Zeitung Heute : Die Vermessung der Ruinenstadt

TFH-Forscher rekonstruieren Palastruinen der antiken Stadt Persepolis auf dem Computerbildschirm

Markus Wanzeck

Es ist ein geheimnisvoller Ort, den Marleen Klauke und Andreas Tscherch von der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) sich im Frühjahr 2006 für ihre Diplomarbeit ausgesucht haben: Persepolis. Palastruinen, Statuen und prächtige, bis zu 20 Meter hohe Steinsäulen zeugen von der großen Vergangenheit dieser Stadt. Als sie 500 v. Chr. im Süden des heutigen Iran erbaut wurde, war sie das wohl gigantischste Bauprojekt der Antike: Über 50 Jahre dauerte es, bis Generationen von Architekten, Bauarbeitern und Künstlern die majestätische Hauptstadt des altpersischen Weltreiches auf einer eigens angelegten, 15 Hektar großen Terrasse errichtet hatten. Heute zählen die Überreste der Stätte 900 Kilometer südlich von Teheran zum Unesco-Weltkulturerbe.

Der deutsche Archäologe Friedrich Krefter, der Persepolis Anfang der 1930er Jahre ausgegraben und vermessen hatte, baute 1973 ein Modell der Ruinenstadt. Diese Rekonstruktion im Maßstab 1:1000, die sich im Pergamonmuseum befindet, hat mit ihrer Detailtreue wissenschaftliche Maßstäbe gesetzt. Bis vor drei Jahren. Im Jahr 2005 begannen nämlich Forscherteams der TFH, die Überreste von Persepolis millimetergenau zu vermessen und virtuell zu rekonstruieren.

Seitdem reisen jährlich bis zu vier TFH-Studenten des Fachbereichs Bauingenieur- und Geoinformationswesen mit einem wissenschaftlichen Betreuer in den Iran. In Persepolis und an anderen antiken Stätten fotografieren sie in einem aufwendigen Verfahren Tempel- und Palastruinen, Reliefs und Fresken – und halten so für die Forschung fest, was über Jahrtausende erhalten blieb. Mithilfe sogenannter photogrammetrischer Verfahren erstellen sie detailgetreue dreidimensionale Abbilder der fotografierten Objekte. Die Photogrammetrie dient somit als Handwerkszeug für Rekonstruktionsarbeiten von Denkmalpflegern und Archäologen. „Eigentlich sind wir bloß Datenlieferanten für andere Fachdisziplinen“, sagt Martin Kähler, Leiter des TFH-Labors für Photogrammetrie und Koordinator der Persepolis-Projekte.

Doch Kähler stapelt ziemlich tief: Die photogrammetrischen Untersuchungen seiner Studenten liefern nicht nur nackte Zahlen, sondern bisweilen auch archäologisch verwertbare Thesen. Die zu erwartende Entdeckung machten Marleen Klauke und Andreas Tscherch, während sie für ihre Diplomarbeit die historischen Reliefs an den Palastwänden von Persepolis vermessen haben. „Ein auffällig oft wiederkehrendes Reliefmotiv war ein Stier, der von einem Löwen gerissen wird“, erklärt Klauke. Sie fragten sich: War jedes dieser Motive ein Unikat? Oder wurden die Reliefs vor 2500 Jahren mithilfe von Schablonen gemeißelt?

Die beiden Diplomanden untersuchten ein Dutzend der zwei mal drei Meter großen Reliefs. Mithilfe einer photogrammetrischen Software schufen sie exakte zweidimensionale Abbilder der Motive, die am Computerbildschirm in Deckung gebracht werden können. Das Ergebnis: Die Reliefs waren vermutlich keine Unikate. Aber auch keine Schablonenarbeit. Während sich die zwölf Kunstwerke in Details durchaus unterscheiden, stimmen ihre Grundproportionen überraschend genau überein. Das, so Klauke und Tscherch, lasse auf eine ausgeklügelte Meißelanweisung schließen - eine Art „Meißeln nach Zahlen“.

Für ein weiteres Forschungsprojekt haben zwei TFH-Studentinnen im vergangenen Jahr in Pasargadae, einige Kilometer nordöstlich von Persepolis, das Relief von König Kyros dem Großen photogrammetrisch vermessen – nur wenige Wochen, bevor der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Befehl gab, den elf Kilometer langen Siwand-Stausee zu fluten. Die Ufer des Sees werden einmal gefährlich nah an Pasargadae heranreichen, wie Prognosen ergeben. Archäologen sehen deshalb das Kyros-Abbild, das ebenfalls zum Weltkulturerbe zählt, akut bedroht. Zwar können auch die TFH-Forscher das Relief nicht vor dem Zerfall bewahren. Aber sie könnten es einmal wiederauferstehen lassen. Virtuell, immerhin.

Die Technische Fachhochschule ist die einzige im deutschsprachigen Raum, die derzeit Forscher an die antiken Stätten Irans entsendet. „Ansonsten sind da nicht viele Kollegen“, sagt Kähler. „Nur wenige Franzosen und ein paar Amerikaner.“ Den Anstoß zum Engagement im Iran hatte das Berliner Ingenieurbüro Gilan gegeben, dessen Gründer selbst iranischer Abstammung ist. Das Büro gehört zusammen mit der staatlichen iranischen Altertümerverwaltung bis heute zu den Unterstützern der TFH-Forscher. Für Projektkoordinator Kähler ein Glücksfall: „Bei all unseren Projekten steht der wissenschaftliche Wert im Vordergrund. Ein rein wirtschaftlich denkendes Ingenieurbüro würde uns da wohl kaum unterstützen und ein so großes Engagement an den Tag legen.“

Die Photogrammetrie-Ausflüge in den Iran seien für seine Studenten einzigartige Erfahrungen, sagt Kähler. In dreierlei Hinsicht: Erstens lernen die Nachwuchsforscher, wie man selbständig große Projekte organisiert. Zweitens werden die Projektergebnisse in der Praxis auch tatsächlich gebraucht. Und zu guter Letzt sammeln die Vermessungsingenieure wertvolle interkulturelle Erfahrungen. Auf alle drei Dinge legten potentielle Arbeitgeber großen Wert. „Die Mitarbeit in einem solchen Projekt zahlt sich definitiv aus.“

Marleen Klauke und Andreas Tscherch hat ihr Photogrammetrie-Projekt in Persepolis bereits genützt. Sie wurden direkt nach Abgabe ihrer Diplomarbeit vom Ingenieurbüro Gilan übernommen. Nun reisen sie regelmäßig in den Iran, um historische Stätten zu vermessen und neu geschlossene Freundschaften zu pflegen. Die beiden haben ihren Traumjob gefunden. Sie sind fasziniert von der Jahrtausende alten persischen Kultur. Vor allem aber von der „großen Gastfreundschaft in einem Land, aus dem fast nur negative Nachrichten zu uns dringen“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben