Zeitung Heute : Die Versöhnungs-Meisterschaft

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Von Harald Maass, Seoul

Einmal in der Woche geht die 84-jährige Pak Ok-nyum zur Demo. Immer Mittwochvormittags lässt sich die zierliche Großmutter aus ihrem Altersheim in den Bergen mit dem Bus in die Innenstadt von Seoul fahren, um hier vor der japanischen Botschaft zu protestieren. Die anderen Demonstranten: weitere hochbetagte Frauen mit grauen Haaren und faltiger Haut, einige sitzen im Rollstuhl. Sie halten Transparente in die Höhe, rufen durch Megaphone. Der wöchentliche Protest gegen Japan ist für sie Gewohnheit wie für andere Großmütter die Teestunde mit Gebäck.

Seit elf Jahren stehen sie jede Woche hier. „Wir kommen so lange wieder, bis uns Gerechtigkeit widerfährt“, sagt die alte Pak. Die Frauen vor der Botschaft erinnern daran, was ihnen von Japan einst angetan worden ist. „Trostfrauen“ sind sie gewesen, so haben die Japaner sie genannt. In den 30er und 40er Jahren mussten sie als Sexsklavinnen japanischen Soldaten dienen – insgesamt waren es mehr als 100000 asiatische Frauen, die von der japanischen Armee entführt und in Militärbordellen gefangen gehalten wurden. Zehntausende von ihnen trieb die jahrelange Erniedrigung in den Selbstmord, unzählige starben entlang der Front. „Japan hat sich bis heute nicht bei mir entschuldigt“, sagt Pak.

Hierhin also, nach Südkorea und Japan, wird die Welt in den nächsten Wochen blicken. Zum ersten Mal findet eine Fußball-Weltmeisterschaft in zwei Ländern statt. Die Verhandlungen zwischen Tokio und Seoul waren nicht einfach. Wo soll das Endspiel ausgetragen werden, wer bekommt die Eröffnungsfeier? Auch über Kleinigkeiten wurde diskutiert. Die südkoreanische Botschaft in Berlin zum Beispiel rief extra in den deutschen Sportredaktionen an, um sicherzustellen, dass die Zeitungen auch den korrekten WM-Titel drucken: „KoreaJapan 2002“. Korea an erster Stelle, Bitteschön!

Samstagabend, Seoul, die Innenstadt: Aus grell beleuchteten Modeläden dröhnt Popmusik. Südkoreas Jugend ist unterwegs. Mädchen mit ultrakurzen Miniröcken und feuerrot gefärbten Haaren schleppen Einkaufstüten. Um ihre Hälse baumeln silbern glänzende Edel-Handys, die teuren Sonnenbrillen haben sie hochgeschoben ins Haar. So sehen auch die Mädchen in Tokio aus. Denn nicht aus New York und Paris und Mailand, sondern aus der japanischen Hauptstadt kommt der Lebensstil, den sie hier in Seoul mögen. Jungs lesen japanische Comics, die Mädchen tragen Make-up der japanischen Marke Shiseido. „Wir lieben das einfach“, sagt eine von ihnen, die junge Hwang Eunsook. Auch die Regierung weiß das. Als Vorsorge gegen die kulturelle Kolonialisierung dürfen deshalb japanische Pop-CDs in Südkorea nicht verkauft werden. Japans Erfolgsbands haben trotzdem koreanische Fans. „Unter dem Ladentisch bekommt man jede Platte“, sagt Hwang.

Das Kakehashi, ein gemütliches Café hinter dem Hyundai-Kaufhaus, ist Treffpunkt der Japan-Fans in Seoul. Am schwarzen Brett hängen die Poster der großen japanischen Popbands. Nachmittags trifft sich die 17-jährige Yim Seon-hye hier mit Freunden zum Japanisch lernen. „Japan ist cool“, sagt die Schülerin. Auch sie mag vor allem Tokios Mode. „Sehr individualistisch“, sagt sie. Seit acht Monaten büffelt Yim das Hiragana- und Katakana-Alphabet. Mit ihr am Tisch sitzen ein paar Studenten und eine Verkäuferin, die in einem Duty-Free-Laden arbeitet und viele japanische Kunden hat. Über Politik machen sie sich keine Gedanken. Die Trostfrauen? „Die Geschichte muss irgendwann auch mal ruhen.“ Und auch das Musikverbot ihrer Regierung halten sie für unnötig. „Japan ist unser Nachbar, nicht mehr unser Gegner“, sagt einer in der Runde.

