Zeitung Heute : Die Volkshochschulen wollen besser werden

Günstig waren sie schon immer. Ein neues Kontrollverfahren soll die Qualität der Kurse steigern

Silke Zorn

Es gibt sie überall in Deutschland. Rund 1000 sind es insgesamt, die Berliner haben die Wahl zwischen zwölf. Bereits zu Zeiten der Weimarer Republik frischte hier das Volk sein Wissen auf – gemeint sind die Volkshochschulen. Dass man dort zu günstig Fotografieren und Zeichnen lernen, über Politik diskutieren oder seine Englischkenntnisse auffrischen kann, weiß so ziemlich jeder. Aber dass die wohl bekanntesten deutschen Einrichtungen der Erwachsenenbildung auch mit einem vielfältigen Kursprogramm zur beruflichen Weiterbildung aufwarten können, ist vielen nicht geläufig.

„Qualifizierung für den Beruf ist ein wichtiger Punkt im Bildungsprogramm der Volkshochschulen“, sagt Bernd Passens, Referent für berufliche Weiterbildung beim Deutschen Volkshochschul-Verband (dvv). Immerhin nehmen laut Passens rund eine Millionen Menschen jedes Jahr die berufsbildenden Angebote der Volkshochschulen wahr. Jede Schule kann sich dabei ein eigenes Profil geben und ein Kursprogramm zusammenstellen, das sich an den Bedürfnissen der Lernenden vor Ort orientiert.

Einen besonderen Schwerpunkt bilden bei vielen Volksschulen EDV-Kurse von Textverarbeitung bis hin zu Programmiersprachen. Aber auch Rhetorik- und Präsentationsseminare kann man belegen, Buchhaltung und Projektmanagement büffeln oder sich in Gründerkursen auf die Selbstständigkeit vorbereiten. Hinzu kommt eine breite Palette an Sprachen von Englisch und Französisch bis zu Exoten wie Arabisch oder Japanisch.

Aber kriegt man an der VHS auch wirklich etwas für sein Geld? Manch einem kommen angesichts der verhältnismäßig niedrigen Kursgebühren vieler Schulen Zweifel. Ein 30-stündiger Spanischkurs für 60 Euro, ermäßigt sogar nur rund 30 Euro, 16 Stunden Moderationstraining für kaum mehr als 50 Euro. Kann man für 32 Cent die Stunde wirklich die gleiche Qualität erwarten wie bei privaten Bildungsträgern? Ohne Frage, meint Bernd Passens: „Anders als private Bildungsträger haben wir einen öffentlichen Auftrag – unser Angebot soll für alle erschwinglich sein. Und wer sagt eigentlich, dass teure Kurse automatisch auch gute Kurse sind?“ Zudem seien die Volkshochschulen auch nicht überall „Billigheimer“, könnten es – gerade im Bereich der beruflichen Qualifizierung – gar nicht sein.

Walther Kösters, Leiter der Abteilung Weiterbildungstests bei der Stiftung Warentest, sieht die Volkshochschulen bei der Preisgestaltung im Vergleich zu privaten Bildungsträgern dennoch weit vorn. „Die Qualität der Kurse hängt dabei sehr vom Engagement der einzelnen Volkshochschulen ab“, sagt er. Besonders auf die Auswahl der Dozenten und die intensive Begleitung der laufenden Kurse komme es an. Das sei von Schule zu Schule verschieden. Einen besonderen Favoriten konnte sie Stiftung unter den Berliner Volkshochschulen bisher aber nicht ausmachen. Denn, so Walther Kösters: „Unsere Arbeit konzentriert sich auf bestimmte Kursinhalte, nicht auf bestimmte Kursanbieter.“ So ergab eine Stichprobenuntersuchung von Gründerkursen durch Stiftung Warentest wenig überzeugende Ergebnisse der Volkshochschulen etwa im Vergleich zu den Kursen der Handwerkskammer.

Viele Volkshochschulen nehmen sich inzwischen selbstkritisch unter die Lupe – auch in Berlin. Alle 12 Schulen der Hauptstadt etablieren zurzeit mit dem Zertifizierungsverfahren LQW ein Qualitätsmanagementsystem. LQW steht für „lernorientierte Qualitätsentwicklung in der Weiterbildung“ und wurde von der Firma artSet und dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung entwickelt. Hauptsponsor war das Bundesbildungsministerium. Rund die Hälfte der Berliner Volkshochschulen hat den Zertifizierungsprozess bereits abgeschlossen, die andere Hälfte steht kurz davor.

Laurenz Ungruhe, Direktor der LQW-zertifizierten Volkshochschule City-West, erklärt, wie das ganze funktioniert: „Wir haben verschiedene Arbeitsbereiche untersucht – zum Beispiel unsere Infrastruktur, unser Personal, die Kommunikation mit unseren Kunden – und für jeden Bereich ein Anforderungsprofil erstellt. Oberste Prämisse war dabei, unser Angebot so zu gestalten, dass Lernen möglichst optimal gelingen kann.“ Können sich Interessenten unkompliziert anmelden? Werden im Katalog und im Internet alle Kurse ausreichend gut beschrieben? Stehen genug Räume zur Verfügung, stimmt die technische Ausstattung? All diese Fragen werden im Rahmen der LQW-Zertifizierung untersucht. Aber auch die Lehrkräfte werden auf Herz und Nieren geprüft.

„Wir legen genau fest, was unsere Dozenten können müssen“, sagt Schulleiter Ungruhe, „sowohl fachlich, als auch didaktisch.“ Außerdem besteht für alle Volkshochschullehrer die Pflicht, sich kontinuierlich fortzubilden. Einen Kompetenzvorsprung sieht der Bildungsfachmann vor allem bei den Sprachkursen: „Fast alle Dozenten sind Muttersprachler, das sieht an manchen privaten Sprachschulen ganz anders aus.“

Auch die Förderung Benachteiligter haben sich die Volkshochschulen auf die Fahne geschrieben. „Wer auf dem Arbeitsmarkt bestehen will, muss zunächst mal Lesen, Schreiben und Rechnen können“, sagt Bernd Passens. „Wir bieten Deutschkurse für Ausländer und Alphabetisierungskurse an.“ Schulabschlüsse können an der VHS nachgeholt werden und Lehrgänge bereiten auf die Prüfungen der Industrie- und Handelskammer vor. Zahlreiche Kurse speziell für Berufstätige finden abends oder am Wochenende statt. „In einigen Regionen berücksichtigen die Volkshochschulen sogar, dass viele Menschen Schichtarbeit leisten“, sagt Passens.

Die Vergleichbarkeit der Abschlüsse wird noch optimiert. Xpert heißt ein Zertifizierungssystem, das neben der VHS einige andere deutsche und vor allem auch europäische Bildungsträger verwenden. Das Lehrgangs- und Prüfungsangebot ist dabei europaweit einheitlich.

Bleibt die Frage: Per Bildungsgutschein in den Volkshochschulkurs – geht das? „Grundsätzlich schon“, sagt Bernd Passens. Allerdings gäbe es die gleichen Schwierigkeiten wie bei privaten Bildungsträgern. „Das Problem ist die restriktive Vergabepraxis der Arbeitsagenturen. Oft kommen am Ende nicht genug Teilnehmer für einen Lehrgang zusammen.“ Ein Trostpflaster gibt es dann aber doch: großzügige Ermäßigung bei sämtlichen Kursen – zum Beispiel für Auszubildende, Studenten und Arbeitslose.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben