Zeitung Heute : Die USA brauchen Partner

Die Gelegenheit ist für die Großmächte und Europa günstig, die Probleme der Welt zu lösen

Richard N. Haass

Mein kürzlich erschienenes Buch, „The Opportunity: America´s Moment to Alter History´s Course“, (wörtl.: Die Chance: Der Moment, in dem Amerika den Lauf der Geschichte ändern kann) trägt diesen Titel, weil die Grundmerkmale unserer Epoche ungewöhnlich günstig sind. Im Mittelpunkt steht der Umstand, dass Konflikte zwischen den heutigen Großmächten unwahrscheinlich sind – eine Entwicklung, die China, Russland, Japan, Indien und den europäischen Ländern die Freiheit gibt, mit den Vereinigten Staaten gemeinsame Aufgaben in Angriff zu nehmen. Daraus entsteht die Chance, internationale Beziehungen auf qualitativ andere, positive, dauerhafte Weise neu zu ordnen.

Ohne eine gemeinsame Anstrengung der heutigen Großmächte wird sich die Welt jedoch in Kriegsparteien aufsplittern, denen zuallererst Freiheit und Wohlstand zum Opfer fallen werden. Die Rolle der USA ist hier ausschlaggebend. Nur die US-Führung hat das Potenzial zu ausreichend Schlagkraft und Großzügigkeit, um die anderen Großmächte zusammenzubringen und eine Welt mit besserem Zusammenhalt zu schaffen, die sich den Bedrohungen des gemeinsamen Friedens und Wohlstandes entgegenstellt.

Die USA brauchen Partner; Alleingang ist selten eine brauchbare Lösung. Die Vereinigten Staaten könnten zum Beispiel ohne Zugang zu Stützpunkten und Luftraum anderer Staaten nicht in den Krieg ziehen. Um den Terrorismus zu stoppen, brauchen die Vereinigten Staaten andere Regierungen, die ihre Geheimdienste und Vollzugsbehörden zur Verfügung stellen. Alleine können die Vereinigten Staaten nicht sicherstellen, dass die Technologien und Materialien, die zum Bau von Atomwaffen nötig sind, nicht in die falschen Hände geraten.

Amerika mag reich und mächtig sein, doch es kann nicht einfach Afghanistan, den Irak und andere bedürftige Staaten ohne weitreichende Hilfe anderer Regierungen und der Vereinten Nationen wieder aufbauen. Das Grundprinzip sollte sein, Formen der Zusammenarbeit anzustreben, die so breit gefächert und formal so genau wie möglich festgelegt sind – und auf enger gefasste und informellere Formen der Zusammenarbeit nur bei Bedarf zurückgreifen.

Wie weit es möglich ist, andere von der Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten zu überzeugen, hängt vor allem davon ab, wie ihnen die Vorteile der angestrebten Politik nahe gebracht werden. Wie einmal in anderem Zusammenhang gesagt wurde, ist Außenpolitik allerdings keine Sozialarbeit. Die Amerikaner können von anderen Regierungen keine Unterstützung aus Mildtätigkeit oder gutem Willen erwarten.

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Verhalten anderer Regierungen beeinflussen, wenn es darum geht, sich mit der US-Führung zu verbünden. Dazu gehört das Ausmaß, in dem die Vereinigten Staaten bereit sind, sich auf die zentralen Belange anderer Länder einzulassen. Die Verantwortungsträger der USA dürfen nie außer Acht lassen, dass Außenpolitik innerhalb eines Kontexts entsteht und dass alle Beziehungen (selbst unter Ungleichen) wechselseitig sein müssen.

Auch die Art, wie die USA ihre Außenpolitik führen, ist von großer Bedeutung. Die Vereinigten Staaten sind nicht das einzige Land, in dem die öffentliche Meinung die Politik beeinflusst und einschränkt. Diplomatie muss kein Schimpfwort sein. Der Ton macht die Musik. Die US-Regierung sollte ein bloßes „Nein“ vermeiden und stattdessen ernsthafte Alternativen vorschlagen, wenn ein internationales Abkommen wie das Kyoto-Protokoll oder der Internationale Gerichtshof als inakzeptabel empfunden werden. Die Vereinigten Staaten müssen auch sorgfältig darauf achten, in Einklang mit ihren eigenen erklärten Zielen zu handeln. Es ist schwierig, ein glaubwürdiger Sprecher für Freihandel zu sein, wenn die Vereinigten Staaten gleichzeitig Subventionen aufrechterhalten oder ihre eigenen Hersteller unfair vor der ausländischen Konkurrenz beschützen. Im Einklang mit den eigenen Prinzipien zu handeln, ist nicht weniger wichtig; die Art von Missbrauch, wie er in Abu Ghraib getrieben wurde, unterminiert die Fähigkeit der USA, in der Welt ein glaubwürdiger Fürsprecher für Menschenrechte und die Respektierung des Rechtsstaates zu sein.

Es ist auch wesentlich, was andere über die Vereinigten Staaten und ihre Außenpolitik denken. Antiamerikanismus ist alles andere als kostenfrei. Kurzfristig beeinflusst er, wie viel Zusammenarbeit und Lastenverteilung möglich ist. Das ist aus zwei Gründen bedeutungsvoll. Die meisten globalen Angelegenheiten erfordern eine globale Reaktion. Alleingänge sind nicht nur wirkungslos, sondern auch kostenintensiv.

Langfristig zersetzen sie die Fundamente der amerikanischen Stärke, auf denen die Existenz der Chance zum Teil beruht. Antiamerikanische Einstellungen haben auch einen langfristigen Preis, denn Menschen, die im Hass gegen die Vereinigten Staaten aufwachsen, kommen eines Tages an die Macht. Dann misstrauen sie den Vereinigten Staaten – oder schlimmer. Dadurch werden zukünftige Anstrengungen, kollektive Reaktionen auf gemeinsame Probleme zu organisieren, nur erschwert.

Die Vereinigten Staaten brauchen die volle Bandbreite der außenpolitischen Instrumente. Es ist eine moderne Armee vonnöten, um von Kriegen abzuschrecken beziehungsweise um zu siegen, wenn sie trotzdem ausbrechen. Doch die Truppen und die Ausrüstung, die auf Schlachtfeldern gebraucht werden, lassen sich nicht leicht und gewiss nicht automatisch an die chaotischen Nachkriegsverhältnisse anpassen, die immer mehr zum Charakteristikum für die heutige Welt werden. Die Vereinigten Staaten können letztendlich in der Welt nicht reüssieren, indem sie sich nur auf militärische Macht verlassen. Wie Otto von Bismarck sagte: „Auf Bajonetten lässt sich schlecht sitzen.“

Es ist auch eingewisses Maß an Bescheidenheit vonnöten. Die Antwort auf Probleme, die eine bestimmte Regierung verursacht hat, besteht selten darin, dass die Regierung abgelöst werden muss. Ein Regimewechsel ist meist schwierig und erfordert, dass das betreffende Land besiegt und besetzt wird – ein hoher Kostenfaktor, egal nach welchem Maßstab. Außerdem kann man nicht darauf zählen, dass damit kurzfristig der gewünschte Effekt erreicht wird. Das bedeutet fast immer, dass andere politische Strategien eingesetzt werden müssen, um das Verhalten von schwierigen oder gefährlichen Regierungen zu beeinflussen. Dazu gehört im Normalfall ein Paket von Anreizen und Strafen, mit denen das Verhalten verändert werden soll. Das aktive Einbeziehen sowohl anderer Länder als auch des betreffenden Landes hat beim Versuch, dessen Politik zu gestalten, die besseren Chancen.

Die Zeit ist reif für ein neues, kreatives Denken, das andere Mächte mehr als Partner denn als Rivalen begreift. Neue internationale Institutionen und Abkommen werden gebraucht, um bestimmte Aufgaben in Angriff zu nehmen; neue Formen wirtschaftlicher Kontrollmechanismen sind vonnöten, um den Währungsausgleich zu regulieren. Auch in der westlichen Hemisphäre werden neue Abkommen gebraucht, unter anderem solche, die eine besser integrierte nordamerikanische „Gemeinschaft“ schaffen würden, die das Wirtschaftswachstum besser voranbringen und Fragen der Sicherheit, Umwelt, Energie und Arbeit behandeln sollten. Regierungen dürfen sich nicht länger hinter ihrer Souveränität verstecken und die eigenen Leute misshandeln. Wenn sie das tun, hat die internationale Gemeinschaft das Recht und die Pflicht zu handeln, um die Unschuldigen zu schützen. Regierungen, die Terroristen unterstützen und Waffen weiterleiten oder Massenvernichtungswaffen benutzen, verwirken ebenfalls ihre Souveränität und liefern sich internationalen Sanktionen bis hin zu ihrem Sturz aus.

All dies sollte mit Dringlichkeit behandelt werden. Die Chance, die wir jetzt haben, ist nicht von Dauer. Mit der Zeit wird sie verblassen oder sogar ganz verschwinden. Es könnte sein, dass sich die Welt im Jahrzehnte langen Kampf gegen die Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen an einem Wendepunkt befindet. Die Zahl der Terroristen wächst, und zweifellos wachsen gleichzeitig ihre Raffinesse und ihre Fähigkeiten, großen Schaden anzurichten.

Der Antiamerikanismus, der die Überzeugungsarbeit erschwert, mit der wir andere für eine Lastenverteilung gewinnen und der mit der Zeit Anführer an die Macht bringen könnte, deren Weltsicht vom Misstrauen gegen die Macht Amerikas geprägt ist, steht kurz davor, sich auf Dauer auszubreiten.

Die Grundlage für alles, was die Vereinigten Staaten in der Welt tun, ihre wirtschaftliche Stärke, ist angesichts der großen Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen der US-Regierung in Gefahr. Die Wirtschaft der USA ist abhängig von Veränderungen auf dem Währungsmarkt, dem Verlust von Zugängen zu angemessenen Öl- und Gasvorräten oder beidem. Das Schicksal der laufenden Wirtschaftsverhandlungen könnte enormen Einfluss auf das weltweite Wirtschaftswachstum haben.

Das Ergebnis ist, dass diese Chance zugleich mit Notwendigkeit und Dringlichkeit besteht. Die Dinge müssen sich nicht zwangsläufig zum Guten wenden. Unsere Epoche könnte leicht der vergangenen ähnlich werden – vom Kalten Krieg bestimmt oder, viel schlimmer, vom Chaos.

Doch genauso gut könnte diese Epoche immer noch viel versprechend werden, bestimmt von dauerhaftem Frieden, wachsendem Lebensstandard und größerer Freiheit. Die USA werden kaum von Mangel an Ressourcen oder institutionellen Barrieren daran gehindert, diesen Kurs einzuschlagen. Zukünftige Generationen werden Grund zur Kritik haben, wenn sich einmal herausstellt, dass wir diese Chance nicht genutzt haben.

Der Autor ist Präsident des Council on Foreign Relations in New York.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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