Zeitung Heute : Die verlorenen Jahre

Der Tagesspiegel

Von Claudia von Salzen

Das Kopftuch rutscht. Ganz langsam, bis das kurze, dunkle Haar mit den grauen Strähnen ganz unbedeckt ist. Sima Samar schlingt das Tuch noch einmal locker um den Hinterkopf. Wieder rutscht es, und wieder rückt sie es zurecht. Vielleicht würde Sima Samar es am liebsten ganz abnehmen, doch das geht nicht bei offiziellen Terminen wie einer Deutschlandreise. Schließlich ist sie Frauenministerin in Afghanistan – einem Land, in dem sich bis vor wenigen Monaten alle Frauen komplett verhüllen mussten.

Ein kleines, weißes Kopftuch trug sie auch an jenem Tag im Dezember, den sie so schnell nicht vergessen wird. Jener Tag, an dem sie fast 20 Jahre Exil hinter sich ließ und nach Kabul zurückkehrte. Es hätte ein fröhlicher Tag sein können. Doch als sie aus dem Flughafen Bagram herauskam, sah sie nichts als Verwüstung – zerstörte Straßen, die Häuser Ruinen.

Sima Samar hatte an der Universität Kabul 1982 als erste Frau den Abschluss in Medizin gemacht. Als Ärztin hatte sie das Land verlassen – als Frauenministerin und stellvertretende Vorsitzende der Interimsregierung war sie zurückgekommen. Als sie am 22. Dezember ihre Arbeit aufnahm, stand allerdings sie vor dem Nichts. Es gab keine Büros, keine Unterkünfte, kein Geld. Sima Samar musste improvisieren. Die Delegationen aus allen Regionen Afghanistans, die sich an die Frauenministerin wandten, empfing sie bei sich zu Hause.

Über zwei Monate dauerte es, bis für das Frauenministerium endlich ein Gebäude gefunden und zumindest notdürftig repariert war. Doch fertig ist es bis heute nicht. „Ich habe einen Tisch und einen Stuhl – meine Angestellten nicht“, sagt Sima Samar. Richtig arbeiten kann das Ministerium noch nicht. Die Computer aus Deutschland können zum Beispiel noch nicht aufgestellt werden.

Auch um Geld für Frauen muss sie in der Regierung kämpfen. Nur 20000 Dollar hat Samar von Regierungschef Karsai bekommen. Sie hält ein Regierungsamt inne fast ohne Budget. Das Frauenministerium in Kabul hat deshalb derzeit vor allem symbolischen Wert, in der afghanischen Geschichte ist es einmalig. Nachdem die Taliban aus der Stadt verschwunden waren, eroberten die Frauen die Straßen für sich zurück, einige lüfteten ihre Schleier. Andere sind noch vorsichtig, viele tragen bis heute die Burka. „Sie tragen sie aus Gewohnheit“, sagt Samar. Oder weil sie sich noch nicht sicher fühlen in einer Stadt, in der die Polizei noch im Aufbau ist.

Seit die neue Regierung im Amt ist, konnten Frauen immerhin an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Doch den Afghaninnen fehlten fünf Jahre, fünf Jahre in denen sie Gefangene in ihren eigenen Wohnungen waren. Die Hauptaufgabe der Frauenministerin ist es nun, diese verlorene Zeit wieder aufzuholen, etwa durch Schulen für verheiratete Frauen und staatliche Englisch- und Computerkurse. Wenn am kommenden Samstag die Universitäten öffnen, werden sich zum ersten Mal auch wieder Frauen einschreiben.

Die Mehrheit der Männer in Afghanistan unterstützt die Rückkehr der Frauen ins öffentliche Leben zwar, da ist Samar sicher. Doch es gibt immer noch viele, die sich mit der neuen Rollenverteilung nicht recht wohl fühlen. Wie der Taxifahrer in Kabul, der Samar neulich fuhr und nicht wusste, dass in seinem Wagen die Frauenministerin saß. Er sprach aus, was viele denken: Die Frauen seien zwar jetzt glücklich – aber dafür hätten die Männer die Macht verloren. Wenn Frauen gleiche Rechte haben, glauben viele afghanische Männer, büßten sie damit selbst einen Teil ihrer Macht ein.

Bis die Übergangsregierung am 22. Juni aus dem Amt scheidet, hat Samar noch viel vor. In der Loya Dschirga, der großen Versammlung, die eine neue Regierung wählt, sollen Frauen mindestens zu 25 Prozent vertreten sein, fordert sie. Frauenrechte müssten in die Verfassung aufgenommen werden. Im öffentlichen Dienst sollen Frauen nach den fünf Jahren Zwangspause eine Beförderung erhalten. Am liebsten hätte Samar ihnen eine Entschädigung für die fünf verlorenen Jahreslöhne gezahlt – aber das war unmöglich.

Immer wieder stößt sie an solche Grenzen. Das ist schwer für die 45-Jährige, die es gewohnt war, schnell und unbürokratisch zu helfen. Vom pakistanischen Exil aus hatte sie mit ihrer Organisation „Shuhada“ Schulen und Kliniken in Afghanistan aufgebaut, die auch während der Taliban-Regierung von Mitarbeiterinnen betrieben wurden. Sie gründeten auch im Auftrag Samars die einzige weiterführende Schule für Mädchen im ganzen Land.

Bis 1998 reiste Samar immer wieder in entlegene Provinzen Afghanistans, doch dann wurde es für sie dort zu gefährlich. Dabei hatte die kleine, energische Frau nicht so sehr Angst um ihr eigenes Leben, sondern um ihr Projekt. „Wenn sie mich getötet hätten, wäre auch meine Arbeit beendet gewesen.“ Drohungen gegen ihre Person gab es auch in Pakistan. Die Fundamentalisten dort sahen es nicht gern, dass sie in Quetta zwei Krankenhäuser für afghanische Flüchtlingsfrauen gründete. Sie versuchten, sie mit allen Mitteln einzuschüchtern. Irgendjemand streute das Gerücht, sie sei eine Prostituierte – ein Vorwurf, der in Pakistan tödlich sein kann. Auch ihr Sohn wurde bedroht. Doch Samar machte weiter. „Ich war dazu entschlossen“, sagt sie. Sie hat es gelernt, sich durchzusetzen. Ihr Vater wollte sie nicht studieren lassen, also wartete sie bis nach der Heirat, um auf die Universität Kabul zu gehen.

Politikerin zu werden war eigentlich nie ihr Ziel: „Ich habe die Teilhabe von Frauen gefordert, aber doch nicht für mich selbst.“ Keiner hatte Samar gefragt, ob sie Ministerin werden will. Ihr Name wurde einfach verkündet bei der Afghanistankonferenz auf dem Petersberg. Und Samar hat zugestimmt. Um jeden Preis behalten möchte sie das Amt nicht: „Aber wenn ich gebraucht werde, mache ich weiter.“ Das Kopftuch, das sie bei offiziellen Anlässen tragen muss, nimmt sie dafür gern in Kauf.

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