Zeitung Heute : Die verlorene Freiheit

Die Wut und die Trauer sind noch nicht verflogen. Ein Muslim ermordete einen Filmemacher. Und die Menschen begreifen das als Anschlag auf ihre Lebensweise – waren sie zu tolerant? Hollands Abschied von einem Teil seiner selbst

Helmut Schümann[Amsterdam]

Am Anfang fehlt das Wort. Was bloß hat diesen Streit ausgelöst? In einer Hausecke der kleinen Jan Hanzenstraat im Amsterdamer Stadtteil Oud-West hat sich ein alter Mann zum Gebet postiert. Mutmaßlich besitzt er keinen Gebetsteppich, er hat eine Zeitung vor sich ausgebreitet. Regen fällt auf die Stadt. Dann kommt eine Gruppe junger Männer, auch sie, wie der alte Mann, im Kaftan der Muslime. Wild und laut schimpfen sie auf den alten Mann ein, der schimpft wild und laut zurück. Aus der Gebärdensprache könnte man schlussfolgern, dass die jüngeren Männer den älteren von der Straße verbannen wollen. Vielleicht erscheint es ihnen im Amsterdam dieser Tage nicht ratsam, in aller Öffentlichkeit gen Mekka zu beten. Genaueres aber ist nicht zu erfahren, die Sprachbarriere zu hoch. Von den Männern spicht keiner holländisch, keiner englisch, keiner eine der im Westen geläufigen Sprachen. Oder sie wollen einfach nicht reden. Eine Verständigung scheint nicht möglich zu sein, im Kleinen nicht und im Großen nicht und nach dem vergangenen Dienstag erst recht nicht.

Am vergangenen Dienstag wurde im Osten der Stadt der islamkritische Filmemacher Theo van Gogh, 49 Jahre alt, auf offener Straße ermordet. Bestialisch, barbarisch, wie immer man das nennen mag, wenn einer erst niedergeschossen wird, der Mörder ihm dann die Kehle durchschneidet und am Ende noch eine Botschaft mit einem Messer auf den Bauch heftet. Der Täter, Mohammed B., konnte verhaftet werden. Die Botschaft und etliche andere Hinweise lassen die Behörden vermuten, dass der 26 Jahre alte Mohammed B. nicht aus alleinigem Antrieb handelte, sondern eingebettet war in Takfir Wal Hijra, einer mit Al Qaida verbundenen fundamentalistischen Muslimorganisation. In der Botschaft wird zu weiteren Morden an islamkritischen Niederländern aufgerufen – das kleine Land wähnt sich attackiert vom Heiligen Krieg.

Die Jan Hanzenstraat im Stadtteil Oud-West ist eine kleine Straße mit einigen Zutaten, die eben auch exemplarisch sind für Stadt und Land. Es gibt die Kneipe an der Ecke, kleine hutzelige Häuschen mit stufenförmigen Giebeln, zur Verkehrsberuhigung sind Schwellen in die Straße gebaut, gegenüber der Hausnummer 114 ist der Coffeeshop, in dem sich die sehr bürgerliche Nachbarschaft mit Cannabis versorgen kann. Im Haus 114 selbst befindet sich die El-Tawheed-Moschee. Am Eingang hängt die Bitte an die Presse, Filmaufnahmen und Fotografieren zu unterlassen, um die Gläubigen nicht zu stören. Der unscheinbare Bau ist viel gefilmt worden in den vergangenen Tagen, El Tawheed gilt als die fundamentalistischste Moschee in Amsterdam. Aus El Tawheed stammt die kürzlich von einem Imam aufgestellte Forderung, Homosexuelle von den höchsten Gebäuden der Stadt zu werfen. Aus ihr wird jeden Sommer die luftige Kleidung der Niederländerinnen gegeißelt. El-Tawheed-Angehörige waren es, die vor einigen Wochen die körperliche Züchtigung der Ehefrauen, auch der niederländischen, propagierten. Aus El Tawheed ist Mohammed B. hervorgegangen. El Tawheed versus Coffeeshop, das steckt in etwa eine der Fronten ab, die sich derzeit in den Niederlanden gegenüber stehen. Liberalität gegen steinzeitliche Religiosität.

Man kann das Dilemma fast greifen, wenn man von der Centraal Station zum Dam, dem bekanntesten Amsterdamer Platz, spaziert. In den Gassen scheinen alle der etwa 140 in Amsterdam lebenden Nationalitäten ihren Handel zu treiben. Die Huren verstecken sich hier nicht, sondern sitzen wie selbstverständlich in den Schaufenstern. Für die einen ein Indikator für Freizügigkeit, für die anderen ein Laster. Und dann weiter vom Dam hinüber bis zur Prinsengracht, vorbei an Hausbooten, die den deutschen TÜV nicht überleben dürften, durch die friedliche Koexistenz von Radfahrern, Fußgängern, Autofahrern, vorbei an Kneipen, aus denen an diesem Wochenende schon wieder der Versuch von Fröhlichkeit klingt.

