Zeitung Heute : Die verzweifelte Hoffnung

Sie kommen aus aller Welt, sie zahlen 20000 Dollar für die Wunderzellen des Dr. Huang - unheilbar Kranke wie der Maler Immendorff

Harald Maass[Peking]

Huang Hongyun richtet das schwenkbare Mikroskop aus. Vor ihm auf dem Operationstisch liegt bäuchlings Franz Friedmann, auf dessen Rücken eine handbreite Wunde klafft. Zwei Stunden lang haben drei Pekinger Ärzte mit Skalpellen die Wirbelsäule des Querschnittsgelähmten freigelegt. Chefarzt Huang wirft noch einmal einen Blick auf die Röntgenbilder mit der Aufschrift „Unfallklinik Ludwigshafen“. Dann beginnt die Millimeterarbeit: Mit einer Spezialspritze injiziert Huang langsam eine durchsichtige Flüssigkeit in das Rückenmark. Es sind Zellen abgetriebener Föten. Sie sollen Franz Friedmann eines Tages aus dem Rollstuhl helfen.

Die Operation im Pekinger „West Berge Krankenhaus“, die Mitte November erstmals an einem Deutschen durchgeführt wurde, ist ebenso neu wie umstritten. Aus aller Welt pilgern unheilbar Kranke nach Peking, um sich mit den vermeintlichen Wunderzellen behandeln zu lassen. Querschnittsgelähmte hoffen darauf, wieder Gefühl in taube Glieder zu bringen. Der früherer Superman-Darsteller Christopher Reeve hatte vor seinem Tod im vergangenen Jahr Kontakt zu Huang. Seit etwas mehr als zwei Wochen liegt nun der Maler Jörg Immendorff im renovierten Ausländertrakt im dritten Stock des Krankenhauses. Der 59-Jährige leidet unter der unheilbaren Nervenkrankheit Amyotrophische Lateralsklerose, abgekürzt ALS. Um die tödliche Krankheit aufzuhalten, ließ sich Immendorff Ende Februar in dem Pekinger Krankenhaus zwei Millionen embryonale Nasenzellen ins Gehirn spritzen. „Nächste Woche wird er das Krankenhaus verlassen“, sagt Doktor Huang.

Rund 6000 Deutsche leiden an ALS, einer heimtückischen und bisher kaum erforschten Krankheit. Innerhalb weniger Jahre sterben dabei die Nervenzellen ab, die für die Steuerung der Muskeln zuständig sind. Die Betroffenen spüren zunächst nur leichte motorische Störungen. Dann erlahmen die Muskeln in den Gliedmaßen oder des Kehlkopfes. Am Ende sterben die Menschen. „Der Feind sitzt in mir“, sagte Immendorff vergangenes Jahr dem „Spiegel“. Das Nachrichtenmagazin berichtete nun auch als Erstes über Immendorffs Operation in Peking – noch bevor dieser seinen deutschen Arzt Thomas Meyer von der Berliner Charité informiert hatte. Doktor Huangs Behandlungsmethoden sind im Westen ethisch und wissenschaftlich stark umstritten. „Ich betrachte mich als Teilnehmer eines Experiments, und ich weiß um seine Gefahren“, sagt Immendorff.

Für den Kunstprofessor heißt es nun abwarten. Die eigentliche Heilwirkung stelle sich erst nach einem halben bis einem Jahr ein, sagt Huang. Der Arzt vertraut dabei auf die besonderen Merkmale der menschlichen Riechzellen. Die so genannten olfaktorischen Hüllzellen (OEG), die den Riechnerv der Menschen umhüllen, können möglicherweise eine stimulierende Wirkung entfalten. Für seine Operationen verwendet Huang die Zellen abgetriebener Embryos, die er in einem Spezialverfahren kultiviert und vermehrt.

Doktor Huang trägt ein rotes T-Shirt über der beigen Hose. In seinem Behandlungszimmer, einem dunklen Raum mit Steinfußboden und Doppelbett, herrscht wie immer Hochbetrieb. Mitarbeiter bringen Akten herein, alle paar Minuten klingelt das Mobiltelefon. Meisten sind es Kranke, die sich von ihm operieren lassen wollen. „In China ist meine Arbeit völlig legal“, sagt Huang. Die Embryozellen, meist aus der 16. Schwangerschaftswoche, seien ein Abfallprodukt der vielen Hunderttausend Abtreibungen, denen sich chinesische Frauen jedes Jahr unterziehen. Laut Huang stimmen die Frauen dem Einsatz der Föten schriftlich zu.

„Um laufen zu können, musste ich mich früher an der Wand abstützen“, sagt Michael Thomas aus Tallahassee, Florida. Der Amerikaner, ein groß gewachsener und stämmiger Mann mit Schnauzer, weiß seit zwei Jahren, dass er an ALS leidet. Ende vergangenen Jahres ließ sich der 47-Jährige bei Doktor Huang operieren. Die chinesischen Ärzte bohrten dazu zunächst zwei Löcher in die Schädeldecke. „Das Ding sieht aus wie ein Black und Decker“, sagt Thomas, der die Operation bei vollem Bewusstsein erlebte. Mit einer Spritze injizierte Huang anschließend jeweils eine Million Embryozellen in den Gehirnraum. „Ich konnte das Geräusch hören, tschtschtsch“, sagt Michael Thomas.

Der brachial anmutende Eingriff ist riskant. Zwei schwerkranke Patienten starben im November nach der Operation an Herzversagen. Die ALS-Kranken, deren Körper jeden Tag ein Stück mehr verfällt, zweifeln jedoch nicht an der Wirksamkeit des Eingriffs. Wenige Tage nach seiner Operation ist Thomas, den seine Ärzte in den USA aufgegeben hatten, bereits wieder auf den Beinen. „Ich spüre wieder meine Balance und kann normal laufen“, sagt er.

Auch Franz Friedmann berichtet wenige Tage nach seiner Operation über Veränderungen im Körper. Im August vergangenen Jahres kippte der Immobilienmakler auf seinem Grundstück bei Baden-Baden mit einem Kleintraktor aus der Kurve und verletzte sich am Rücken. Seitdem ist der Hobbysportler und Marathonläufer vom ersten Lendenwirbel ab gelähmt. „Meine Sensibilität ist ein bisschen nach unten gerutscht“, sagt der 46-Jährige, während er sich im Krankenhausbett von dem Eingriff erholt. Die chinesischen Ärzte hätten zudem „eine leichte motorische Funktion“ im linken Bein festgestellt, berichtet er. „Ich will ja keinen Marathon mehr laufen“, sagt Friedmann, „ich wäre schon froh, wenn ich ein paar Schritte alleine zur Toilette machen könnte“.

Westliche Experten sind angesichts der raschen Erfolgsmeldungen jedoch skeptisch. „Bei allem, was innerhalb weniger Tage passiert, sollten die Alarmglocken schrillen“, sagt Martin Schwab, Hirnforscher an der Universität Zürich. Zwar deuten Tierversuche auf eine gewisse Heilwirkung der OEG-Zellen bei Rückenmarksverletzungen hin. Möglicherweise reaktivieren sie noch bestehende Nervenfasern durch das Ausscheiden chemischer Stoffe. Möglicherweise wird auch bei komplett durchgetrennten Nervenbahnen eine Art Selbstheilungsprozess angeregt. Solche Effekte stellen sich, wenn überhaupt, jedoch erst nach mehreren Wochen oder Monaten ein. Westliche Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die Kranken sich ihre Heilung nur einbilden. „Es ist bekannt, dass gerade bei Operationen starke Placeboeffekte auftreten können“, sagte Immendorff-Arzt Meyer dem „Spiegel“. Er hält den Eingriff für „unseriös und unethisch“.

