Zeitung Heute : Die Verlorenen

Meine jüdischen Verwandten in Miami – Erinnerung an eine längst vergangene Zeit

Vor einiger Zeit, als ich sechs oder sieben oder acht Jahre alt war, geschah es gelegentlich, dass ich einen Raum betrat und bestimmte Leute zu weinen begannen. Die Räume, in denen das passierte, befanden sich in der Regel in Miami Beach, und die Menschen, auf die ich diese seltsame Wirkung hatte, waren, wie fast jeder in Miami Beach in den sechziger Jahren (jedenfalls kam mir das so vor), alt. Wie fast alle anderen zu der Zeit in Miami Beach (so erschien es mir zumindest) waren die alten Leute Juden – Juden von der Art, die, wenn sie Klatsch austauschten oder nach langen Verwicklungen endlich das Ende einer Geschichte oder die Pointe eines Witzes erreichten, ins Jiddische verfielen; was natürlich den Effekt hatte, dass die Pointen dieser Geschichten und Witze uns Jüngeren verborgen blieben.

Wie damals viele ältere Bewohner von Miami Beach lebten diese alten Juden in Apartments oder kleinen Häusern, die für alle, die nicht darin lebten, etwas sehr Fades hatten, und in denen es meist sehr still war, außer an jenen Abenden, an denen die Fernsehshows von Red Skelton oder Milton Berle oder Lawrence Welk in den kleinen Schwarz-Weiß-Fernsehern ihrer Bewohner liefen. In bestimmten Abständen aber füllten sich diese faden, stillen Wohnungen mit den Stimmen kleiner Kinder, die für ein paar Winter- oder Frühlingswochen aus Long Island oder den Vororten von New Jersey nach Miami Beach geflogen waren, um diesen alten Juden einen Besuch abzustatten, wo sie dann stolz vorgezeigt wurden und, sich vor Scheu und peinlicher Berührung windend, deren papierdünne, kalte Wangen küssen mussten.

Oh, diese Küsse auf die Wangen alter jüdischer Verwandter! Wir krümmten uns, wir stöhnten, wir brannten darauf, zum nierenförmigen beheizten Swimming-Pool hinter dem Apartment-Komplex zu rennen, aber zuerst mussten wir alle diese Wangen küssen, die bei den Männern nach Keller und Haarwasser und Zigarillos rochen und deren kratzige Koteletten so weiß waren, dass man sie für Fusseln halten konnte (was mein jüngerer Bruder einmal tat, woraufhin er, als er versuchte, die störenden Fussel zu entfernen, einen unsanften Klaps auf die Schläfe bekam); und bei den alten Damen das vage Aroma von Gesichtspuder und Bratfett verströmten und so weich waren wie die Taschentücher, die tief unten in ihren Geldbörsen neben violettem Riechsalz, zerknitterten Hustenbonbonpapierchen und zusammengeknüllten Geldscheinen versteckt waren. ... Die zusammengeknüllten Geldscheine. Nimm das und bewahr es für Marlene auf, bis ich wieder draußen bin, sagte die Mutter meiner Mutter, die wir Nana nannten, zu meiner anderen Großmutter, als sie ihr ein kleines rotes Lederetui mit einer verknitterten 20-Dollar-Note in die Hand drückte, an einem Februartag 1965, kurz bevor sie in den Operationssaal geschoben wurde. Sie war gerade 59 geworden und fühlte sich nicht wohl. Meine Großmutter Kay gehorchte und nahm das Etui mit dem zerknüllten Schein, und wie versprochen übergab sie es meiner Mutter, die es immer noch hatte, als Nana ein paar Tage später, wie es Brauch ist, in einem schlichten Kiefernsarg auf dem Mount-Judah-Friedhof in Brooklyn beerdigt wurde, in einem Abschnitt, der (wie es auf der Inschrift an einem Torbogen aus Granit heißt) der MILDTÄTIGEN VEREINIGUNG FÜR ERKRANKTE BOLECHOWER gehörte. Um hier beerdigt zu werden, musste man dieser Vereinigung angehören, und das wiederum bedeutete, dass man aus einer kleinen Stadt mit ein paar tausend Einwohnern kommen musste, die sich am anderen Ende der Welt befand, in einer Gegend, die früher zu Österreich und später zu Polen und dann zu vielen anderen Ländern gehört hatte und Bolechow hieß.

