Zeitung Heute : Die Visitenkarte des Bombenlegers

Ein Gefängnishof in Jakarta. Von einem Balkon aus kann man mit dem deutschen Häftling Reda S. sprechen. Er soll Geld für Al Qaida besorgt haben, auch für den Anschlag auf Bali. S. bestreitet alle Vorwürfe.

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Die schweren Gittertüren stehen offen. Meist gegen 16 Uhr kommt Reda S. aus seiner Zelle und spielt mit einem Mithäftling Badminton auf dem kleinen Gefängnishof. Es ist stickig, Reda S., der seit Mitte September hier einsitzt, schwingt lustlos den Schläger. „Ich bin kein Al-Qaida-Mitglied“, sagt er, „das ist einfach nicht wahr.“

Von hohen Wänden umgeben liegt der Innenhof des Gefängnisses zwischen Zellentrakt und Bürohaus der Polizei. Auf der Büroseite gibt es Balkone und Fenster, auf den anderen drei Seiten, wo die Zellen sind, nur dreieckige Lüftungsöffnungen. Von einem Balkon aus kann man mit Reda S. unten im Hof reden. Heimlich und kurz ist das Gespräch, die Polizei verbietet Interviews. S. will, dass seine Seite der Geschichte gehört wird. Sein Anwalt hat Fragen an ihn weitergeleitet, Reda S. hat sie schriftlich beantwortet.

„Er ist ein Terrorist“, sagt Muchyar Yara vom indonesischen Geheimdienst BIN über diesen Mann. „S. hat in Indonesien Al-Qaida-Geld verteilt.“ In seinem Tagebuch stehe „etwas über Sprengstoff“. Und so vermutet der Geheimdienst, dass mit dem Geld auch Sprengstoff gekauft wurde – „möglicherweise für den Bali-Anschlag.“ Aber wer hat Recht – der Geheimdienst oder Reda S., der alles abstreitet?

Er versteckte sich nicht

Der Mann, um den es geht, ist in Ägypten geboren. Nach der Heirat mit einer Deutschen wurde S. später deutscher Staatsbürger. Am 2. August flog er nach Indonesien, in Jakarta zahlte er für ein Haus 13400 US-Dollar in bar als Vorausmiete für zwei Jahre. S. sagt, dass er Kameramann sei. Er habe in Indonesien eine Existenz als freier Journalist aufbauen wollen, der 42-Jährige stellte einen Journalisten-Akkreditierungsantrag. Reda S. versteckte sich nicht. „Ich habe mich sogar bei der deutschen Botschaft angemeldet“, sagt er, das Auswärtige Amt in Berlin bestätigt das. Am 21. August wurde der Name Reda S. in die Liste von Deutschen eingetragen; offiziell wurde nicht nach ihm gefahndet. Auch bei indonesischen Behörden legte S. seinen deutschen Pass vor. Niemand bestreitet, dass er auf offiziellem Wege versuchte, die notwendigen Papiere zu erlangen. Aber das klappte nicht. „S. konnte nicht nachweisen, dass er ein Arbeitsverhältnis mit einer Medienanstalt hat“, sagt Wahid Supriyadi, der beim indonesischen Außenministerium Akkreditierungen vergibt. Polizeiermittler sagen, dass der Journalistenausweis des Deutschen „eine stümperhafte Fälschung“ sei. S. beteuert dagegen, dass der Ausweis echt sei. Wer ihn ausstellte und für wen er früher journalistisch arbeitete, will er aber nicht sagen. Bekannt ist, dass er sich beim Fernsehsender „Al Dschasira“ beworben hatte – aber dort lehnten sie ihn ab.

Mitarbeiter des indonesischen Geheimdienstes BIN glauben, dass die von S. angestrebte legale Journalistenexistenz als perfekte Tarnung für terroristische Aktivitäten dienen sollte. Am 16. September wurde der Deutsche in Jakarta verhaftet. In seinem Haus fanden Beamte unter anderem eine Videokassette, auf der maskierte Männer zu sehen sind, die im Dschungel militärisch ausgebildet werden – laut BIN in einem indonesischen Al-Qaida-Trainingslager. „Außerdem war in der Brieftasche von S. die Visitenkarte von Agus Dwikarna“, sagt Aryanto Sutadi, der die polizeilichen Ermittlungen leitet. Agus Dwikarna wurde im März auf den Philippinen verhaftet und wegen illegalen Sprengstoffbesitzes zu 17 Jahren Haft verurteilt. Er gestand, Mitglied der Dschema Islamiah zu sein, jener Organisation, von der Australiens Regierung glaubt, dass sie den Anschlag auf Bali durchgeführt haben könnte.

Dass der Deutsch-Araber S. die Visitenkarte von Dwikarna und das verdächtige Videoband bei sich gehabt habe, sei nur „die Spitze des Eisberges“, sagt BIN-Sprecher Muchyar Yara: „S. war der Chef von Omar Al Faruk.“ Wenn das stimmt, wäre der Deutsche tatsächlich ein hohes Al-Qaida-Mitglied. Denn Al Faruk gestand, Osama bin Ladens höchster Repräsentant in Südostasien gewesen zu sein. Er war im Juni in Indonesien verhaftet und den USA übergeben worden. Später sagte Al Faruk dem US-Geheimdienst CIA, er habe den Auftrag gehabt, Autobombenanschläge auf US-Botschaften in Südostasien durchzuführen. Nach seiner Festnahme stünden Vertreter bereit. Daraufhin schlossen die USA fast alle Vertretungen in Südostasien. Sie machten erst wieder auf, nachdem die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden waren. Die angekündigte Autobombe explodierte woanders, im ungeschützten Bali. Experten glauben, dass der Bali-Anschlag ein „Plan B“ der Al-Faruk-Vertreter war.

