Zeitung Heute : Die verbotene Zone

Besuch in der Ukraine: Im Sperrgebiet um den Tschernobyl-Reaktor leben noch Menschen – und 4000 arbeiten Tag für Tag auf dem Kraftwerksgelände.

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Vielleicht sind es die Hochspannungsleitungen, die die Geschichte am besten erzählen. Leitungen, die zwischen eingeknickten Masten im Wind pendeln, sinnlos in jeder Hinsicht, jeder Richtung. Am einen Ende fließt kein Strom mehr rein, da ist kein Kraftwerk mehr. Am anderen fließt kein Strom mehr raus, da sind keine Menschen mehr.

Die Geschichte beginnt vor 20 Jahren, und sie beginnt damit, dass ein Zirkel auf einer Landkarte das Innen vom Außen scheidet. Sapretnaja Sona, die verbotene Zone: 2827 ins nordukrainische Flachland gezirkelte Quadratkilometer, abgeriegelt bis heute. Häuser ohne Bewohner. Briefkästen, in die kein Postbote keine Päckchen für keine Empfänger mehr wirft. Straßen, die keinen Reisenden an kein Ziel bringen. Ein Nicht-Land.

Man meint, Kinderlachen zu hören, aber da ist keins. Da ist nur dieses monströse Riesenrad, das vor 20 Jahren seine letzte Runde gedreht hat. Bewegungslos verharren seitdem die Gondeln, nur manchmal quietscht eine leise im Wind, der durch das menschenleere Zentrum von Pripjat streicht. Pripjat, die Geisterstadt, benannt nach dem Fluss, der das Kühlwasser für den Reaktor lieferte. Die Stadt, in der die Atomarbeiter mit ihren Familien lebten, fast 50 000 Menschen.

Viktor Karlow war einer von ihnen. Seine Nachbarn von damals trifft er jetzt nur noch einmal im Jahr, am 26. April, dem Tag, der ihnen die Heimat raubte. Unterm Riesenrad stehen sie dann und starren auf diese Stadt, die einst ihre war, und in der jetzt jahrtausendelang nur noch der Wind wohnen wird. Sie meiden die geplünderten Wohnungen, versuchen, den Verfall nicht zu bemerken. Und legen am Friedhof Blumen nieder für die Verwandten, die im strahlensatten Grund von Pripjat ruhen.

Karlow starrt auf die weiße Wand des Behandlungszimmers, der Trainingsanzug ist ihm zu weit. Jedesmal, wenn er in die Lasarew-Straße einbiege, sagt er, packe ihn dieses Würgen im Hals. „Es ist die Stille, die Leere. Man sieht die Gardinen an den Fenstern, und man weiß, da ist niemand.“ Elf Jahre hat Karlow hinter diesen Gardinen geschlafen, auch in der Nacht, als ihn der Knall aufschreckte. Elf Jahre war er Ingenieur im Kraftwerk, zuletzt als Schichtleiter im vierten Block, aus dem der Knall kam. Drei Kilometer sind es von dort bis zur Lasarew-Straße, vom Balkon aus sah man die Flammen.

Karlow fuhr sofort hin. Während er Sandsäcke schleppte, wurde seine Familie evakuiert, das Nötigste nahmen sie mit, die Gardinen blieben hängen. Karlow selbst dachte gar nicht ans Wegfahren. „Wir mussten doch unseren Mann stehen“, sagt er. „Die ganze Welt dachte, dass die Sowjetunion nicht damit fertig wird.“ Dann blitzt etwas hinter seiner Brille auf, und man weiß nicht, was es ist, Triumph oder Tränen. „Sie haben sich geirrt. Wir sind damit fertig geworden.“

Wer weiß, wäre man Karlow unter anderen Umständen begegnet, vielleicht hätte man ihm geglaubt. Geglaubt, dass er mit nichts als Stolz an jene Zeit zurückdenkt. Und mit nichts als Stolz an seinen Sohn denkt, der Atomarbeiter geworden ist in Tschernobyl, wie der Vater. „Herr Karlow“, sagt der behandelnde Arzt leise, „erzählen Sie jetzt bitte, was Ihnen fehlt.“ Karlow nestelt an seiner Brille. „Ich bin 66“, sagt er stockend, „das Herz spielt nicht mehr mit.“ Der Arzt wartet. „Manchmal habe ich Kopfschmerzen, aber nur links.“ Man merkt, dass da noch mehr zu sagen wäre, aber es kommt nichts mehr.

Als Karlow das Zimmer verlässt, schließt Konstantin Loganowskij sachte die Tür hinter ihm. Die Krankheitsbilder, sagt der Neurologe des Kiewer Forschungszentrums für Strahlenmedizin, seien typisch. Kognitive Dysfunktionen. Konzentrationsschwäche. Gedächtnisausfälle. Emotionale Labilität, Depressionen, Opferkomplexe. Krankheiten, die sich medizinisch nicht auf Strahleneinwirkung zurückführen lassen, die aber trotzdem seit dem Unfall gehäuft auftreten. In der Ukraine spricht man vorsichtig von den „psychosozialen Folgen des Reaktorunfalls“. Neben den Aufräumarbeitern treffen sie vor allem jene 350 000 Menschen, die aus verstrahlten Gebieten umgesiedelt wurden. Menschen, die ihre Häuser, ihre Städte, ihre Arbeit verloren. Die ihre Wälder und Flüsse vermissen oder die Gardinen ihrer Plattenbauten. Und die am neuen Wohnort oft wie Aids-Kranke leben, weil die Nachbarn Radioaktivität für ansteckend halten.

Wenigstens damit hat Anna Semenenko keine Probleme mehr. Nachbarn gibt es nicht viele in Ilinzy, und an Radioaktivität glaubt hier eh niemand. „Ein dummes Wort, Strahlung“, sagt die alte Frau, und ein Lächeln spielt um ihren zahnlosen Mund. 15 Kilometer westlich vom Reaktor liegt das Dorf, mitten in der verbotenen Zone. Nur eine Handvoll Menschen lebt hier, Selbstversorger wie Anna Semenenko, die in den Gärten Kartoffeln, Tomaten und Gurken ziehen. Ein paar Gänse und Hühner trippeln zwischen den verfallenen Holzhäusern umher, alles andere bringt ein Händler, der wöchentlich über die Dörfer fährt.

Gut 2000 Menschen sind kurz nach dem Unfall in die Zone zurückgekehrt, ihr Durchschnittsalter lag damals bei über 60. Übriggeblieben sind 350 Greise, die bis heute den Warnungen der Strahlenmediziner trotzen. Und bestimmten Fragen lieber ausweichen: „Natürlich habe ich Gesundheitsbeschwerden“, sagt Anna Semenenko. „Aber die habe ich, weil ich kein junges Mädchen mehr bin.“

Damals, nach dem Unfall, erzählt sie, seien Soldaten gekommen, die sie und die Kinder in einen Bus nach Kiew setzten. Ein Jahr hielt die damals 60-Jährige es aus in der fremden Riesenstadt, dann kehrte sie zurück, vorbei an den Zäunen, allein, illegal, es war ihr gleichgültig: Sie war endlich wieder zu Hause. Der Preis der eigenen Scholle ist die Einsamkeit. Ihre Enkelkinder hat Anna Semenenko seit Jahren nicht gesehen, Minderjährige dürfen die Zone nicht betreten. Auch die eigenen Kinder kommen selten, der Weg nach Ilinzy ist mühsam. Abgeschnitten von der Welt zu leben, ist das nicht... Ja, Anna Semenenko kennt auch diese Frage, und wieder glättet sibyllinisches Lächeln ihr zerfurchtes Gesicht. „Sind nicht alle alten Menschen einsam?“

Strahlenmediziner bestätigen, was dieses Lächeln andeutet: Emotional haben die Rückkehrer den Unfall besser verkraftet als viele, die draußen leben. Erde ist Erde, ob sie verstrahlt ist oder nicht. Wer hier lebt, riskiert Langzeitschäden, deren Existenz weder widerlegt noch bewiesen ist. Und überhaupt: Kann man fürchten, was man nicht fühlen kann? Da ist: nichts. Kein Flirren in der Luft, kein Geschmack auf der Zunge. Kein beschleunigter Puls, kein Kratzen im Hals. Da ist nur die abstrakte Digitalanzeige eines piepsenden Blechkastens: 0,3 µSv/h.

Übersetzt heißt das: Die Ortsdosisleistung ist dreimal so hoch wie in Berlin. Was das für den Menschen bedeutet, weiß bis heute niemand.

Man hätte ihn auch zu Hause lassen können, diesen Blechkasten, wenn doch niemand auf sein Piepsen hört. Selbst die Vögel sind lauter. Ihr Singen ist überall, und es kündet von der paradoxen Entwicklung, die die Natur in der Zone durchlebt hat. Erst kamen die Missbildungen, ausgelöst durch Strahlung: verwachsene Kiefern mit roten Nadeln, Pferde mit acht Beinen oder nur mit einem. Es waren Einzelfälle, aber es gab sie. Dann kam die Wiedergeburt: Mit Macht holt sich die Natur nun zurück, was der Mensch ihr einst abtrotzte. Die Wildschweine sind zur Plage geworden, Hirsche und Wölfe ziehen durch die Dörfer, am Himmel kreisen Weißschwanzadler, die vor dem Unfall noch vom Aussterben bedroht waren. Straßen und Industrieanlagen sind grün überwuchert. Es gibt Landschaften in der Zone, die es hier zuletzt vor der russischen Revolution gegeben haben muss.

Natürlich trügt er, der Schein vom Paradies. Dicht unter der Grasnarbe liegen ganze Dörfer begraben, die nach dem Unfall von Armeebulldozern untergepflügt wurden. Hunderte solcher Strahlengräber gibt es, und niemand weiß, wo sie sind. Die Aufzeichnungen verschwanden mit der Auflösung der Sowjetarmee.

Der Geigerzähler ruft sich erst in Erinnnerung, als er den Mittelpunkt des verbotenen Zirkels aufgespürt hat. Sprunghaft flackert jetzt die Digitalanzeige: 0,7 über Asphaltboden, 4,3 über Gras, wer bei 8,6 den Kopf hebt, schaudert. Ein Sarg vermauert den Himmel. Begraben liegt hier unter 300 000 Tonnen Stahlbeton: Block 4 des Lenin-Atomkraftwerks Tschernobyl. Rostschlieren kriechen die metallverkleideten Wände hinauf, über dem Dach schraubt sich ein rot-weißes Ventilatonsrohr in den Himmel.

Vergessen ist die Sowjetflagge, die 1986 an diesem Rohr wehte, am Tag der Oktoberrevolution: ein Siegesbanner wie 1945 auf dem Reichstag. Der Sarkophag war gerade fertig geworden; 20 bis 30 Jahre gab man ihm damals. Wegen der extremen Strahlung konnten Teile der Konstruktion nur mit Kränen aufeinandergetürmt werden, ohne Verbindungen. Alles hat sich verschoben und verzogen im Lauf der Jahre, durch Spalten dringt Regenwasser ein, der Wind bläst Strahlenstaub aus dem Gehäuse. Er hat seine Halbwertszeit überschritten, dieser Sarg, und jeder weiß es. Jeder weiß auch, dass ein neuer her muss. Es gibt ihn sogar schon, aber nur als Entwurf. Wie eine futuristische Bahnhofshalle wird er aussehen, ein Halbrund von 108 Metern Höhe. Auf Schienen soll er über den alten Sarkophag geschoben werden, damit niemand Hand anlegen muss. Im Präsentationsfilm sieht das großartig aus: ein einziges reibungsloses Gleiten.

Die Realität ist leider ein einziges Stocken. Eine Milliarde Euro stehen für den Bau bereit, aufgebracht von einer internationalen Gebergemeinschaft, an der Deutschland mit 125 Millionen beteiligt ist. Das Geld ist da, das Projekt ist ausgeschrieben, aber auch nach acht Jahren Planung gibt es keine Einigung. Auf westlicher Seite pokern Großkonzerne um die lukrativen Aufträge, auf ukrainischer Seite wird das Verfahren von Bürokraten verschleppt, die an Gutachten und Lizenzen verdienen. Selbst die Regierung hat Gründe, den Prozess zu verzögern: Solange der alte Sarkophag gewartet werden muss, garantiert er Arbeitsplätze.

Noch sind fast 4000 Menschen auf dem Reaktorgelände beschäftigt. Sie flicken den Sarkophag, nehmen die stillgelegten Reaktorblöcke 1 bis 3 auseinander und arbeiten in der Verwaltung. Fast alle leben in Slawutitsch, der neuen Atomarbeiterstadt, die nach dem Unfall östlich der Zonengrenze gebaut wurde. Jeden Tag fährt von dort ein Werkszug ohne Zwischenhalt zum Kraftwerksgelände, und jeden Tag passiert er eine Backsteinwand, auf der in roten Buchstaben zu lesen ist: WELCOME TO HELL.

Er fügt sich nicht ins Bild, dieser Satz. Im Werksbahnhof schallt russischer Pop aus den Lautsprechern. Eine Liste mit Freizeitveranstaltungen hängt an der Wand, die Tischtennisgruppe trifft sich dienstags um fünf. Die Kabine des Wachmanns ist mit nackten Mädchen tapeziert. Die Hölle ist ein Zuhause.

Und ist doch eine Hölle. Sollte der Sarkophag einstürzen, bevor ein neuer gebaut wird, lägen 20 Tonnen radioaktiver Staub und bis zu 180 Tonnen geschmolzene Reaktorkernmasse frei. Nichts davon würde in die Atmosphäre gelangen, versichern Kernphysiker. Leiden würde allein die Zone. Und 4000 Atomarbeiter, für die ein neues Inferno losbräche.

„Sagen Sie den Leuten in Deutschland, sie sollen sich keine Sorgen machen.“ Der Mann ist stehen geblieben, in seinem Blick ist ein Anliegen, das ihm nicht recht über die Zunge will. „Es ist alles in Ordnung hier“, sagt er. Und geht weiter. Er trägt Arbeitskleidung, er ist weder alt noch jung. Er könnte jener Sohn sein, auf den sein kranker Vater so stolz ist. Weil auch er Atomarbeiter geworden ist in Tschernobyl.

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