Nun stimmt es zwar, dass die Mutter meiner Mutter – mit deren weichen Ohrläppchen und klobigen blauen oder gelben Ohrringen ich immer spielte, wenn wir in dem geflochtenen Gartenstuhl auf der Türschwelle meiner Eltern saßen, und die ich einmal mehr als alles andere in der Welt geliebt habe, was ohne Zweifel der Grund dafür ist, dass ihr Tod das erste Ereignis ist, an das ich genaue Erinnerungen habe, obwohl es stimmt, dass diese Erinnerungen bestenfalls Fragmente sind … die Mutter meiner Mutter also war nicht in Bolechow geboren und war sogar die einzige unter meinen vier Großeltern, die in den Vereinigten Staaten geboren worden war, eine Tatsache, die ihr unter einer bestimmten Gruppe von Leuten, die heute ausgestorben sind, einst ein gewisses Prestige verlieh. Ihr gutaussehender und tyrannischer Mann jedoch, mein Großvater, Grandpa, war in Bolechow geboren, dort zu junger Männlichkeit herangewachsen, gemeinsam mit seinen sechs Geschwistern, drei Brüdern und drei Schwestern, und aus diesem Grund gehörte ihm ein Platz in diesem Abschnitt des Mount-Judah-Friedhofs. Dort ist auch er selbst beerdigt, jetzt, zusammen mit seiner Mutter, zwei von drei Schwestern und einem von drei Brüdern. Die andere Schwester, die ausgeprägt besitzergreifende Mutter eines einzelnen Sohnes, folgte ihrem Goldkind in einen anderen Bundesstaat und liegt dort begraben. Von den anderen zwei Brüdern hatte einer (so wurde es uns immer erzählt) die weise Voraussicht besessen, mit seiner Frau und seinen kleinen Kindern in den dreißiger Jahren aus Polen nach Palästina zu emigrieren, und war als Resultat dieser weisen Entscheidung bald in Israel beerdigt worden. Der älteste Bruder, der der bestaussehendste der sieben Geschwister war, der am meisten bewunderte und umschmeichelte, der Prinz der Familie, war als junger Mann 1913 nach New York ausgewandert; aber nach nicht mal einem Jahr, das er dort mit einer Tante und einem Onkel verbracht hatte, entschied er, dass ihm Bolechow lieber war. Und so ging er nach einem Jahr in den Vereinigten Staaten nach Bolechow zurück – eine Entscheidung, die er, weil er dort glücklich und reich wurde, für richtig hielt. Er hat überhaupt kein Grab.

Von diesen alten Männern und Frauen, die manchmal bei meinem bloßen Anblick zu weinen begannen, diesen alten jüdischen Leuten mit ihren Wangen, die geküsst werden mussten, mit ihren falschen Krokodilslederarmbanduhren und dreckigen jüdischen Witzen und dicken schwarzen Plastikbrillengestellen, an deren Bügeln vergilbte Plastikhörgeräte angebracht waren, mit ihren randvollen Whiskey-Gläsern und mit Bleistiften, die sie uns bei jedem Besuch schenkten und auf denen die Namen von Banken und Gebrauchtwagenhändlern eingraviert waren, mit ihren weiten Baumwollkleidern und dreifach um den Hals geschlungenen weißen Perlenketten und blassen Kristallohrringen und rotem Nagellack, der an ihren langen, langen Fingernägeln glitzerte und klickende Geräusche machte, wenn sie Mah-Jongg oder Canasta spielten oder die langen, langen Zigaretten umklammert hielten, die sie immerzu rauchten – von all diesen Männern und Frauen hatten die, die ich zum Weinen bringen konnte, bestimmte Dinge gemeinsam. Sie sprachen alle mit einem bestimmten Akzent, der mir vertraut war, weil es der Akzent war, der schwach, aber wahrnehmbar die Sätze meines Großvaters durchzog: Bei keinem von ihnen war dieser Akzent noch sehr stark ausgeprägt, da sie zu dem Zeitpunkt, als mir solche Dinge aufzufallen begannen, schon ein halbes Jahrhundert in den Vereinigten Staaten gelebt hatten, aber immer noch gab es da bestimmte Verschiebungen mancher Wörter, die voller r's und l's waren, Wörter wie darling oder wonderful, eine bestimmte Art, die t's in Wörtern wie terrible und (ein Wort, dass mein Großvater, der gerne Geschichten erzählte, oft benutzte) truth auszusprechen. It's de truht! Es ist die Wahrheit!

Unter diesen Leuten nun waren manche, die zu weinen begannen, wenn ich den Raum betrat und sie mich sahen. Sie legten dann (meistens die Frauen) ihre verdrehten Hände mit ihren Ringen und knotigen Knöcheln, geschwollen und hart wie Baumrinden, an ihre trockenen Wangen und holten dramatisch Luft und seufzten: Oj, er seht sär einlich zu Schmiel!

Oh, wie ähnlich er doch Schmiel sieht!

Und dann fingen sie an zu weinen und schrieen immer wieder leise auf, während sie sich vor- und zurück wiegten und ihre rosafarbenen Pullover und Windjacken um ihre Schultern schlackerten, und der Raum war erfüllt von hastig gesprochenem Jiddisch, das ich zu dieser Zeit nicht verstand.

Der Text ist ein Auszug aus dem Bestseller „The Lost“. Aus dem Englischen von Jens Mühling.

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