450 Querschnittsgelähmte und ALS-Patienten hat Huang nach eigenen Angaben bisher operiert, die meisten waren Chinesen. Der 49-Jährige gibt zu, dass er die Wirkung seiner Methode nicht erklären kann. „Ich kann auch niemandem eine Heilung versprechen“, sagt der in China und den USA ausgebildete Neurochirurg und fügt an: „Aber fast alle meine Patienten spüren eine Verbesserung.“ Auf Internetforen berichten Querschnittsgelähmte, wie sie nach Huangs Operation in einst tauben Muskelgruppen wieder etwas fühlen konnten.

Manche Forscher wie der Neurochirurg Wise Young unterstützen Huangs Ansatz. „Bei den Patienten passiert wirklich etwas“, sagt der Experte der Rutgers Universität in New Jersey, der mehrmals zu Beobachtungen nach Peking reiste. In vielen europäischen und US-amerikanischen Laboren, darunter am Universitätsklinikum von Aachen, werden OEG-Zellen in Tierversuchen eingesetzt. „Der Mechanismus dahinter ist noch unklar“, sagt Young. Der portugiesische Forscher Carlos Lima verwendet die Zellen, ähnlich wie Huang, auch bereits bei Menschen. Ein halbes Dutzend Querschnittsgelähmte hat der Professor für Neuropathologie am Egas Moniz Krankenhaus in Lissabon seit 2001 operiert. Statt aus Embryonen nimmt er die Riechzellen direkt aus der Nase der Patienten und kultiviert diese. Ähnliche Operationen wurden auch in Russland und Südkorea durchgeführt. Am weitesten hat jedoch Huang die Technik entwickelt. Allerdings dokumentiert er seine Arbeit nicht wissenschaftlich. „Huangs Erfolgsmeldungen sind nicht überprüfbar“, kritisiert Schwab.

Eine wissenschaftliche Auswertung, die Jahre oder gar Jahrzehnte dauern kann, wollen die Patienten des „West Berge Krankenhaus“ nicht abwarten. Seitdem sich Huangs Behandlungsmethode im Internet herumgesprochen hat, müssen westliche Patienten mehr als ein halbes Jahr auf die 20000 Dollar teure Operation warten. Chinesische Patienten operiert Huang für weniger Geld.

Selbst überzeugte Abtreibungsgegner aus den USA legen sich unter Huangs Messer. „In den USA würde diese Operation ein Vielfaches kosten, wenn sie erlaubt wäre“, sagt Steven Griff aus North Carolina. Der frühere Pilot, der seit einem Verkehrsunfall vom vierten Brustwirbel ab gelähmt ist, wurde zwei Wochen zuvor operiert. „Ich schwitze wieder“, sagt er begeistert. Eine Fähigkeit, die er wie viele Querschnittsgelähmte verloren hatte. „Ich habe auch das Gefühl, als ob da ein kleines bisschen Bauchmuskulatur wäre“, sagte der groß gewachsene Mann.

In den mit DVD-Spielern und Fernsehern ausgestatteten Zimmern des Krankenhauses scheint die Hoffnung der Patienten fast greifbar. Daryl Jackson brachte seine gelähmte Tochter, die nur noch mit einer künstlichen Beatmungsmaschine überleben kann, mit einer Linienmaschine aus den USA nach China. „Mitten im Flug fiel das Beatmungsgerät aus. Wir hatten zum Glück eine Ersatzmaschine dabei“, sagt der Unternehmer. Seine Tochter Laura war Cheerleader ihres Schulvereins, als sie sich bei einem verunglückten Sprung das Genick brach. Die Familie hofft darauf, dass die 15-Jährige, die nur noch Augen und Gesicht bewegen kann, nach der Operation wieder selbst atmen kann. „Auch wenn ich hier bei der Operation gestorben wäre – ich hätte es immerhin probiert“, sagt Laura.

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