Zeitung Heute : Die Vergangenheit fährt immer mit

Sie mögen nicht, wenn einer zu spät zum Bus kommt, haben auch bei Regen passende Kleidung dabei und telefonieren mit den alten Handys der Enkel. Eine junge Autorin reist mit einer Gruppe Senioren nach Westfalen. Und wundert sich, dass keiner von ihnen heute nochmal 25 sein will.

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Von Jana Simon

Die alte Dame presst ihre Lippen aufeinander und sieht angewidert auf den auberginefarbenen Bus vor sich, nur kurz. Dann wendet sie sich ab, sagt zu ihrem Mann: „Was ist das für ein Scheißbus? Ich wollte so einen“ und zeigt auf einen weißen, ein paar Meter weiter, mit violetter Aufschrift „Wörlitz Reisen für das beste Alter“. Ihr Mann antwortet nur: „Ich weiß“. Es klingt, als habe er schon lange aufgehört, seiner Frau zu widersprechen. Schließlich steigen sie ein.

Dreißig Senioren reisen mit dem Bus nach Westfalen, sitzen auf pinkgraugrün gemusterten Sesseln, haben Stullen und Infomaterial in Klarsichthüllen dabei. Senioren sind immer gut vorbereitet. In ein paar Jahrzehnten werden sie, die über-60-Jährigen, in Deutschland in der Mehrheit sein, ihre Bedürfnisse werden regieren. Eine fünftägige Busreise gibt einen kleinen Einblick in die Gesellschaft der Alten.

Vorn neben dem Fahrer steht der Reiseleiter, er ist auch über 60, trägt ein kurzes helles Hemd und eine beigefarbene Hose, die man durch einen Reißverschluss in Shorts verwandeln kann. Er stellt sich vor: „Ich heiße Wolfgang Kann, das kommt nicht von können, sondern von Kanne ohne ,e’. Aber rufen Sie mich Wolfgang.“ Im Bus bleibt es still, vereinzeltes Nicken. Es wird wohl nicht so einfach werden. „Sicher waren Sie alle schon viel im Ausland und wollen sich jetzt noch mal ihre Heimat ansehen.“ Wieder Stille. Wolfgang Kann setzt sich, der Bus fährt ruhig. Die Reisenden dösen, einige haben Landkarten auf ihren Knien und verfolgen die Strecke mit dem Finger. Ab und zu meldet sich Kann von vorn und sagt etwas zur Landschaft oder versucht, die Senioren aufzumuntern: „Wir haben uns überlegt, wir machen Arbeitsteilung. Marco, der Busfahrer, macht alles, was den Bus angeht, ich mache alles, was die Reise angeht, und Sie übernehmen das Wetter, okay?“ Ein paar flüstern leise „Ja“. Später sagt Kann, am ersten Tag seien die Senioren immer so ruhig, sie müssten sich erst kennen lernen.

Gerhard Kohn sitzt in Reihe neun, seine Minolta ruht über ihm in der Ablage in einem Leinenbeutel von „Idee Kaffee“, die Zeitung klemmt im Netz des Vordersitzes. Er ist ein Exot auf dieser Reise, Männer fahren selten allein. Die Wahrheit ist, sie sterben zu früh, meist vor ihren Frauen. Kohn lebt von seiner Frau getrennt. Er ist ein bisschen aufgeregt, seine Knie wippen auf und ab, vorsichtig blickt er zu den Nachbarn über den Gang. Erste Kontaktversuche. Er ist auch schon über Weihnachten gereist, das macht er jetzt nicht mehr. „Da sind alle Kirchen und Museen zu“, sagt er. Warum hat er sich diesmal Westfalen ausgesucht? „Ich wollte mal wieder raus.“ Früher war er Arbeitsschutzinspektor, seine Hand fegt durch die Luft, von oben nach unten, wischt dieses Leben fort. Nach dem Mauerfall wurde er entlassen, Gerhard Kohn musste zum Wachschutz, arbeitete Schicht in einer Batteriefabrik in Schöneweide. Es wurde viel geklaut, manchmal ganze Gabelstapler. Kohn konnte nur telefonieren und den Einbrechern zusehen. Er nennt sie „Spitzbuben“. Bald schlief er nicht mehr, nicht am Tag und nicht in der Nacht, der Schichtdienst hatte seinen Rhythmus zerstört. Gerhard Kohn ging in den Vorruhestand. „Bei vollen Bezügen.“ Er wird auf dieser Reise 62 werden, einer der Jüngsten, er feiert mit Fremden. Kennen gelernt habe er noch niemanden richtig auf einer solchen Fahrt, sagt er. Es gäbe immer nur kurze Gespräche am Abendbrottisch, und die alleinreisenden Frauen seien viel älter als er. „Halbe Leichen.“ Senioren können gnadenlos sein.

