Zeitung Heute : Die Vagabunden schlagen zurück

Martin Droschke

"Schützt Humanismus denn vor gar nichts?" schrieb Alfred Andersch im Nachwort seines 1980 publizierten Alterswerks "Der Vater eines Mörders". Und fügte hinzu: "Diese Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen." Die Aufarbeitung der Exzesse im Dienst ideologisch-rassistischer Reinheiten werden noch etliche Generationen in Atem halten. Sollte der Himalaya der Shoa einmal abgetragen sein, wird der Blick frei auf Dutzende weiterer Gebirge kollektiver Lebensläufe, deren Material die irrationale Verfolgung und Unterdrückung ist.

Die Schriftstellerin Mariella Mehr, 1947 in der vermeintlich neutralen Schweiz geboren, ist zu jung für die Schublade der Opfermehrheiten Jüdin, Roma, Sinti; auch ist sie nicht lesbisch, nicht behindert; kann weder Partisanen- noch Nazitochter sein. Mariella Mehr entstammt weder dem Zugriffszeitraum noch dem Zugriffsgebiet des Faschismus. Und doch ist sie Teil jener Kommune, die sich heute, nach dem Abschluss des Jahrhunderts der Totalitarismen, vergeblich an den Wunsch klammert, endlich als Menschen wie du und ich betrachtet zu werden.

Der Alpenstaat rüstet rassistisch auf

Der Umgang der Schweiz mit einer seiner Minderheiten ist das Thema, dem sich Mariella Mehr seit über 20 Jahren literarisch und journalistisch widmet. Gestützt auf faschistoide Erbtheorien begann im Alpenstaat 1926 das an die Stiftung Pro Juventute angeschlossene "Hilfswerk für die Kinder der Landstraße", Sprösslinge jenischer Vagabundensippen von ihren Familien zu trennen und bei Pflegeeltern und in Heimen unterzubringen.

Die Jenischen sind das kleinste und am wenigsten bekannte der fahrenden Völker Mitteleuropas. Bevor sie zur Sesshaftigkeit gezwungen wurden, zogen sie durch die Wälder und ländlichen Regionen der Schweiz und des Südwesten Deutschlands. Informationen über sie gibt es nur bei energischer Suche. Das einzige, was man etwa im zwanzigbändigen dtv-Lexikon zu den weder mit den Sinti noch mit den Roma verwandten Jenischen findet, ist ein Verweis auf das Stichwort "Gaunersprachen". Bis 1973 verfolgte Pro Juventute in der Schweiz das Projekt zur Ausrottung der "Erbkrankheit Vagabundismus". Mariella Mehr ist eines von 600 Kindern, die von der Stiftung zu Waisen erklärt wurden. Exemplarisch zeichnet sie in einer Romantrilogie, die mit "Angeklagt" jetzt ihren Abschluss gefunden hat, den Weg einer solchen, von Beginn an zum Scheitern verurteilten Biografie.

Mehrs literarische Emanzipation des Jenischen geschieht durch die Beschreibung ihrer 25jährigen Protagonistin: ihre Entwurzelung wird formal konsequent durchgespielt. Mit keinem Wort wird die wirkliche Herkunft der bei einer Pflegefamilie aufgewachsenen Kari Selb erwähnt. Unvorbereitet wird der Leser in die Kälte einer Welt gestoßen, von deren schockierender Existenz sein Gewissen bislang verschont war. Seine einzige Chance, sich die Diskrepanz zwischen dem unfassbaren Verhalten dieses kriminellen Görs und der indirekten, aber vehementen Verteidigung ihrer Asozialität durch Mehr zu erklären, ist es, einer in der Autorenbiografie des Klappentextes gelegten Fährte zu folgen. Dort, und nur dort lockt das exotisch klingende Schlüsselwort "jenisches Kind" zum Nachfragen.

Es gilt, die Gerechtigkeit jenseits der Grenzen der Justiz zu entschlüsseln. Verhandelt werden drei Morde und über 100 Brandstiftungen, zu denen Kari Selb in ihrem 140 Seiten langen Monolog Stellung nimmt. Zu viel, um die Parteinahme der Autorin leichtfertig nachzuäffen. "Ein gebranntes Kind sucht das Feuer" - dieses geflügelte Wort ist nicht nur die zentrale Metapher, die den zwanghaften Drang Kari Selbs zur Brandstiftung versinnbildlicht, es ist auch die Zusammenfassung des Risikos, dem Mehr ihre Intimsphäre aussetzt. Sofort nach der Geburt in Zürich wurde sie von ihrer in einer psychiatrischen Anstalt inhaftierten Mutter getrennt. Unter Aufsicht von Pro Juventute durchlief sie mehrere Pflegefamilien und Heime, die von Hass und Gewalt geprägt waren. Als sie 16 Jahre alt war, gestattete ihr Pro Juventute, ein eigenes Zimmer zu beziehen. Mehr ging nach Luzern, ließ sich in einer zwielichtigen Schwulenbar als männliche Bedienung anheuern und verliebte sich dort in einen Mann mit jüdisch-zigeunerischer Herkunft. Sie wurde schwanger, denunziert und 1966 wegen "sittlicher Verwahrlosung" in eine Frauenhaftanstalt eingewiesen. Wie einst sie ihrer Mutter entzogen worden war, so nahm jetzt ihr Pro Juventute das Neugeborene. Darüber hinaus wurde sie illegal sterilisiert.

Feuereifer der Subjektivität

Seraphim heißt der jüdisch-zigeunerische Geliebte im Roman und erleidet die Walze ethnisch-ethischer Sauberkeit wie sie selbst; der Ort, an dem Kari Selb einem Untersuchungsrichter gegenüber sitzt, aus dessen Mund Worthülsen wie "Hilfestellung" und "Bestes-Wollen" plumpsen, ist dieselbe Haftanstalt wie seine. Jetzt ist dem Leser klar, weshalb diesem Mädchen nurmehr eines bleibt, will sie innerlich überleben: Diese eine Brandrede zu halten, mit der sie die bürgerliche Schweizer Gesellschaft mit dem Feuereifer der Subjektivität vernichtet. Dieselbe Gesellschaft, die sie ihrer leiblichen Mutter weggenommen, die sie einer Pflegefamilie ausgeliefert hat, welche sich ihres Körpers im Schutz eines Dachbodens wieder und wieder zu Gruppensexorgien bediente.

"Angeklagt" gehört zu jenen Romanen, deren Autoren nie vom Schnickschnack literarischer Moden gehört zu haben scheinen. 17 Kilogramm sollen die im Zusammenhang mit dem "Hilfswerk für die Kinder der Landstraße" angelegten Akten der jenischen Sippe Mehr wiegen. "Angeklagt" ist der perfekt positionierte Spiegel einer jugendlichen Seele, die es sich als Überlebensstrategie zu eigen machen musste, den Abschaum der Gesellschaft zu mimen. Die es akzeptiert hat, Schmutz, menschlichen Minderwert und Abweichung von der sozialen Norm zu personifizieren. Die als ewig Unverbesserliche ihr Überlebensprinzip durch Aktion und kriminelle Tat aktiv gestaltet. Die den ihr von der Gesellschaft zugewiesenen Platz eingenommen hat.

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