Zeitung Heute : Die verstoßenen Bilder

Die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin ergänzt ihre Datenbank zur nationalsozialistischen Beschlagnahmeaktion 1937 um weitere 2000 Einträge

Meike Hoffmann

Manche Kunstwerke haben einen langen Weg hinter sich. Zum Beispiel Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Rosa Straße mit Auto“ aus dem Jahre 1913. 1920 Ankauf durch die Nationalgalerie in Berlin. 1937 Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten. Bis 1938 Exponat der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ mit Stationen in München, Berlin, Leipzig, Düsseldorf und Salzburg. Von Oktober 1938 bis Februar 1939 Lagerung im Schloss Schönhausen in Berlin-Pankow. Am 7. Februar 1939 vom Berliner Buch- und Kunsthändler Karl Buchholz für 160 US-Dollar übernommen und an die von Curt Valentin geleitete Buchholz Gallery in New York transferiert. 1939 Erwerb durch das New Yorker Museum of Modern Art.

So oder ähnlich lauten die wechselvollen Geschichten der Werke von Max Beckmann, Marc Chagall, George Grosz, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Emil Nolde, Oskar Schlemmer und vielen anderen auch unbekannten Künstlern, die Propagandaminister Joseph Goebbels 1937 aus deutschen Museen einziehen ließ. Adolf Hitler hatte ihm die Vollmacht zur Beschlagnahme sogenannter „entarteter Kunstwerke“ erteilt. Die moderne Kunst ließ sich nicht für die nationalsozialistische Propaganda instrumentalisieren und wurde aus den öffentlichen Sammlungen verbannt. Im Mai 1938 regelte ein Gesetz die entschädigungslose Enteignung der Museen und bereitete damit die juristische Grundlage für den Verkauf ins Ausland vor. Man wollte versuchen, „noch Geld mit dem Mist zu verdienen“, wie Goebbels es formulierte. Bis heute haben sich die ehemals glanzvollen Sammlungen der Moderne in Deutschland von der systematischen Beschlagnahme nicht erholt – noch immer sind die Werke in alle Winde zerstreut.

Die an der Freien Universität Berlin auf Initiative der Ferdinand-Möller-Stiftung Ende 2002 angesiedelte Forschungsstelle „Entartete Kunst“ spürt den in der NS-Zeit verfemten Bildern nach. Unter der Leitung von Professor Klaus Krüger rekonstruiert ein Team von Wissenschaftlern um den Kunsthistoriker Andreas Hüneke die Beschlagnahmeaktion und erforscht das Schicksal der einzelnen Werke – eine vielschichtige und im Einzelnen auch politisch brisante Suche. Sensationell sind Funde, wie sie kürzlich auf dem Grabungsfeld vor dem Roten Rathaus in Berlin-Mitte entdeckt wurden. Bei der Grabung, die vom Landesarchäologen und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte Professor Matthias Wemhoff – einem Honorarprofessor der Freien Universität – geleitet wurde, wurden neben mehreren Bruchstücken elf relativ intakte Plastiken aus Bronze und Steinguss zutage gefördert, zu denen bis heute jede Spur fehlte. Mitarbeiter der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ und des GeorgKolbe-Museums konnten acht Figuren eindeutig identifizieren. Sie stammen alle aus dem Beschlagnahmegut und sind seit dem 8. November im Neuen Museum ausgestellt. Die Verbindung zu dem infrage kommenden Bewohner des Hauses im „Dritten Reich“, auf dessen Grundstück die Werke gefunden wurden, ist bisland noch völlig unklar – ein Ansatzpunkt für neue Untersuchungen. Die von der Forschungsstelle recherchierten Ergebnisse zur damaligen Beschlagnahmeaktion der Nationalsozialisten werden in eine Bild-Datenbank eingespeist. Seit April dieses Jahres ist der erste Teil der Dokumentation unter dem Titel „Gesamtverzeichnis der 1937 in deutschen Museen beschlagnahmten Werke der Aktion ,Entartete Kunst‘“ im Internet für kostenlos einsehbar. Die Freischaltung der Datenbank hat ein großes Medienecho hervorgerufen. Das in Fachkreisen lang erwartete digitale Inventar ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Provenienzrecherche an den Museen. Es ist die weltweit einzige wissenschaftlich erarbeitete Datenbank zu dem Thema und erhebt Anspruch auf Vollständigkeit. Insgesamt sind bisher mehr als 21 000 Kunstwerke erfasst. Anfang November wurden weitere 2 000 Datensätze zur Beschlagnahme in München, Berlin, Erfurt und Oldenburg online geschaltet. Auch die kürzlich gefundenen Plastiken sind darunter. Bis Ende des kommenden Jahres plant die Forschungsstelle die vollständige Online-Publ kation aller Daten. Nicht immer endet die Geschichte der Bilder und Skulpturen mit der glücklichen Ankunft in einer Privat- oder Museumssammlung. Fast 5000 der damals beschlagnahmten Objekte sollen im März 1939 in der Berliner Hauptfeuerwache im Stadtteil Kreuzberg auf Anordnung von Goebbels verbrannt worden sein. Man erklärte sie schlicht für „unverwertbar“.

Anders als bei den Bücherverbrennungen ab 1933 fand die Vollstreckung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Warum, ist heute schwer zu sagen. In jedem Falle bewahrten Anwesende Teile des Beschlagnahmeguts vor dessen Zerstörung. Die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität konnte immerhin etwa 150 der zur Verbrennung freigegebenen Werke an verschiedenen Orten auffinden. Viele sind unwiederbringlich verloren.

Auch ist die Identifizierung der beschlagnahmten Kunstwerke nicht immer möglich. Die historischen Listen sind unvollständig, oft fehlerhaft. Genannt werden nur die Nachnamen der Künstler, die Titel sind zum Teil willkürlich gewählt, die Techniken nur grob angegeben, Maße und Datierung fehlen ganz. Unikate, wie Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen lassen sich nach mehr oder weniger aufwändiger Recherche zwar bestimmen, aber welche Druckgraphiken verbergen sich hinter den Angaben „Mueller, Badende“ oder „Schmidt-Rottluff, Landschaft“, wenn diese Motive mehrfach von den Künstlern gestaltet wurden und sich zahlreiche Varianten in den Museen befanden?

Noch schwieriger wird es bei summarischen Einträgen. Die Beschlagnahme von „sieben Kilogramm Zeichnungen und Klebearbeiten“ in der Hanseatischen Hochschule in Hamburg wird sicher niemals aufgeklärt werden können. Wenn auch unvermeidliche Lücken zu beklagen sind, bietet die Datenbank in ihrer Fülle doch ein umfassendes Informationssystem. Die Angaben zu den Künstlern, Objekten, Herkunftsmuseen, zur Beschlagnahme, den Lagerorten, Händlern und Käufern sowie den historischen und aktuellen Abbildungen sind auf vielfältige Weise miteinander verknüpft. Das gibt Aufschluss über die Sammlungsgeschichte der Museen, das Oeuvre betroffener Künstler, den Kunsthandel im „Dritten Reich“ und nicht zuletzt über die Geschichte des Sammelns und des Mäzenatentums im 20. Jahrhundert. So leistet die Datenbank der Beschlagnahme einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Kunstpolitik im Nationalsozialismus und deren Folgen, wie es sich die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin zur Aufgabe gestellt hat.

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin an der Forschungsstelle für „Entartete Kunst“.

Im Internet:

www.entartetekunst.

geschkult.fu-berlin.de

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