Der Geheimdienst bringt Reda S. selbst nicht mit der Ausführung des Bali-Anschlages in Verbindung, aber mit der Finanzierung von Terroristen. „Wir wissen, dass S. Geld an Al Faruk und andere weitergeleitet hat“, sagt Yara, „er hat Ausgaben in seinem Tagebuch festgehalten. Außerdem haben wir Zeugen, die Reda S. und Al Faruk zusammen gesehen haben. Sie sagen, dass S. Anweisungen gab.“

Die Polizei hat aufgegeben

Reda S. holt einen Federball aus einer Dose. Er trägt eine dunkelgrüne Jogginghose und helle Turnschuhe, das beige T-Shirt hängt an seinem Körper, es ist zu groß. Nach zwei Monaten Haft sieht er nicht mehr aus wie der gepflegte Mann auf dem Foto in seinem Pass: Er hat krauses Haar, Stoppeln auf den Wangen und einen Schnauzer, der gestutzt werden müsste. Freundlich grüßt er herüber. Später schreibt er als Antwort auf die Reporterfragen: „Die Aussage eines Hausangestellten, der mich zusammen mit Al Faruk gesehen haben will, ist falsch. Der Mann hat erst im September für mich gearbeitet, Al Faruk wurde bereits im Juni verhaftet.“ Das überzeugt die Ermittler nicht. Al Faruk soll jahrelang in Indonesien gelebt haben, Reda S. ist vor diesem Aufenthalt schon zwei Mal in Indonesien gewesen. Die belastende Aussage eines Angestellten kommt von einer Frau, die S. bei einem früheren Indonesienaufenthalt beschäftigt haben soll. Aber S. winkt ab: „Früher habe ich hier nur einmal Urlaub gemacht, einmal war ich als Geschäftsmann da. Al Faruk habe ich nie getroffen.“

Glaubt man dem Deutschen, dann hat er das Video mit den Aufnahmen vom Al-Qaida-Trainingslager gekauft, ohne den Inhalt zu kennen. „Bei einer Büroauflösung wurden en bloc gebrauchte Sachen verkauft, dabei waren 15 Kassetten.“ Wie die Visitenkarte des Terroristen Dwikarna in seine Brieftasche kam, kann S. nicht erklären. „Wahrscheinlich hat sie jemand hineingetan.“

Seit zwei Monaten bleibt Reda S. in Verhören bei seiner Darstellung. „Er ist schwierig“, sagen die Ermittler. Man habe den Eindruck, er sei geschult für Verhöre. „S. gibt immer nur das zu, was längst bekannt ist.“ Die indonesische Polizei hat aufgegeben und Ermittlungsleiter Aryanto sagt, indonesische und deutsche Geheimdienstinformationen belasteten S. zwar, aber sie seien großteils nicht gerichtsverwertbar. „Vor einem Richter könnte ihm keine terroristische Tätigkeit nachgewiesen werden.“ Er hatte die Akte Reda S. Anfang des Monats zur Staatsanwaltschaft geschickt, ohne den Vorwurf des Terrorismus zu erheben. Nur noch von Einreisevergehen war die Rede, weil S. sich mit einem Touristenvisum in Indonesien aufhielt. Aber die Staatsanwaltschaft war damit nicht zufrieden, sie wollte auch das Material einsehen, das S. mit Terrorismus in Verbindung bringt. „Mittlerweile hat die Polizei uns alles gegeben, was mit dem Fall zu tun hat“, sagt Staatsanwaltssprecher Haryono, „wir prüfen jetzt, ob es für eine Terroranklage ausreicht.“

Auch der Generalbundesanwalt hat unter Anwendung des neuen Antiterrorparagraphen 129b ein Ermittlungsverfahren gegen S. eröffnet: wegen des Verdachts der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Auch in Deutschland sollen Aussagen vorliegen, die S. schwer belasten – „starker Tobak“, sagt ein Insider. BKA-Mitarbeiter pendeln zwischen Bali und Jakarta. Auf Bali untersuchen sie in einem internationalen Team den Anschlag in Kuta. In Jakarta, wo zwei BKA-Leute als große, weiße Exoten im schicken Zweireiher auffallen, verhören sie Reda S. „Wir dürfen nichts sagen, die Ermittlungen laufen“, sagt einer von ihnen. Ihre indonesischen Kollegen sind gesprächiger. „Die BKA-Leute halten Reda S. für einen Terroristen“, sagt Ermittler Aryanto, „sie sagen uns, alles, was S. aussage, sei gelogen.“

Noch hat der Generalbundesanwalt keine Anklage erhoben. Erst danach könnte sich Deutschland um die Auslieferung bemühen. Aber schon jetzt hat man deutlich gemacht, dass Deutschland großes Interesse an S. hat. „Sie wollen ihn“, sagt Aryanto knapp. Auch Reda S. sagt, man habe ihm zu verstehen gegeben, dass er nach Deutschland soll. „Einverstanden“, sagt er, „ich bin Deutscher. Ich habe keine kriminelle Tat begangen.“ Eine Reise nach Deutschland scheint dem freundlichen Häftling sehr Recht zu sein.

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