Zeitung Heute : Die Vielfliegerei der Manager könnte bald überflüssig werden

Joachim springt über die Brüstung eines Frankfurter Wolkenkratzers in die Tiefe; Marcus begutachtet mal die Sitzfarbe eines Cabrios, das es noch gar nicht gibt: In der "Cave" (Höhle) des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung (IGD) in Darmstadt ist alles möglich. Eine sogenannte Shutter-Brille für die dreidimensionale Illusion und ein Hochleistungscomputer im Hintergrund ermöglichen das Eintauchen in virtuelle Realitäten (VR).

Die Cave, ein fünfseitiger Würfel aus Spiegeln und Projektoren ist der ganze Stolz des Instituts. Was Besuchern Spaß macht, kann Unternehmen etwa der Autobranche eine Menge Geld sparen: Bei der Entwicklung neuer Modelle lassen sich die Entwicklungszeiten mit dem Einsatz von VR deutlich reduzieren. Und so wird seit kurzem die Grundlagenforschung des IGD zur Visualisierung von Daten auch kommerziell genutzt: Die neugegründete Firma VR-Com vermarktet ein in der Cave entwickeltes Programm, mit dem künftig Autofirmen bis auf den letzten Crash-Test alle Einsätze des neuen Modells simulieren können.

Visualisierung von Information, mit der sich die rund 300 Wissenschaftler des FGD und mit ihm vernetzter Institute beschäftigen, ist aber viel mehr als die Simulation von Autos oder Städten. So soll die anschauliche Darstellung komplexer Zusammenhänge dem Bundeskriminalamt bei der Verbrechensbekämpfung auf die Sprünge helfen. Wenn ein internationaler Konzern seine Topmanager an einen Tisch bringen will, kann er sich schon bald die Flugtickets sparen. In Zukunft sitzen sich dann die Teilnehmer auf einer virtuellen Konferenz als Avatare, in Form digitaler Stellvertreter gegenüber, die realen Gesichter werden live eingeblendet. Ohne sich von ihrem Arbeitsplatz wegzubewegen können sie sich über Tausende Kilometer hinweg beraten und gemeinsam an Dokumenten arbeiten. In der Pause unterhalten sie sich schnell mal unter vier Augen. Zehn bis hundert Benutzer könnten mit der am IGD entwickelten Software weltweit live miteinander verknüpft werden - vorausgesetzt, die Möglichkeiten zur Datenübertragung können Schritt halten.

Damit die neuen Technologien auch den Weg in die Industrie finden, hat sich mittlerweile auch ein finanzkräftiger Geldgeber gefunden: T-Venture, eine Tochter der deutschen Telekom, unterzeichnete einen Kooperationsvertrag. Der sieht zehn Millionen Mark Startkapital vor, der Mitarbeiter bei der Firmengründung unterstützen soll. Nach den Worten von IGD-Direktor Jose Encarnacao gründeten sich bereits drei Unternehmen, darunter VR-Com, drei weitere seien in der Planung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar