Zeitung Heute : Die Verwandlung

Am Freitag noch hat Benedikt XVI. gesagt, er habe einen tiefen Wunsch nach Stille. Das Fest zu seiner Amtseinführung aber ist laut. Und es treibt ihn zu Regungen, die ihm, dem Gestrengen, keiner zugetraut hat

Paul Kreiner[Rom]

Er steht. Aufrecht, unbeweglich, den Kopf leicht zurückgelegt. Die mit Edelsteinen besetzte goldfarbene Mitra, das weich fließende, goldene Messgewand, der Hirtenstab in der linken Hand… Alles zusammen ergäbe eine Bischofsstatue wie aus einem mittelalterlichen Dom – wären da nicht die Augen.

Die Augen wandern. Nach links, nach rechts. Sie nehmen alles wahr, was in ihrer Nähe geschieht. Es entgeht ihnen nichts, sie behalten alles unter Kontrolle. Der neue Papst, so konzentriert er aussieht und so zeremoniell er dasteht, er ist kein weltentrückter Heiliger. Er lächelt auch. Ganz menschlich. So gelöst, natürlich und ungezwungen, wie man Joseph Ratzinger als obersten Glaubenshüter nie hat lächeln sehen.

Das nun ist sein Tag. Am Morgen ist er hinabgestiegen in das Dunkel vor dem Petrusgrab, dorthin, wo nach kirchlicher Überlieferung der erste Papst beerdigt ist. Und jetzt die Sonne. Auf dem Petersplatz und um ihn herum sind 300000 Menschen zusammengeströmt. Italiener vorwiegend; auch sind wieder viele Polen da, sie schwenken ihre rot-weißen Fahnen. Und natürlich Deutsche. „Was die Polen können, können wir auch“, sagt ein Mann, aus Krefeld und Architekt von Beruf, der seine schwarz-rot-goldene Fahne vorerst nur auf den Knien liegen hat. „Aber nachher werde ich selbstverständlich damit herumwedeln.“

„Ganz spontan“ sei er vor drei Tagen nach Rom gefahren. Denn der Mann hat zu feiern: Für ihn ist mit der Wahl Joseph Ratzingers zum Oberhaupt der katholischen Kirche „endgültig der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen“, sagt er. „Deutsche werden wieder akzeptiert.“ Obwohl, so wichtig sei das nun auch wieder nicht: „In der Weltkirche von heute spielt es in Wahrheit doch keine Rolle, ob der Papst Italiener oder Pole oder Schwarzer oder was weiß ich ist.“

Wer aber geglaubt hat, die Deutschen würden nun Roms neue Polen, der hat sich getäuscht. Die Besucherzahlen halten sich in Grenzen; die Hotels sind voll an diesem Wochenende, aber – so sagt es eine Tourismusfachfrau – „weil die Deutschen nicht auf Verkehrsinseln und in Stadien kampieren wollen wie die Polen“, war’s das dann auch. In der begeisterten Masse fallen weder die bundesdeutsche noch die weiß-blau rautierte bayerische Fahne stärker auf als andere, auch nicht die T-Shirts vom Münchner Hofbräuhaus und die Trachtenhüte verschiedener Schützenkompanien, die aus Ratzingers bayerischer Heimat angereist sind. Das einzige unübersehbar deutsche Spruchband ist der Gruß der bei Regensburg gelegenen Gemeinde Pentling „an unseren Ehrenbürger“. Und gleich daneben stehen wie ein kleiner Wald  die barocken Fahnen stolzer oberpfälzischer Feuerwehrtradition: „Mit fünf Abordnungen samma do“, ruft eine Pentlingerin. „Und mir, zwoahundert Mann, mir kemman aus Marktl, do wo da neie Papst a herkimmt“, schreit krachledern ein anderer dazwischen.

Hier auf dem Petersplatz werden an diesem Tag so viele Fahnen geschwenkt, vor allem so viele brandneue, „übernationale“ gelb-weiße Vatikanfahnen, wie nie zuvor. Es ist ein internationales Fest. Auch Benedikt XVI. stellt seine Herkunft nicht eigens heraus. Hat er sich noch am Tag zuvor, bei seinem Kurzempfang für die Vatikan-Journalisten, unter anderem ein paar Sätze in seiner Muttersprache erlaubt, so hält er die Messe zur Amtseinführung nun ausschließlich in Italienisch und Latein. Nur sein ehemaliger Sekretär, Tarcisio Bertone, der fußballbegeisterte Erzbischof von Genua, schlägt am Rand des Festes eine Brücke zwischen ganz verschiedenen Kulturen: „In Benedikt XVI. hat die Kirche ihren Beckenbauer gefunden.“

Aber wie durch ein Fußballstadion rauschen der Applaus und die Sprechchöre über den Petersplatz – der bunt ist: das Schwarz der Anzüge der Staatsoberhäupter und Regierungsvertreter aus der ganzen Welt, das leuchtende Weiß der Roben von Nonnen und Priestern; die roten Gewänder der Bischöfe und die prächtigen Uniformen der Schweizer Garde –, Applaus und Sprechchöre, wenn der neue Papst den Versammelten erklärt, er fühle sich in seinem „unerhörten Auftrag, der jedes menschliche Vermögen überschreitet“, nicht allein: „Euer Gebet, liebe Freunde, eure Nachsicht, eure Liebe, euer Glaube und euer Hoffen begleiten mich.“

Nein, sagt der Papst, „ich brauche in dieser Stunde keine Art von Regierungsprogramm vorzulegen“, aber dann entfaltet er doch seine Vorstellung davon, wie und wohin er als der „Gute Hirt“ auf Jesu Spuren seine Herde führen will. Voller „heiliger Unruhe“, sagt Benedikt, müsse der Hirt sein angesichts der vielen wasserlosen Wüsten, in der die Menschen heute lebten: Armut, Hunger, Verlassenheit, Einsamkeit, Entleerung der Seelen. „Und in der Welt wachsen die äußeren Wüsten, weil die inneren so groß geworden sind.“

„Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe“, predigt der Papst, 39 Mal unterbricht ihn der Applaus, und es gelingt ihm an diesem Tag erstmals, seine Rufe als Rufe hörbar zu machen. Bisher hat er sie immer professoral distanziert von seinen Blättern abgelesen. „Die Welt wird durch den Gekreuzigten erlöst, nicht durch die Kreuziger“, sagt Ratzinger – ein angesichts der jahrhundertelangen Tradition katholischer Judenfeindlichkeit tendenziell fataler Satz, dem aber diese Spitze genommen ist, weil Benedikt XVI. vor allen anderen Amtshandlungen schon einen sehr, sehr freundschaftlichen Brief an die jüdische Gemeinde geschrieben hat und die von seinem Vorgänger begonnenen  Begegnungen fortsetzen will.

Und nachdem er sich im Geist Johannes Pauls II. den Jugendlichen zugewandt hat – „Wer Christus in sein Leben einlässt, dem geht nichts, nichts, gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön  und groß macht“ –, schließt Benedikt XVI. seine Predigt mit den allerersten Worten seines Vorgängers: „Habt keine Angst!“  Er fügt an: „vor Christus!“ Den ergänzenden Aufruf Johannes Pauls II. von 1978: „Öffnet die Grenzen der Staaten und der politischen Systeme“, den lässt Ratzinger weg. Seine Predigt zielt eher ins Innerliche.

Bis 1963 wurde den Päpsten bei ihrer feierlichen Amtseinführung die Tiara aufgesetzt, die dreifache Krone. Paul VI. hat sie abgeschafft, weil er es für unzeitgemäß, für unerträglich hielt, als „Vater der Fürsten und Könige“, als „Lenker des Erdkreises“ tituliert zu werden. Die beiden Johannes Paul wurden daraufhin nach einem möglichst unauffälligen, provisorischen Ritus, einer Art Verlegenheitslösung,  ins Amt gefeiert.

Erst jetzt hat der Vatikan den Ritus gründlich überarbeitet. Jetzt sind die alten Symbole zu neuen Ehren gelangt: Die Schola singt die lateinische „Königs“-Litanei, die angeblich schon zur Kaiserkrönung Karls des Großen an Weihnachten 800 erklungen ist. Der an den Apostel Petrus, jenen ersten aller Päpste und „Menschenfischer“, erinnernde „Fischerring“ ist wieder ein echter Ring und – trotz seiner 35 Gramm Gold – nicht mehr nur ein in Wahrheit unhandliches Siegel. Der oberste Kardinal, Angelo Sodano, überreicht den erst wenige Stunden zuvor fertig gewordenen Schmuck auf einem silbernen Tablett, aber Benedikt XVI. steckt sich das Symbol seiner päpstlichen Gewalt selbst an.

Absichtlich uralt ist das neue Pallium, die Stola des Papstes, die seine erzbischöfliche Würde anzeigt. Hatte sich noch  Johannes Paul II. den üblichen kurzen, eher symbolischen weißen Wollstreifen um die Schulter legen lassen, so griff Benedikt XVI. für die Neugestaltung auf 1500 Jahre alte römische Mosaiken zurück. Denn schon mit seinen ersten, kirchenpolitisch sehr gezielten  Amtshandlungen und Reden will BenediktXVI. die demütige Rückkehr zu einer Form des Papsttums einleiten, wie sie vor den großen Kirchenspaltungen – 1054 Ost-West, 1517 katholisch-evangelisch – bestand und wie sie für alle Christen erträglich war.

Dass der Neue seinen Weg recht entschlossen geht, das stellen mit Staunen auch die italienischen Journalisten fest, die seine ersten Taten beinahe mit Röntgenaugen beobachten. Vor den Kardinälen hat Benedikt XVI. schon am Freitag gestöhnt, er habe „jetzt einen tiefen inneren Wunsch nach Stille“, aber nichts davon wird ihm in seinen ersten Tagen gewährt: Ob es die angejahrten Lastwagen der vatikanischen Gärtnerei sind, die Joseph Ratzingers Bücherkisten, das spartanische Mobiliar und sein Klavier von der bisherigen Privatwohnung in die Chefetage des Apostolischen Palasts transportieren; ob es die schwarze, solarbetriebene Titan-Funkuhr – natürlich deutsches Fabrikat – ist, die unter den weißen Ärmeln des neuen Papstes hervorlugt; ob es die weiße Soutane selbst ist, die trotz horrend hoher Nobelschneider-Rechnung immer noch um eine auffallende Zahl von Zentimetern zu kurz ausfällt – alle Erscheinungen des Neuen und am Neuen werden von den Zeitungen gebührlichst ausgebreitet und analysiert. Weil die Leute ihm aufgelauert haben, sah sich der neue Papst zu Bädern in der Menge geradezu gezwungen.

Und jetzt, bei der großen Messe zur Amtseinführung,  fällt den italienischen Kommentatoren – mit einem gewissen Erschrecken in der Stimme – gleich die nächste Veränderung auf: Die Predigten werden wieder länger. Gestoppte 34Minuten hat „Papa Ratzinger“ am Sonntag gesprochen; kein Vergleich mehr mit „Papa Wojtyla“, der ja in seinen letzten Lebensjahren kaum mehr reden konnte.

Auch die Gestik eines Papstes, der erst Papst lernen muss, wird  in all ihren Einzelheiten diskutiert: Der Büromensch Joseph Ratzinger sei es natürlich nicht gewohnt, sagen Italiens „Vaticanisti“, seine Arme freudig auszubreiten, aber er mache das „spontan“, „aus tiefstem Herzen“  und „so überzeugend“. Und die fußballbegeisterten Italiener stritten in den vergangenen Tagen selbst abends in den Bars noch mit Hingabe darüber, ob die mit dankend ineinander gelegten Händen emporgehobenen Arme nun einem Papst angemessen oder vielleicht doch allzu stadionmäßig seien. Benedikt XVI. hat, nach Beratung mit seinen Beratern, diesen Konflikt bis zum Sonntagmittag aus der Welt geschafft: Inzwischen faltet er die Hände.

Benedikt XVI. spricht auch die liturgischen Texte zügig bis schnell, es ist nichts feierlich Schleppendes in seiner leichten, vergleichsweise hohen Stimme.  Er zeigt sich zu menschlichen Regungen fähig, die ihm, dem Gestrengen, keiner zugetraut hätte: Als ihm einige Kleriker – und erstmals in der Kirchengeschichte auch eine normale dreiköpfige Familie – symbolisch für „das ganze Gottesvolk“ den rituellen Gehorsam bekunden, da rüttelt er den Pfarrer seiner früheren Kirchengemeinde in einer ganz unliturgischen, fast kumpelhaften Weise an den Schultern: „Na, wir alten Freunde“, scheint er zu sagen, „wir bleiben doch zusammen, oder?“

Und gänzlich befreit wirkt dieser neue Joseph Ratzinger, als er zum Schluss des mehr als zweistündigen Gottesdienstes seine Runde im offenen, weißen Geländewagen über den Petersplatz dreht. Da segnet er und lächelt den fahnenschwenkend Jubelnden zu, so souverän und fast schon so, als hätte er nie in seinem Leben etwas anderes getan.   Jetzt ist der scheue Joseph Kardinal Ratzinger Papst. Er heißt Benedikt XVI. Und schon scheint er sich zu verändern. 

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