Am Dienstagabend waren etwa 50 000 Menschen wütend auf die Straßen gezogen, mit Trillerpfeifen und Trommeln, um gegen den Anschlag auch auf die Meinungsfreiheit Theo van Goghs und aller Menschen zu protestieren. Die Wut scheint noch nicht verflogen, aber sie hat den Willen, sich die Lebensweise nicht verbieten zu lassen, nur noch gesteigert. War es nicht die Sinnenfreude, die Amsterdam so beschwingt machte und die Niederlande selbst bis in ihren Fußball hinein so charmant?

Und dann weiter mit der Straßenbahn zum Mercatorplein, tief im Westen der Stadt. Auf dem Platz und in den Straßen der Umgebung herrscht das islamische Leben. Verhüllte Frauen, deren Devotheit dem emanzipatorischen Frauenbild der Niederländerin diametral entgegenstehen. Und wenn der Islam ein lebensbejahendes, sinnliches Glaubensbekenntnis ist – in den ernsten und misstrauischen Augen der Männer in der El-Tawheed-Moschee gleich um die Ecke des Platzes ist davon nichts zu sehen. Der Versuch, ein Gespräch zu beginnen, eine Haltung zu dem Mord zu erkunden, die Frage nach der Sippenhaft, in die nun jeder Islamgläubige genommen wird, erörtern, nach Mohammed B. fragen, der doch hier bekannt gewesen sein muss, all das scheitert schon im Ansatz. Nur an der Sprachbarriere? Ist ein ignorantes Vorurteil schuld am Gefühl, hier als verachtenswürdiger Ungläubiger betrachtet zu werden, der keine Antwort verdient hat? Oder haben sie einfach nur genug von den Fragen der Journalisten? Es ist nicht leicht, hier zwischen der eigenen politischen Korrektheit und Naivität zu unterscheiden – und andererseits nicht zwischen den eigenen Vorurteilen und gesicherten Erkenntnissen.

Aber gesicherte Erkenntnisse sind rar in diesem Fall. Dem Inlandsgeheimdienst AIVD wird vorgeworfen, viel zu wenig und zu ungenau auf die radikalen Islamisten geschaut zu haben. Der Essayist Sylvain Ephimenco spricht von drei Jahren der Untätigkeit in den Niederlanden nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York. Und das, obwohl doch die Probleme mit der wachsenden Gemeinde der marokkanischen Einwanderer offensichtlich gewesen seien. Vielleicht aus falsch verstandener politischer Korrektheit, vielleicht aus Bequemlichkeit habe niemand genauer hingeschaut, was in dieser Gemeinschaft heranwachse. Amsterdam hat 750000 Einwohner, ein Drittel davon stammt aus islamischen Ländern, es existieren inzwischen Schätzungen, das zehn Prozent davon dem radikalen Flügel zuzuordnen sind. Die Amsterdamer Bevölkerung hat dieser Gruppe schon länger ablehnend bis feindlich gegenübergestanden, Pim Fortuyn, der Rechtspopulist, hatte das Unbehagen vor Jahren in Worte gefasst und stieg damit zur ernsten Konkurrenz der etablierten Politikerkaste auf. Vor zwei Jahren wurde Pim Fortuyn, auch er ein vehementer Kritiker der fundamentalistischen Islamisten, ermordet. „Ja, wir haben nicht hingeschaut“, sagt Ahmed Aboutaleb, der Beigeordnete der Stadt Amsterdam für Integration und Erziehung, „was waren wir froh, was war ich froh, dass der Mörder Pim Fortuyns kein Marokkaner war.“ Offenbar schien ihm dieser Gedanke auch damals nicht völlig abwegig. Jedenfalls hätte das schon vor zwei Jahren die Diskussion über die Integrationspolitik der Niederlande entfacht – und über eine Abkehr von der Toleranz. Denn darüber sind die Niederländder fast noch mehr erschrocken als über die Attacke auf ihre Liberalität: dass ihre Integrationspolitik gescheitert ist.

Overtoomse Veld ist eine Trabantenstadt vor den Toren Amsterdams, eine Banlieue der Niederlande. Trister Beton, Satellitenschüsseln in jedem Fenster, Dreck auf den Straßen, hohe Arbeitslosigkeit, Overtoomse Veld ist fast marokkanisches Hoheitsgebiet. In der Hart Nibbrigstraat, Complex 26, wuchs Mohammed B. auf. Das wenige, was hier über ihn zusammenzutragen ist, hat die niederländische Zeitung „Het Parool“ gesammelt. Demnach war Mohammed B. die Ausnahme, ein Vorbild für andere, die keine Ausbildung haben, keine Arbeit finden, die rumlungern und ihren Frust in Straßengangs ablassen. Er sprach holländisch, er ging zur Schule, studierte, er arbeitete aktiv in der Nachbarschaftshilfe, er war, so sagen die Nachbarn, ein freundlicher, intelligenter Junge. Dann erkrankte seine Mutter, war drei Jahre lang bettlägerig, Arbeit fand er trotz Ausbildung nicht, und wenn er in die Stadt fuhr, um Diskos und Kneipen aufzusuchen, wurde ihm an den Türen beschieden, dass die Läden leider gerammelt voll seien. All das zusammen mag ihn in die Arme der Radikalen getrieben haben. Aber sind das Erkenntnisse?

In seiner Botschaft hat Mohammed B. zur Ermordung von Ayaan Hirsi Ali aufgerufen. Hirsi Ali kam in Somalia zur Welt, musste eine Beschneidung erleiden, konnte später fliehen und ist heute engagierte Kämpferin für die konservativen Liberalen im niederländischen Parlament. Mit van Gogh hatte sie einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam gedreht, und Allah nannte sie „einen perversen Idioten“. Die Behörden nehmen den Mordaufruf ernst, Hirsi Ali ist untergetaucht und wird bewacht. Ist also dieser Aufruf eine Erkenntnis über den Islam oder nur über Mohammed B. und seine frustrierte Seele? Und andererseits: „Wir geben ihnen eine gute Ausbildung, wir versuchen die Integration“, sagt Ahmed Aboutaleb, „und doch wird einer zum Mörder. Was also läuft falsch an der Integration?“

Anna Visser, eine Tilburgerin, und ihr Lebensgefährte Walter Knapper, einer jener selten gewordenen gebürtigen Amsterdamer, die sich autochthon nennen, haben zum Abendessen geladen. Anna ist Journalistin beim NRC Handelsblad und recherchiert im Mordfall van Gogh, Walter war vor der Rente Wirtschaftsprofessor, ein freundliches, hilfsbereites, aufgeklärtes Paar. Lamm gibt es vom marokkanischen Metzger, die Wurst im Eintopf kommt direkt aus dem marokkanischen Rif-Gebirge. Dazu Rotwein aus Frankreich, rein kulinarisch genießen die beiden den Vielvölkerstaat Niederlande. Walter: „Ich habe nicht vor, mir meine Freiheit nehmen zu lassen, mit allen Menschen auskommen zu wollen, mit denen ich auskommen will, und die mit mir auskommen wollen.“ Anna: „Ich werde mir nicht von Gästen vorschreiben lassen, wie ich mich zu benehmen und zu kleiden habe.“ Werden die Niederlande am Ende fremdenfeindlich? „Ist es fremdenfeindlich, wenn wir vor lauter politischer Korrektheit die Augen verschließen? Wir Niederländer leben seit Jahrhunderten nach dem Prinzip, leben und leben lassen. Die Calvinisten, die Katholiken, die Protestanten, die Juden, Buddhisten und Atheisten, sie alle leben hier seit Jahrhunderten nebeneinander, lachen übereinander. Das Schlimmste, das uns die Katholiken angetan haben, ist, dass sie uns das Fußballspielen am Sonntag vor zwölf Uhr verbieten wollen. Die radikalen Islamisten wollen uns das Leben verbieten.“

Am Tatort auf der Linnaeusstraat in Amsterdam Oost, liegen Flaschen, Hennessy-Cognac, Bierflaschen, Champagner, roter Wein, weißer Wein. Theo van Gogh war ein ausschweifender Trinker. Daneben liegen im Blumenmeer Zigaretten, jede Menge Zigaretten, bevorzugt Gauloises. Theo van Gogh rauchte, wenn es ging, 24 Stunden am Tag. Holland nimmt Abschied von ihm, schenkt ihm ein letztes Gelage. Daneben liegen Briefe, unzählige Briefe. Auch sie nehmen Abschied, „waren die Niederlande nicht mal mehr? War das nicht mal Freiheit und Meinungsfreiheit?“ Das ist der Tenor nahezu aller Briefe. Theo van Gogh starb auch für die Freiheit, seine Meinung über den radikalen Islam zu äußern. Bis hierher und nicht weiter, sagen die Briefe. Holland nimmt offensichtlich Abschied von einem Teil seiner selbst.

„Nach Pim nun Theo. Der dritte Mord wird kommen“, flüstert Anna.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben