Zeitung Heute : Die vertraute Fremde

Neues in die Welt bringen: Philosophen, Psychologen und Hirnforscher streiten über das Rätsel Kreativität

Günter Abel

Kreativität steht hoch im Kurs, in den Künsten wie in den Wissenschaften, Technologien, Medien oder im alltäglichen Leben – und in allen Kulturen. Wir haben Freude an kreativen Personen und Prozessen, auch wenn wir nicht wissen, was eigentlich geschieht, wenn solche Prozesse eintreten und wie genau sie verlaufen. Kreativität ist eine vertraute Fremde, ein schwer fassbare Freundin.

Aber an der Frage der Kreativität kommt in der Wissensgesellschaft niemand vorbei. Sie steht hinter allen Debatten über Innovation, Genforschung, Bioethik, virtuelle Welten oder künstliche Intelligenz. Mit dem Berliner Kongress über Kreativität leistet die Philosophie einen Beitrag zur Klärung dieses rätselhaften Begriffs und zum Verständnis des Phänomens der Kreativität im Blick auf Schlüsselthemen, die unsere Zeit bewegen.

In der Genforschung ist die Manipulation und Erzeugung tierischen und menschlichen Lebens eine Frage wissenschaftlicher und technologischer Kreativität. In Informatik und Kognitionswissenschaften wird intensiv an der Entwicklung künstlicher Intelligenz gearbeitet. Können Computer kreativ sein? Oder markiert nicht gerade die Natur kreativer Prozesse die Grenze der Forschung zur Künstlichen Intelligenz? Müssen die Wissenschaften am Ende vor dem Phänomen der Kreativität kapitulieren? Möglicherweise wird Kreativität auch zu einem neuen Paradigma der Naturwissenschaften: Schon heute spielen Begriffe wie Zufall, Chaos oder Synergetik in der Forschung eine prominente Rolle.

Kreativität besteht darin, Neues in die Welt zu bringen. In der radikalen Kreativität, etwa bei bahnbrechenden, stilbildenden Künstlern und Wissenschaftlern (wie Beethoven, Einstein, Cézanne, Schönberg oder Lobachevsky) werden die Prinzipien des bis dahin zugrunde liegenden Systems durchbrochen und neue in Kraft gesetzt. Bekannte Beispiele sind der Übergang zur Nicht-Euklidischen Geometrie oder auch der Bruch zwischen dem tonalen und dem atonalen System in der Musik.

Kreative Prozesse sind in ihrem Eigensinn nicht reduzierbar auf bereits vorhandene Elemente und Regeln. Sie sind nicht vorhersagbar und entziehen sich einer wissenschaftlichen Erklärung. Kreative Prozesse sind Manifestationen der Spontaneität und durch Diskontinuitäten gekennzeichnet. Darin bestehen Faszination und Rätsel der Kreativität.

Psychologen versuchen dem Geheimnis der Kreativität auf die Spur zu kommen, indem sie Persönlichkeitsmerkmale kreativer Menschen untersuchen. Mit Tests und Befragungen ermitteln sie, wie diese Personen Probleme lösen oder mit neuartigen Situationen zurechtkommen. In der Philosophie der Kreativität dagegen geht es um die Strukturen kreativer Prozesse, um das, was passiert, wenn etwa Analogien zwischen unterschiedlichen Bereichen hergestellt, zwei oder mehrere Vorstellungen simultan aktiviert werden und interagieren.

Wie werden Perspektivenwechsel vorgenommen, Diskontinuitäten produziert, neue Regeln gesetzt? Es zeigt sich: Kreative Menschen wechseln Beschreibungssysteme, begehen gezielt Kategorienfehler, konstruieren neue epistemische Objekte und verlassen überkommene Weltbilder. Letzteres ist der Fall, wenn in Einsteins Welt die Idee eines Koordinatensystems des absoluten Raumes und der absoluten Zeit durch eine Konzeption ersetzt wird, in der die Raum-Zeit abhängig gedacht wird von der Energie- und Materieverteilung im Weltall.