Ode ans Alter

Vorn beschreibt Wolfgang Kann die Vorzüge einer Busreise: „Mit dem Flugzeug kommt man schnell von A nach B, aber mit dem Bus sind Sie immer mittendrin.“ Und er preist das „Drei-Gang-Menü“ der Bordküche. Wurst, Brot, Senf. Erste Lacher. Kann betrachtet sich beim Reden immer wieder im Spiegel an der Frontscheibe, er ist zufrieden. In Hameln, der ersten Station, führt er seine Gruppe zu den Toiletten, an jeder Station dieser Reise wird er sie zuerst zu den Toiletten führen. In der Stadt gibt es zwei Straßen mit Fachwerkhäusern und Eiscafés, eine Kirche und einen Stadtschreiber in Strumpfhosen, der die Geschichte vom Rattenfänger erzählt. Um halb drei ist wieder Treffpunkt am Bus, drei Frauen fehlen. Einige schütteln den Kopf. Ein Mann schlägt vor, man solle einfach um die Ecke fahren und dort warten, um den Zu-spät-Kommern eine Lehre zu erteilen. Gerhard Kohn ist fassungslos: „Hier kann man sich doch gar nicht verlaufen.“ Als sie eine halbe Stunde später schließlich auftauchen, herrscht im Bus tödliche Stille. Die Drei sehen aus, als würden sie am liebsten vor der ganzen Gruppe niederknien und bereuen.

„So, wir fahren weiter“, sagt Wolfgang Kann. Neben ihm in seiner Aktentasche aus Leder warten Blätter mit Geschichten für jede Gelegenheit, er erzählt sie immer eine Saison lang, dann tauscht er sie aus. Der Bus braucht jetzt dringend etwas Heiteres. Kann hält eine Ode ans Alter: „Wir wurden vor der Erfindung des Fernsehens, des Penizillins, der Schluckimpfung, der Tiefkühlkost und der Nylonstrümpfe geboren. Wir kannten noch keine Stereoanlage, Walkman und CD-Player und haben es doch überlebt. Wir sammeln und bügeln mitunter noch Schleifen und Geschenkpapiere…“ Die Reisenden verziehen ein wenig die Mundwinkel nach oben, Gerhard Kohn nickt vergnügt.

Am Nachmittag hält der Bus vor dem Hotel in Beckum, Westfalen, die Einrichtung ist braun – braune Lampen, braune Teppiche, braune Schränke. Die Senioren verlangen fast alle ein Zimmer im ersten Stock. „Wir sind auf dem platten Land, hier ist seit 20 Jahren keiner durchs Fenster eingestiegen“, sagt die Frau an der Rezeption. Das Paar vor ihr drückt die Rücken gerade, ihre Körperhaltung signalisiert Abwehr. Wer mag es schon, wenn man seine geheimen Ängste offen legt. Schweigend verschwinden sie in ihre Zimmer.

