Zeitung Heute : Die Verführung des Verführers

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Es ist kurz vor halb eins, als Jürgen Klinsmann die letzte Bastion nimmt auf dem Weg zum Volkshelden. Er wehrt sich nach Kräften und kommt doch nicht an gegen die Menschenmassen vorm Brandenburger Tor. Klinsmann hält sich im Hintergrund und überlässt die Bühne seinen Spielern. Erst kommen die Torhüter, dann die Verteidiger, und nach dem angreifenden Personal geht Klinsmann Arm in Arm mit Oliver Bierhoff, Andreas Köpke und Joachim Löw. Bloß nicht auffallen, bloß nicht exponieren. Aber das Volk ist stärker. Es singt: „Ein’ Jürgen Klinsmann, es gibt nur ein’ Jürgen Klinsmann.“

Das ist ein Tabubruch.

Das Volk entweiht die Hymne, die es Rudi Völler gewidmet hat, dem beliebtesten seiner Fußballspieler. Die Fans haben es in den Stadien gesungen, auf offener Straße, bei Weihnachtsfeiern und Betriebsfesten. Völler war Klinsmanns Vorgänger im Amt des Bundestrainers, die Massen haben ihn geliebt, auch wenn seine Mannschaft mal kein Tor schoss gegen die Weltmacht Island und bei der Europameisterschaft sieglos in der Vorrunde ausschied. Schuld an Misserfolgen waren die Spieler, aber nie Rudi, ihr Rudi, es gibt ja nur einen. Jetzt singen sie das Lied für Jürgen Klinsmann, den immer etwas glatt wirkenden Karrieristen, der sich den größten Teil des Jahres im warmen Kalifornien vor den Problemen Deutschlands versteckt. Sie haben ihn geachtet und bewundert und doch nie geliebt. Bis zu diesen Tagen der Weltmeisterschaft, nach denen ohnehin alles anders ist. Es gibt nur ein’ Jürgen Klinsmann.

Mit diesem strahlenden Dauergrinsen, das er seit der vorigen Nacht auf dem Gesicht hat, mit diesem Kleine-Jungen-Staunen in den Augen, wandert Jürgen Klinsmann über die Bühne vorm Tor. Es ist eine rührende Szene, winzig nur, zufällig eingefangen von einer der Kameras, die eigentlich gerade die singenden, ausgelassenen Spieler verfolgen. Immer wieder sieht man Klinsmann da, wie er seine kleine, silberne Digitalkamera hochhält. Er schlendert hinter seinen Spielern herum, hält die Kamera über ihre Köpfe und knipst. Jürgen Klinsmann wirkt an diesem Sonntag, als ob dieser Rausch zu stark ist, als dass er ihn sofort begreifen könnte. Er wird Beweise brauchen, später, zu Hause, um zu realisieren, wie einzigartig sie waren, diese eineinhalb Stunden zwischen zwölf und halb zwei, am 9. Juli in Berlin vorm Brandenburger Tor. Sonnenschein, Fahnen, nur lachende, liebende Gesichter ihm zugewandt, wann erlebt man so etwas schon? Es sind zu viele Bilder, um sie zu speichern, und zu schöne, um sie zu vergessen. Also knipst Klinsmann.

Wie Models spazieren die Spieler einzeln über den Laufsteg, in Trikots, auf deren Rücken die „82“ prangt – für eine Mannschaft aus 82 Millionen Menschen, aus 82 Millionen Deutschen; es ist eine Verneigung vor den Fans. Sie schießen Bälle in die Massen, Torsten Frings hat zwei Trikots dabei, Schweinsteiger wirft einen gelben Blumenstrauß und Mertesacker sein weißes Handtuch. Michael Ballack kommt auf die Bühne. „Michael, was sagst du zu dieser Begeisterung?“, fragt Johannes B. Kerner, der die Distanz des Sie längst aufgegeben hat und zum hemmungslosen Duzen übergegangen ist. „Ich hab’s vergessen“, sagt Ballack, „aber ich hab’s mir aufgeschrieben.“ Jens Lehmann kommt nach vorn, der Torwart bückt sich und holt aus seinem rechten Strumpf einen kleinen Zettel, so wie vor dem Elfmeterkrimi im Viertelfinale gegen Argentinien. Dann liest Ballack ab: „Vielen, vielen Dank – ihr seid die Geilsten. Danke!“ Witzig können diese Deutschen also auch noch sein.

