Zeitung Heute : Die Vielseitige

Was sie macht, macht sie herausragend: Karin Büttner-Janz leitet zwei Kliniken – und hat gerade ein neues Patent angemeldet

Rita Nikolow

Sie hat schon in mehreren Berufen Spitzenleistungen gezeigt – und auch erfunden hat die zierliche 57-Jährige schon einiges: Zum Beispiel den Janz-Salto, einen Grätsch-Salto, der vorwärts zwischen den Holmen des Stufenbarrens zum Hang am oberen Holm durchgeführt wird.1972 holte Karin Janz, die inzwischen Büttner-Janz heißt, unter anderem mit dieser Figur olympisches Gold. Zwanzig Jahre alt war sie damals – und beendete kurz nach diesem Erfolg ihre Sportlerkarriere, als zweifache Olympiasigerin, vierfache Europameisterin, Weltmeisterin und 20-fache DDR-Meisterin im Turnen. Und die zierliche Ärztin würde wohl auch heute noch eine gute Figur auf dem Stufenbarren machen. „So früh aufzuhören, war damals eigentlich normal“, sagt sie. Und auch, dass sie sich voll auf ihr Medizinstudium konzentrieren wollte. Zum Erfinden ist sie aber auch in ihrem neuen Beruf schnell zurückgekehrt:

Sie spezialisierte sich auf die Orthopädie und schrieb ihre Habilitation über die Entwicklung der weltweit ersten Prothese, die eine Bandscheibe komplett ersetzten konnte. 1984 meldete sie gemeinsam mit Kurt Schellnack die ersten Patente für ihre „Charité-Disk“ an. Das erste Modell wurde noch im selben Jahr einem Patienten implantiert. Im Unterschied zu früheren Konstruktionen besteht die Charité-Disk aus einem Plastikgleitkern und zwei Prothesenplatten aus einer Metallegierung. Sie wird zwischen zwei Lendenwirbelkörper gesetzt, um dort die defekte Bandscheibe zu ersetzten. Dadurch bleibe die Wirbelsäule – im Unterschied zu Versteifungsoperationen – beweglich. Ein medizinischer Durchbruch, nicht nur für die Olympiasiegerin.

Inzwischen ist die Prothese weltweit bei mehreren zehntausend Patienten eingesetzt worden. 2004 hat die amerikanische Zulassungsbehörde für Medizinprodukte, FDA, die künstliche Bandscheibe auch in den USA zugelassen. Mittlerweile gibt es rund hundert bewegungserhaltende Implantate für die Lenden- und Halswirbelsäule – die Habilitation der Medizinerin hat einem neuen Zweig der medizinischen Industrie den Weg geebnet. Die Patentrechte wurden in den 90er Jahren verkauft, aber Karin Büttner-Janz arbeitet weiter an neuen Prothesen: Gerade hat sie – gemeinsam mit ihrem Sohn - ein neues Patent entwickelt. Darüber könne sie aber noch nicht sprechen.

Karin Büttner-Janz ist allerdings nur im „Nebenjob“ Erfinderin. In ihrem Hauptberuf leitet sie zwei orthopädische Kliniken: die Klinik für Orthopädie des Vivantes Kinikums im Friedrichshain und die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des Vivantes Klinikums Am Urban in Kreuzberg. Und sie arbeitet regelmäßig an wissenschaftlichen Vorträgen, lehrt an der Charité , und ist die Präsidentin der Spine Arthroplasty Society, jender internationalen Gesellschaft, die sich vor allem mit bewegungserhaltenden Implantaten für die Wirbelsäule befasst.

Die Frage, wie sie das alles unter einen Hut bekommt, und dabei auch noch Zeit für ihren Lebensgefährten und den Sohn findet, beantwortet Karin Büttner-Janz sehr ehrlich: „Was meine Zeiteinteilung angeht, lebe ich von der Hand in den Mund.“ Sie erledige immer das, was gerade anliege, und lebe sehr im Alltagsgeschäft. Was zu einem Arbeitsalltag zwischen zwölf und 17 Stunden führe.

Dass ehemalige Hochleistungssportler ihre Körper gut kennen und deshalb besonders gut mit sich umgehen, kann die Medizinerin nicht bestätigen: „Man geht schlechter mit seinem Körper um, weil die normalen Grenzen, die der Mensch hat, durch den Sport immer weiter nach vorn verschoben wurden.“ Das sei gut für die Kondition, gleichzeitig werde man störanfäliger für Krankheiten. Sie selbst falle wegen Krankheit zwar nicht oft aus, aber sei öfter leicht erkältet: „Ich lebe natürlich auch stressig.“ Obwohl ihr alles, was sie tue, viel Spaß mache.

Wenn sie Urlaub hat, geht Karin Büttner-Janz am liebsten Skifahren. Und sie spielt gerne Golf: „Obwohl ich da schon mal froh bin, wenn ich überhaupt den kleinen Ball treffe.“

Außerdem interessiert sich die Medizinerin für die Lebensläufe – vor allem weiblicher – herausragender Persönlichkeiten, zum Beispiel Katharina die Große. Aber auch bei den europäischen Fürstenhäusern und Hollywoodschauspielern kann sie mitreden: Denn auf Flugreisen lese sie auch gerne „nichtwissenschaftliche Boulevardliteratur“. „Ich bin anfällig für Klatsch und Tratsch, obwohl ich dafür eigentlich keine Zeit habe.“ Aber vielleicht interessiere sie das, weil es so weit von dem ist, was ihren Alltag ausmache.

www.vivantes.de

Als Spitzensportler geht man schlechter mit seinem Körper um, weil die normalen Grenzen, die der Mensch hat, durch

den Sport immer weiter nach vorn verschoben wurden.“

Karin Büttner-Janz, Chefärztin

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar