Zeitung Heute : Die versteckten Deutschen

Andrea Fischer schreibt an dieser Stelle einmal im

Gestern Abend wurde in München der Krimipreis der Autoren verliehen, der Friedrich-Glauser-Preis. Ob es eine glanzvolle Veranstaltung war, muss hier offen bleiben, denn die Preisverleihung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Es ist nicht bekannt, ob das der Tatsache geschuldet war, dass nur zwei Flaschen Rotkäppchensekt zur Verfügung standen oder ob dies eine Rache am Publikum ist, das den deutschen Kriminalroman nicht genug schätzt. In der Tat sind die deutschen Leserinnen und Leser ja nicht gut zu ihren Autoren. Jeder neue schwedische Roman schafft es hierzulande auf die Bestenlisten, aber erinnert sich jemand daran, wann das zuletzt einem deutschen Krimi gelungen ist? So ganz gerecht ist das bestimmt nicht, denn auch Deutsche können schreiben. Aber vielleicht ist uns das zu dicht dran, es fehlt die exotische Prise. Allerdings ist das Aufregende an der schwedische Tristesse nur schwer erkennbar...

Mit dem diesjährigen Preis jedenfalls hätte man sich nicht verstecken müssen. Der Nachwuchspreis ging an den Berliner Autor und Arzt Christoph Spielberg mit seinem Erstling "Die russische Spende" (Piper Verlag, 8,90 Euro). Am Anfang seiner Geschichte steht nur die Irritation eines Arztes über den Tod eines Patienten, richtig misstrauisch wird er, als der Totenschein nicht mehr aufzufinden ist. Mit einer beträchtlichen Portion Naivität stößt er bei seinen Nachforschungen allmählich auf ein System von Geldwäsche und Betrug, in dessen Zentrum das Krankenhaus steht, in dem er arbeitet. Ein unterhaltsamer Wirtschaftskrimi, in dem die Verbindungen bis zur russischen Mafia reichen, und zudem eine echte Neuerung: Das Krankenhaus als Ort des Verbrechens musste endlich entdeckt werden - auch wenn man manchmal den Eindruck hat, dass sich hier einer langjährigen Frust von der Seele schreiben musste. Aber das ist mit diesem Roman ja nun geschehen und so darf man hoffen, dass in künftigen Büchern das Talent des Neulings ungebremst zur Entfaltung kommt.

Und weil wir es heute gut mit den deutschsprachigen Kriminalromanen meinen, sollen hier noch zwei Autoren gelobt werden. Was die Exotik anbelangt, hat Sabina Naber gleich zwei Trümpfe zu bieten: der Schauplatz ihres Romans ist Wien und der Fall führt in das dortige Milieu der Swinger-Clubs. Eine Frau wurde bestialisch umgebracht und die Art ihres Todes weist auf einen persönlichen Racheakt hin. Bei den Ermittlungen aber entsteht das Bild einer Frau, die sich und das Leben liebte und davon in den Clubs so großzügig weitergab, dass alle sie sehr mochten und bewunderten. Gesucht wird dennoch nach dem Einen unter den Vielen, der sich vielleicht zurückgesetzt fühlte. Solides Krimihandwerk, diese Geschichte, und ein erotischer Roman, denn die Kommissarin entdeckt die femme fatale in sich und das Anziehende in ihrem neuen Kollegen. Sabine Naber sollte die Aufnahme im neofeministischen Club tart noir beantragen. (Die Namensvetterin, Rotbuch-Verlag, 8,90 Euro)

Schließlich noch ein Beweis, dass auch dem deutschen Krimi das Exotische nicht fremd ist, man muss nur einen Blick dafür haben. Mülheim an der Ruhr ist Kristof Kryszinskis Revier, Ex-Junkie, Ex-Mitglied einer Motorradgang und Privatdetektiv. Hier guckt einer nicht von oben nach unten, er ist selber unten. Diesmal allerdings führt ihn sein neuestes Abenteuer ganz hoch hinauf, in die Alpen (Jörg Juretzka, Fallera, Rotbuch-Verlag, 8,90 Euro). Er soll under cover ein Experiment begleiten, in dem eine Gruppe von Behinderten und eine Gruppe von Knackis durch das gemeinsame Bergsteigen - man weiß es nicht genau, aber vermutlich sich resozialisieren lassen, zu besseren Menschen werden oder irgend so etwas anderes bizarr Sozialpädagogisches machen sollen.

Das Ganze wird zum Horrortrip, der etlichen Teilnehmern der Expedition jegliche weitere Resozialisation erspart. Am Schluss gewinnen die Guten mit Tricks und Finten, die eines James Bond würdig wären. Aber das geht in Ordnung, denn hier wird eine völlig verrückte Geschichte einfach wahnsinnig gut und wahnsinnig witzig erzählt. Dass so gute Geschichten in Deutschland geschrieben werden, darf uns durchaus wieder hochnäsiger gegenüber all den Erfolgsautoren aus dem Ausland machen. Aber was passiert - auf die ersten beiden Bücher aus der Reihe mit dem wunderbaren Kristof Kryszinski muss man sechs Wochen beim Buchhändler warten! Ja, der deutsche Krimi versteckt sich eben gern.

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