Um halb sieben gibt es Abendbrot. Immer. Wolfgang Kann setzt sich mit dem Busfahrer abseits an einen Zweiertisch. Die Sitzordnung beim Abendessen ist wichtig, sie entscheidet darüber, wer mit wem auf dieser Reise redet, mit wem man die Vertraulichkeiten des Tages teilt. Gerhard Kohn wählt den Tisch gleich neben der Tür links, draußen auf der Terrasse feiert ein junges Paar Hochzeit. „Die weiß noch nicht, was auf sie zu kommt“, sagt Ingrid Klante und schaut zur Braut. Die anderen Frauen kichern. Klante setzt sich Kohn gegenüber, sie ist schlank, hat kurze graue Locken und war früher Buchhalterin beim Strahlenschutz in Karlshorst. Mit ihrem Partner Horst Wegewitz lebt sie seit 16 Jahren in „wilder Ehe“, ab und zu halten sie noch ihre Hände. Wegewitz raucht Pfeife, leider hat er ein Nichtraucherzimmer bekommen. Er sagt: „Im Bad sind so viele Spiegel, man müsste das Zimmer eigentlich gratis kriegen.“ Außerdem am Tisch sind Dorit und Karl-Heinz Radike aus Bohnsdorf und Barbara Fischer, eine ehemalige Kinderbuchlektorin. Sie reden über Reisen. Ingrid Klante erzählt von einem Hotel in Bansin an der Ostsee, das ein Chinese eingerichtet hat. Schön, aber unpraktisch. „Eine Seite vom Schrank blieb immer offen.“ Barbara Fischer fährt immer ohne Mann weg. „Er mag es nicht, wenn er die Betten nicht kennt“, sagt sie. Nur Ferienwohnungen nehmen sie gemeinsam. „Aber die Betten kennt er dort doch auch nicht“, sagt Klante. „Doch“, sagt Fischer. Sie prüfen die Qualität der Matratzen vor dem eigentlichen Urlaub. „Ach“, sagen die anderen. Das Essen naht. Verspätet. Die junge blonde Kellnerin wird beobachtet.

Horst Wegewitz erzählt von seinem Enkel, der sich immer Spiele für seine Playstation wünscht. Die Großeltern kennen sie nicht, sie unterschreiben nur noch die Schecks. „Ingrid, wie heißen die modernen Schallplatten noch mal?“ „CDs.“ „Ja, erst wollten wir da nicht mitmachen, jetzt haben wir in jedem Zimmer einen CD-Player.“ Und fast der ganze Tisch hat zu Weihnachten von den Kindern ein Handy bekommen, das alte abgelegte. Wegewitz kann seine Frau jetzt immer aus dem Supermarkt anrufen und fragen, ob er was vergessen hat.

Oft scheint es, als machten sie sich lustig über eine Welt, die sie nicht mehr so richtig durchschauen. Sie haben Milch noch in Kannen geholt, haben mehr oder weniger an verschiedene Ideologien geglaubt, waren nach dem Krieg immer irgendwo fest angestellt, meist in einem Betrieb ihr ganzes Leben lang. Sie sind in ihrer Jugend nie viel gereist. Und sie waren immer sicher, dass da irgendwann tatsächlich eine Rente auf sie wartet. Vielleicht wünscht sich deshalb niemand an diesem Tisch, wieder jung zu sein. Die Jungen werden eher bemitleidet, alles scheint so unsicher in deren Leben, ohne Regeln, die Arbeitsverhältnisse undurchsichtig, die Zukunft vage. Vielleicht ist das die erste Generation in Deutschland, die froh ist, alt zu sein.

Wenn am Tisch von Kohn, Klante und Wegewitz gerade niemand spricht, liegt eine unheimliche Stille über dem Saal, nur von draußen dringt das Lachen der Hochzeitsgesellschaft. An den Nebentischen wird viel gegessen und viel geschwiegen. Um halb acht sind alle fertig und gehen auf ihre Zimmer. Schließlich gibt es morgen um sieben Frühstück.

Am nächsten Tag regnet es, die Reisenden haben sich in Regenjacken gehüllt. Senioren scheinen für jedes Wetter immer die richtige Kleidung dabei zu haben. Wolfgang Kann kündigt Münster als ein „Mekka des Katholizismus“ an. Nach der Stadtführung flüchten alle in den Bus. Eine Frau ist wieder zu spät. Stille empfängt sie. Es geht ums Prinzip. „Eine muss ja Bummelletzte sein“, sagt sie leise.

