) verbringen die Amerikaner heute bereits 1 Mrd. Stunden pro Woche vor dem PC, 100 Mill. Stunden mehr als noch im Januar. 37 Prozent der Amerikaner haben einen Online-Zugang von zu Hause und 78 Prozent der Befragten erklärten, dass sie das Internet während der Hauptfernsehzeit nutzten. Die Folge: Die Aufmerksamkeits-Spanne, vor allem bei Männern, wird immer geringer. "Sie wollen Action, schnell und immer wieder", sagt Tim Brooks, Autor von "The Complete Directory to Prime Time TV Shows". Die männlichen Zapper bleiben dann eher auf dem Kanal, wenn es knallt und rummst. Oder eben, wenn langbeinige Blondinen Bier servieren.

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