Klinsmann hat sich wieder in den Hintergrund verzogen. Er weiß, dass die Leute auch hierher gekommen sind, um ihn zum Weitermachen zu überreden. Alle haben sie Angst, dass dieAufbruchstimmung der WM-Tage verloren geht im Alltag, wenn es Klinsmann heim zu Frau und Kindern ins Privatleben nach Kalifornien zieht. Diese Angst ist auch am Brandenburger Tor zu spüren. Die Masse kämpft um ihren Bundestrainer. Mit ihrer Euphorie will sie Klinsmann in einer schwachen Sekunde verführen. So wie er die Spieler verführt hat, diese jungen und empfänglichen Spieler. Verführt mit seinem Mut und seinen Ideen, mit seiner Energie. Er hat der Mannschaft einen fast übersinnlichen Glauben an die Stärke vermittelt. Die Mannschaft verfügt nicht über die großen Qualitäten, aber mit jedem Sieg begannen die Spieler mehr an ihre Kraft zu glauben, an die Machbarkeit ihres Unterfangens, nämlich Weltmeister zu werden.

Die Weltmeisterschaft hat das Land verändert, wie nachhaltig, wird sich zeigen. Die Veränderungen der Mannschaft, der einzelnen Spieler, werden bleiben.

Christoph Metzelder hat sich während der Weltmeisterschaft vermutlich am deutlichsten verändert, schon optisch. Irgendwann während der K.-o.-Runde hat er aufgehört sich zu rasieren, und wegen der wachsenden Ähnlichkeit mit einem Bergsteiger aus Südtirol haben ihn die Kollegen Reinhold Metzelder genannt. Fußballer sind abergläubisch, und Metzelder, der Innenverteidiger aus Dortmund, hat gesagt, der Bart komme erst ab, wenn die Mannschaft ausgeschieden sei. Vor wenigen Tagen hat er noch erzählt, wie beeindruckt er war, als Jürgen Klinsmann vor zwei Jahren mit dem Ziel rangegangen ist, Weltmeister zu werden. „Es gehört ja zu unserer Kultur, uns immer schwächer zu sehen als wir sind“, hat er gesagt. Der Bundestrainer aber habe in allen Bereichen dafür gearbeitet, dass die Mannschaft bereit ist für dieses Ziel. „Jürgen Klinsmann war der Mannschaft schon immer weit voraus. Er hat uns mit seinem Optimismus Dinge eingeimpft, die wir anfangs gar nicht greifen konnten. Mir hat er Selbstvertrauen gegeben und mich stark gemacht.“

Das haben auch andere Spieler von sich behauptet in den vergangenen acht Wochen, die das Team mit Klinsmann jetzt intensiv zusammenarbeitet. Klinsmann hat die Spieler emotional gepackt. „Er hat den Gegner nicht schlecht-, aber uns starkgeredet“, hat Michael Ballack vor dem Spiel um Platz drei erzählt. Die Mannschaft habe sämtliche Selbstzweifel abgelegt.