Sie fahren weiter zur Wasserburg Vischering und zum Wasserschloss Nordkirchen. Anna Klösel bewundert den absolut perfekten Rasen des Schlossgartens. Sie wurde in Ahlen in Westfalen geboren, ist aber mit 31 nach Berlin gezogen. Für sie ist es eine Reise in die Erinnerung. Klösel ist 82, trägt ein schickes dunkelblaues Jackett mit goldenen Knöpfen. Ahlen hat sie beim Durchfahren kaum wiedererkannt. Ihre Freundin Gerda Wagner zieht ihre Lippen mit roter Farbe nach, sie langweilt sich etwas. Sie ist nur Anna Klösel zuliebe hier. Nachher im Bus erzählt Wolfgang Kann Witze: „Was ist Demokratie? Wenn drei Wölfe und ein Schaf darüber abstimmen, was es zu essen gibt.“ Keiner lacht. Kann sagt später: „Das ist eine ganz ruhige Truppe.“ Es gibt auch Reisen, bei denen ihm Männer das Mikro aus der Hand reißen, um Witze zu machen. Kann ist seit sieben Jahren Reiseleiter bei Wörlitz, vorher war er Lehrer und im diplomatischen Dienst. Vielleicht nennt er Pferde und Kühe deshalb „vierbeinigen Hochadel“. Er sagt, ältere Menschen legten viel Wert auf Regeln, auf feste Zeiten, spontane Überraschungen würden sie nicht so mögen.

Am dritten Tag der Reise hat Gerhard Kohn Geburtstag, er sitzt im Bus und sieht aus, als warte er darauf, dass ihm jemand gratuliert. Es passiert nichts. Im Busradio singt ein helle Kinderstimme „valleri, vallera“. Wolfgang Kann hält einen Vortrag über den Arnsberger Wald. „Wir touchieren jetzt Soest“, sagt er. Später, in Soest, essen Anna Klösel und Gerda Wagner, die beiden Freundinnen, ein Eis. Ein Junge rauscht mit einem Skateboard durchs Café. „Na, also“, sagen sie und schütteln ihre Köpfe. Wagner erzählt, dass sie demnächst nach Spanien fahre, da kämen auch Jüngere mit. Im Inneren sind sie alle schon bei der nächsten Reise. Vielleicht ist Westfalen nicht gerade der spannendste Teil Deutschlands. Es ist Sonntag und in Soest sind alle Geschäfte geschlossen, bleibt die Kirche.

Müde vom Nichtstun

Nach der Besichtigung schenkt Wolfgang Kann Gerhard Kohn zwei Piccoloflaschen „Rotkäppchen halbtrocken“. Kohn lächelt. Sie fahren weiter zur nächsten Stadt. Beckum, wo sie wohnen. Es gibt wieder eine kleine Fußgängerzone, in der sich die üblichen Geschäfte aneinander reihen – Quelle, Nordsee, Karstadt. Und alles ist immer sehr sauber, als lägen die Orte unter einem riesigen Staubsauger, der jeglichen Schmutz verschluckt. Barbara Fischer, die ehemalige Lektorin, seufzt. „Das ist doch öde hier.“ Sie kenne das von anderen Reisen nicht, dass man schon halb fünf wieder im Hotel sei. Sie wollte die Weserromantik erleben, sie gibt zu, sie habe den Katalog nicht richtig gelesen. Nach dem Eis sind alle müde, die ganze Gruppe scheint geschafft vom Nichtstun.

Beim Abendbrot erzählen Karl-Heinz und Dorit Radike von ihrer Chinareise, und dass sie dort einmal hinter einem Restaurant einen Hundezwinger entdeckt hätten. Die Chinesen verzehren ja auch Hunde. „Nee Holle, da fahren wir nicht hin“, sagt Ingrid Klante zu ihrem Mann. Auf ihr Abendessen warten sie schon wieder eine ganze Weile. Die Senioren werden allmählich unruhig. Die blonde Kellnerin lässt einen Löffel fallen, sie lächelt nie, und sie redet zu laut, glaubt die etwa, die älteren Gäste seien schwerhörig? Außerdem vergisst sie viel. Karl-Heinz Radike sagt: „Wohl Alzheimer oder wat?“ „Das ist ’ne Trulle“, sagt Ingrid Klante. Der Schweinebraten nachher fällt auch durch. Zu zäh. Am Ende überredet Horst Wegewitz Gerhard Kohn, für alle am Tisch noch eine Runde Obstler auszugeben. Kohn überlegt, er sieht aus, als überschlage er im Kopf kurz die Kosten, es schmerzt, aber er nickt. Sie trinken auf Ex und stehen auf, die anderen sind schon längst wieder auf ihren Zimmern.