Eines der grundlegenden Merkmale eines kreativen Geistes ist der schöpferische Umgang mit Zeichen, mit bildhaften, nicht-sprachlichen, sprachlichen und gedanklichen Zeichen. Wir sind kreativ nicht vermittels, sondern kraft der Zeichen. Als kreativer Kopf gilt jemand, der gegebene Zeichen auf neue Weise verwendet, neue Zeichen und Interpretationen erfindet und neue Regeln implementiert.

Oftmals ist es so, dass erst der bewusste Bruch mit etablierten Regeln dazu führt, Neues hervorzubringen. Wer jedoch kreativ Regeln verletzt, will keineswegs Chaos herbeiführen. Wahrhaft kreative Künstler geben der Kunst neue Regeln. Das nennt Kant genial. Der Kubismus in der modernen Malerei ist ein Beispiel dafür, etwa Braques „Frau mit Mandoline“ oder Picassos Portraits. Diejenigen, die sich stattdessen im Regel-Zerstören erschöpfen und nicht über die Kraft neuer Regel-Setzungen verfügen, bezeichnet Nietzsche als „dekadent“.

Der Witz einer kreativen Regelverletzung ist ein doppelter: Sie folgt keiner Meta-Regel, und sie eröffnet im Erfinden neuer Regeln erweiternde und intensivierende Einsichten ins Material. Hier blitzt etwas von dem tiefen Zusammenhang von Wahrheit und Kreativität auf. Wahrheit sitzt im Offenen, und Kreativität kann in sie hineinführen. Das ist bei Kunstwerken ebenso der Fall wie bei revolutionären wissenschaftlichen Theorien.

Wie aber passt der kreative Geist in unser naturalistisches und wissenschaftliches Weltbild? Ein Vorschlag: Kreative Prozesse können als „Emergenz“-Phänomene, als Prozesse verstanden werden, in denen eine neue Qualität überraschend auftaucht.

Für kreative wie für emergente Prozesse ist kennzeichnend, dass sie neuartig, unvorhersagbar und nichtreduzierbar sind. Nichtreduzierbar im Sinne einer Asymmetrie: Jeder kreative Prozess vollzieht sich auf der Basis von Naturprozessen. Doch kein kreativer Prozess kann auf deren Struktur und Gesetze reduziert werden. Im Fokus der wissenschaftlichen Forschung steht die erste Komponente dieser Asymmetrie, die Naturbasis, beispielsweise die neurobiologischen Korrelate des kreativen Geistes. In der philosophischen Forschung dagegen geht es vor allem um den radikalen Sinn von Kreativität. Sie lässt sich nicht aus den Gesetzen der Naturprozesse vorhersagen oder ableiten – eine interessante Schnittstelle zwischen Philosophie und Wissenschaften.

Spätestens hier wird deutlich, dass die Kreativität eine Herausforderung für die Naturwissenschaften und für die Philosophie ist. Womöglich müssen die Wissenschaften letztlich ihre Waffen vor der Kreativität strecken. Aber vorerst streiten Philosophen, Psychologen, Neurobiologen, Hirnforscher und Kognitionswissenschaftler um die Deutungshoheit.

Was die psychoanalytische Variante der Psychologie angeht, so hat Freud selbst eingeräumt, dass sie am Phänomen der Kreativität scheitert. Dagegen herrscht in der kognitiven und am Computer-Modell orientierten Psychologie die Vorstellung, Kreativität sei zwar ein pfiffiges, aber letztlich doch bloß kalkülmäßiges Variieren vorhandener Elemente. In dieser Sicht bleibt die eigentliche Herausforderung der radikalen Kreativität verborgen, die darin besteht, dass sich kreative Prozesse nicht in einem mathematischen Formalismus darstellen lassen.

Die Philosophie ist hier in einer um nichts besseren Situation. Denn zur Debatte steht, ob die Wirklichkeit und unser Denken durch Gesetze determiniert oder letztlich doch unbestimmt und unberechenbar sind. Vieles spricht für letzteres. Dann aber haben wir es in der Kreativität mit einer fundamentalen Herausforderung für das Selbstverständnis der Philosophie zu tun.

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