Zeitung Heute : Die verschmähte Hochzeit

Der Tagesspiegel

Von Claus-Dieter Steyer

Nitzahn. „Notfalls verlassen wir Brandenburg.“ Fredi Mathews, Bürgermeister von Nitzahn, spricht klar und deutlich, genießt die Wirkung seiner Rede. Nitzahn wolle unter allen Umständen weiterhin über sein Schicksal bestimmen, das sehe auch die Gemeindevertretung so. Deshalb mache man mobil gegen die Kommunalreform, man hat Klage eingereicht. „Und wenn alles nichts hilft, retten wir uns eben nach Sachsen-Anhalt“, sagt Mathews, der seit 1998 für die SPD auf dem Bürgermeisterstuhl sitzt.

Von so viel Revoluzzergeist sieht man im Ort wenig. Nitzahn ist ein schickes Dorf mit gepflegter Kirche, die Straßen sind glatt und beiderseits von gepflasterten Fußwegen eingerahmt. Knapp 500 Einwohner leisten sich eine Kita, einen Jugendklub mit Internetanschluss und Fitnessabteilung, die Gaststätte floriert, der neue Lebensmittelladen auch. Hier herrscht Wohlstand, und den sehen viele Nitzahner in Gefahr, wenn sie mit acht Orten - alle nicht so gut in Schuss - fusionieren sollen. „Würden Sie jemanden heiraten, der nur auf Ihr Geld aus ist?“, fragt Uwe Pollack, Chef der Freiwilligen Feuerwehr. „Wir gehen doch nicht mit armen Nachbardörfern zusammen, die nicht so gut wie wir gewirtschaftet haben.“ Nein, der 38-Jährige steht entschlossen hinter dem „Denkzettel“ für den Innenminister. „Wenn alle Mittel in einen Topf kommen, geht unser Dorf in einem Verbund bestimmt leer aus.“

Nicht alle in Nitzahn sehen die Lage so dramatisch. Zwei Bauern, die vor ihrem Hoftor stehen, winken ab. „Ach, der Bürgermeister“, sagt der eine. „Was der sich so alles zusammenspinnt. Sachsen-Anhalt? Da müssten wir doch viel länger in die Kreisstadt fahren.“ 20 Kilometer seien es jetzt bis Rathenow, 50 Kilometer aber bis nach Stendal. Auch der andere Bauer hält nicht viel von der Idee, ins benachbarte Bundesland zu wechseln. „Der Bürgermeister ist doch gar kein Einheimischer. Der kommt aus Berlin, sogar aus West-Berlin. Da haben die wohl so komische Ideen.“ Aber dann gerät er doch ins Grübeln und ihm fällt ein, dass Nitzahn bis 1954 zum Kreis Jerichow II gehörte, „und der lag in Sachsen-Anhalt.“

Statt in die Vergangenheit blickt Bürgermeister Mathews lieber in die Zukunft. Die Weigerung, mit den Nachbarn zu fusionieren, sei man den kommenden Generationen schuldig, sagt er. Allein, die Chancen stehen nicht gut. Kein Dorf kann eigenständig bleiben. Im Zuge der Gemeindegebietsreform setzen sich Großgemeinden durch, in denen Dörfer zu Ortsteilen schrumpfen. Nur noch ein Bürgermeister hat gemeinsam mit der Gemeindevertretung das Sagen.

Nitzahns Gemeindevertreter hoffen nun, dass Sachsen-Anhalt nicht auf die Idee kommt, eine Gebietsreform zu starten. Dort sieht man die politische Heimat. Das sieben Kilometer entfernte Amt Schlagenthin ist als Partner ausgesucht worden. „Das dortige Pfarramt betreut schon unser Kirchenspiel“, sagt Mathews. „Warum soll es da mit dem Länderwechsel nicht klappen?“

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