Auf dem Weg in den Teutoburger Wald am nächsten Morgen wird Wolfgang Kann politisch. Erst schwärmt er von den wunderbaren Straßen, alles sei so wohlgeordnet, Subventionen seien geflossen, als Deutschland noch unter einer Käseglocke lebte. Er sieht kurz in den Rückspiegel. Hier sei alles ganz anders als in Brandenburg. „Jetzt, wo der Staat Schulden machen müsste, ist alles schon verfrühstückt, und wir leiden darunter.“ Kurze Pause. „Oder unsere Kinder.“ Draußen drehen sich Windräder, Kann leitet zur Energiefrage über: „Den Grünen verdanken wir den Atomausstieg. Aber erst in 30 Jahren. Also ich weiß nicht, worauf die stolz sind.“ Am Straßenrand lächeln sich Stoiber und Merkel auf einem Plakat verliebt an. Kann erzählt jetzt vom Hermannsdenkmal, vom Germanen, der die Römer besiegt hat. „Ein Bild von einem Mann, und das Schwert…“ Auf dem großen Parkplatz vor dem Denkmal wartet kein einziger Bus auf Touristen. „Nicht mal Japaner“, sagt Gerhard Kohn. Hermann ist sehr groß, grünlich angelaufen und ziemlich dick. Eine Frau sagt: „Der ist mir zu wabblig.“ Ingrid Klante fragt, ob der lange Unterhosen trage. Sie haben eine Stunde Zeit. Was macht man eine Stunde lang an einem Denkmal? Man wartet.

Der Duft von Kölnisch Wasser

Es folgt die nächste Stadt. Detmold. Wolfgang Kann hat allen geraten, einen „Pickert“ zu probieren, „obwohl der für uns wahrscheinlich nichts ist“. Der Pickert ist ein ziemlich fettes Gebäck, in Form einer Schnecke. Die meisten kaufen einen. Auch Hermann Seele hebt ihn in einer Tüte auf, für später. Er ist 83, hat die grauen Haare nach hinten gekämmt und lächelt unsicher. Seine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben, sie waren ihr ganzes Leben zusammen. Er ist jetzt allein, er sitzt mit den anderen Senioren abends am Tisch und weiß nicht mal, wie sie heißen. Früher bei den FDGB-Reisen wurden alle einander vorgestellt. „Heute sind alle so abgeschottet“, sagt er. Er erzählt von seiner Kriegsgefangenschaft in Russland und von seinem ersten Auto, einem „P 50“ in „sonnenbeige“. Sein erster Fernseher hieß Rembrandt. Sie haben alle viel erlebt, die Nazis, den Krieg, Hunger, den Aufbau, manche den Sozialismus und schließlich den Mauerfall. Aber sie unterhalten sich nicht, man fragt nicht nach. Am Ende will Hermann Seele von seinem Gegenüber wissen, wie das denn heute mit dem Zusammenhalt im Betrieb sei. Später am Abend kegeln sieben Senioren unten im Keller des Hotels, mehr sind nicht gekommen. Der letzte Abend endet um zehn.

Auf der Rückreise liegt im Bus der Duft der Vergangenheit, Kölnisch Wasser. Gerhard Kohn döst in seinem Sessel und träumt von einer Reise ans Nordkap. Es ist alles schon geplant, 2006 wird seine Lebensversicherung ausbezahlt. Dann fährt er los. Der Bus nähert sich Berlin. Wolfgang Kann hat seinen letzten Auftritt: „Zuhause ist es doch am schönsten, wo unsere Wurzeln sind, das Geregelte.“ Die Senioren nicken.

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