Christoph Metzelder ist mit seiner Geschichte und seiner Entwicklung geradezu prototypisch für die Mannschaft, die Klinsmann in zwei Jahren geformt hat. Er ist genauso prototypisch wie Per Mertesacker, wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, David Odonkor und ein paar andere. Es gibt so viele Prototypen, weil Klinsmann die Mannschaft nach seinem Bilde geformt hat, eine Klinsmannschaft sozusagen. Der Spieler Jürgen Klinsmann war von seinen Voraussetzungen her auch nicht dazu prädestiniert, ein Weltstar zu werden, Welt- und Europameister. Aber er hat es geschafft: mit Leidenschaft, mit einem Plan, mit einem größeren Willen als viele andere Fußballer und auch deshalb, weil er seine Schwächen immer bekämpft hat.

Vor sieben Wochen war Christoph Metzelder noch ein Ersatzspieler beim Bundesligasiebten Borussia Dortmund; bei der WM hat er gegen Weltklassestürmer wie den Argentinier Hernan Crespo und den Italiener Luca Toni gespielt, und die Weltklassestürmer haben gegen den Ersatzspieler aus der Bundesliga kaum einen Zweikampf gewonnen. Man kann fast jeden anderen nehmen, bei dem es ähnlich war: Philipp Lahm, der fast ein Jahr lang verletzt ausgefallen war und zu Beginn der WM die größte Entdeckung des Turniers war; Bastian Schweinsteiger, der von Klinsmann auch berücksichtigt wurde, als ihn sein Vereinstrainer Felix Magath bei Bayern München nur in der Regionalliga spielen ließ; Mike Hanke, der mit Wolfsburg fast abgestiegen wäre, die ersten beiden WM-Spiele gesperrt war und trotzdem nominiert wurde. „Wir haben den Spielern Vertrauen geschenkt, auch wenn sie bei ihren Vereinen nicht immer spielten“, hat Klinsmann erzählt. „Sie wurden von uns durchgepusht. Wir haben zu ihnen gesagt: Ihr könnt es schaffen, ihr könnt euch durchsetzen.“ Die Spieler entwickelten recht bald ein Gefühl dafür, was diese Weltmeisterschaft für sie bedeutet. „Ich bin wieder gern zur Nationalmannschaft gefahren“, sagt sogar Michael Ballack, der schon vor Klinsmann eine große Nummer war. „Er hat die älteren Spieler wieder motiviert.“

Das Spiel um Platz drei mit seiner emotionalen Aufladung, mit dem teilweise vogelwilden Offensivspiel der Deutschen hat noch einmal gezeigt, was möglich gewesen wäre. „Zwei Minuten haben gefehlt zum ganz großen Erfolg“, sagte Michael Ballack. Zwei Minuten gegen Italien, um das 0:0 ins Elfmeterschießen zu retten, das die Deutschen dann gewonnen hätten, weil sie das Elfmeterschießen immer gewinnen. „Wenn die Deutschen in den Angriff gehen, gewinnen sie alle Spiele“, sagte Sepp Blatter, der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa. „Das einzige Spiel, in dem sie nicht in den Angriff gegangen sind, haben sie verloren.“ Es war das Halbfinale gegen Italien, das von Vorsicht geprägt war, aber dazu muss man die Vorgeschichte dieses Spiels kennen. Vor vier Monaten spielten die Deutschen in Florenz gegen Italien, sie wollten ihren Gegner überrennen und stellten sich dabei so tölpelhaft an, dass sie nach sieben Minuten 0:2 zurücklagen und am Ende 1:4 verloren. „Man wollte mich kippen“, hat Klinsmann über die Tage und Wochen nach Florenz gesagt.

Seine Idee vom offensiven Fußball wurde in Zweifel gezogen, seine Methoden sowieso, sein Wohnsitz, seine Umgangsformen. Ein paar Hinterbänkler aus dem Bundestag wollten den Bundestrainer damals vor den Sportausschuss befehligen, und die „Bild“-Zeitung, die jetzt „die größte Unterschriftenaktion aller Zeiten“ für Klinsmanns Bleiben gestartet hat („Deutschland kämpft um Klinsi“), schrieb Anfang März: „Der verantwortliche DFB-Präsident Theo Zwanziger muss jetzt sogar darüber nachdenken, ob die Krise des deutschen Fußballs nur noch mit einem Auswechseln des Bundestrainers zu beheben ist. Klinsmann hat mit seinem unprofessionellen Verhalten inzwischen für so viel Unruhe gesorgt, dass eine erfolgreiche WM mit ihm als Bundestrainer kaum noch möglich sein dürfte.“

Es ist eine der bemerkenswertesten Leistungen Klinsmanns, dass er jetzt, in den Momenten des Erfolges, keine Rache genommen hat für die vielen Demütigungen, die er erleiden musste. Nicht einmal von Genugtuung hat er gesprochen, als ob ihm diese Regung wirklich fremd sei. Aber Klinsmann hat nicht vergessen, wer auch in dieser Zeit an seiner Seite stand. Bei der Siegerehrung in Stuttgart beugte er sich zu Angela Merkel herunter, er gab ihr einen Kuss auf die linke Wange, einen auf die rechte und sagte Danke. „Als wir nach dem Italien-Spiel so richtig auf die Ohren bekommen haben, war sie eine der wenigen, die gesagt haben: Lasst den Klinsmann endlich mal in Ruhe arbeiten“, berichtete er. „Das zeugt von ihrem Charakter und ihrer Menschlichkeit.“

Die Nationalspieler fahren nun in den Urlaub mit dem Gefühl, einen grandiosen Sommer erlebt zu haben. Dank Klinsmann. Er hat die Mannschaft entfesselt, hat ihr eine offensive Ausrichtung verpasst und den Nationalspielern eine Zuneigung entgegengebracht, die sie vorher nicht kannten. „Das Wichtige ist, dass wir die Deutschen auf unsere Seite gezogen haben“, sagt Philipp Lahm. „Wir haben kein Spiel abgeliefert, das schlecht war. Der Bundestrainer hat das alles geprägt. Er hat uns das eingeimpft.“

Schon deshalb ist es schwer vorstellbar, dass Klinsmanns Mannschaft auch ohne Klinsmann weiter bestehen kann. „Er weiß, dass der Weg dieser Mannschaft noch nicht vorbei ist“, sagte Christoph Metzelder. „Ich glaube, dass auch sein Weg mit der Mannschaft noch nicht vorbei ist.“ Die Spieler sind genauso ratlos wie die Öffentlichkeit. Es gibt keinen Hinweis darauf, wie Klinsmanns Entscheidung ausfallen wird, nicht mal ein Gefühl. Metzelder glaubt, „dass das, was die Mannschaft denkt und fühlt, wichtig für ihn ist“. Ob Klinsmann nach diesem gemeinsamen Erlebnis aufhören könne, wurde Michael Ballack gefragt. „Normal nicht“, antwortete er und kündigte an, dass die Spieler nun Einzelgespräche mit dem Trainer führen würden, um ihn vom Weitermachen zu überzeugen.

Zurück ans Brandenburger Tor. Christoph Metzelder hat den Bart abrasiert, Per Mertesacker winkt nach einer Schleimbeuteloperation mit seinen Krücken in die Menge, Bastian Schweinsteiger trommelt auf dem Schlagzeug der Sportfreunde Stiller rhythmisch zum Herz in der Hand und zur Leidenschaft im Bein. Klinsmann trompetet ins Mikrofon: „Diese Truppe ist geil, einfach geil, das kann man nicht toppen.“ Die Moderatorin drängt: „Wäre nicht jetzt und hier der Ort zu sagen, okay, ich mach weiter?“ Jaaaa, kreischt die Masse vielstimmig. Klinsmann lacht, für Sekunden scheint er der Versuchung nachzugeben und seinen Vertrag via Mikrofon am Brandenburger Tor zu verlängern, aber dann sagt er: „Ich kann das alles noch nicht so greifen. Lasst mir noch ein paar Tage Zeit.“

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