Einen Tisch weiter sitzt Kim Jung-ri, ein japanischer Gaststudent an der Sogang-Universität von Seoul. Der 21-Jährige mit dem Spitzbart verbringt seinen Nachmittag damit, in den japanischen Comic-Büchern zu schmökern, die hier im Café mehrere Regale füllen. Kim ist japanischer Koreaner. Oder koreanischer Japaner, einer von 650000 Koreanern jedenfalls, die in Japan leben, oft seit mehreren Generationen. Kim studiert in Seoul, weil er später einmal in Südkorea Arbeit finden will. Er sei überrascht gewesen, wie groß das Misstrauen hier noch ist, erzählt Kim: „In Japan sehen wir Südkorea als unseren Freund. Das ist in Seoul nicht so.“

Die beiden Länder sind wie zwei Brüder, die sich vor langer Zeit zerstritten haben. Ein falsches Wort des einen genügt, und der andere geht in die Luft. Solange die Koreaner zurückdenken können, war Japan ihr Feind. Die geografische Lage Koreas, eingezwängt zwischen drei Großmächten, machte es zu deren Spielball. Wenn nicht gerade Chinas Kaiser ihre Truppen schickten, übernahmen die Japaner die Halbinsel als Besatzer.

Zwischen 1910 und 1945 war das Land unter japanischer Kolonialherrschaft. Eine Zeit, die man hier bis heute nicht vergessen hat. Zehntausende Koreaner demonstrierten im vergangenen Jahr gegen Tokio, weil in den japanischen Schulbüchern ihrer Meinung nach die Kriegsverbrechen der Besatzer verharmlost werden. Und auch kurz vor der Fußball-WM kam es noch zu einem diplomatischen Zwischenfall. Japans Regierungschef Junichiro Koizumi besuchte im April den umstrittenen Yasukuni-Schrein, in dem auch das Andenken an japanische Kriegsverbrecher gepflegt wird. Aus Protest zitierte Seoul den japanischen Botschafter ein.

Die alte Pak Ok-nyum wurde als 20-Jährige verschleppt und von den Japanern nach Neuguinea verschifft. Acht Jahre lang musste sie ihnen als Prostituierte dienen. Als eine der wenigen überlebte sie und kehrte zurück nach Korea. Sie heiratete, bekam einen Sohn. Die Vergangenheit blieb jedoch lange ihr Geheimnis, das Schicksal der Trostfrauen war in Korea bis vor wenigen Jahren ein Tabu. Das ist heute nicht mehr so, aber als nationale Schande empfinden es die meisten Koreaner dennoch. Pak lebt heute im „Haus des Teilens“, einem Heim für die Trostfrauen. „Mein Sohn hat mich in all den Jahren kein einziges Mal dort besucht“, sagt sie.

Die Fußball-WM wird die Wunden nicht heilen. Doch vielleicht kann sie die beiden Nachbarn einander näher bringen. Korea lockerte für den WM-Sommer zum Beispiel das Musikverbot. Künstler aus beiden Ländern geben Konzerte, es gibt gemeinsam veranstaltete Ausstellungen. Die vielleicht interessanteste findet im Völkerkundemuseum in Seoul statt: Gezeigt wird der Nachbau einer japanischen Wohnung – originalgetreu mit den Gameboy-Spielen des Sohnes und der Bettwäsche der Großmutter. Besucher können in der CD-Sammlung der japanischen Familie stöbern und in ihre Küchenschränke blicken. Eine Parallelausstellung mit dem Nachbau eines koreanischen Heims ist drüben im japanischen Osaka aufgebaut.

Eine Besucherin, hier in Seouls Völkerkundemuseum, blickt neugierig in das Zimmer der japanischen Tochter, wo Jeans, Make-up-Cremes und Comic-Bücher herumliegen. „Es ist erstaunlich, wie ähnlich unsere Kulturen sind“, sagt sie.

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