Zeitung Heute : Die Vorleser

Der Tagesspiegel

Von Antje Kraschinski

Eine Seitenstraße in Berlin-Moabit. Keine hochgestylten Gewerbehöfe, keine schicken Fabriketagen, keine Szenelokale. Nicht gerade die Gegend, wo man die Redaktion eines erfolgreichen Internet-Magazins vermuten würde. www.perlentaucher.de , die Buchstaben sind einzeln auf weißes Papier gedruckt und mit Tesafilm an die Schaufensterscheibe eines kleinen Ladens geklebt.

„Viele Domainnamen, die Literatur und Buch beinhalten, waren schon vergeben und wir wollten keinen komplizierten Fantasiebegriff, den sich keiner merken kann“, sagt Redakteurin und Mitbegründerin Anja Seeliger. „Perlentaucher ist ein einfacher, konkreter Name und macht auf schöne Weise deutlich, dass wir mit unserem Angebot in die Tiefe gehen wollen." Die dreiköpfige Redaktion und rund 20 freie Mitarbeiter leisten jeden Tag einen besonderen Service für Bücher-Liebhaber. Jeden Morgen werden die Buchrezensionen von sechs deutschsprachigen Zeitungen ausgewertet und die Notizen ab 14 Uhr ins Netz gestellt.

Bereits ab neun Uhr ist die Feuilletonrundschau aktualisiert und liefert einen schnellen Überblick über die Themen der Kulturseiten. Dazu durchsuchen die Perlentaucher jeden Montag insgesamt 16 deutsche und internationale Kultur- und Nachrichtenmagazine nach interessantem Lesestoff. Wer es genau wissen will, kann zum Originalartikel klicken oder mithilfe der weiterführenden Links das jeweilige Thema verfolgen. Jede Menge Berichte und Unterhaltendes aus der Welt der Bücher, regelmäßige „Post“ von Perlentaucher-Korrespondenten und das Archiv mit Tausenden von Buchkritiken runden das Angebot ab. Da viele Zeitungen ihre Ausgaben mittlerweile kostenlos ins Netz stellen, könnten sich die Leser auch selbst durch die Feuilletons klicken. „Aber“, so Anja Seeliger, „im Internet existieren viele Informationen nebeneinander. Nur wenige sind miteinander verknüpft. Wir wollen die Informationen aus den Feuilletons bündeln und die Möglichkeit schaffen, sich per Link in ein angesprochenes Thema weiter zu vertiefen.“

Mit diesem Vorhaben und privat geliehenen 60 000 Mark sind die beiden Journalisten Thierry Chervel und Anja Seeliger im März 2000 an den Start gegangen. Anjas Bruder Niclas Seeliger übernahm die Geschäftsführung und kümmerte sich um die Hardware, der damals 21-jährige Programmierer Adam Cwientzek entwickelte ein einfach zu handhabendes Redaktionssystem.

Heute, zwei Jahre später, zählt www.perlentaucher.de rund eine halbe Million Seitenaufrufe im Monat und nach anfänglicher Skepsis in der Branche wollen immer mehr Zeitungen dabei sein. „Eines meiner schönsten Erlebnisse war, als mir der damalige leitende Redakteur von ,Arts & Leisure’, der Wochenendbeilage der New York Times, eine Mail schrieb und sich beschwerte, dass wir nur die New York Times Book Review berücksichtigen würden, aber nie ,Arts & Leisure’“, erzählt Anja Seeliger. „Da dachte ich: Wow, jetzt sind wir berühmt!“

Reich geworden sind die professionellen Zeitungsleser noch nicht, aber immerhin schreibt das Unternehmen inzwischen schwarze Zahlen. Während andere dotcoms unter den schweren Einbrüchen in der Werbebranche leiden, wird bei den Perlentauchern besonders die Einzelbuchwerbung von Verlagen stark gebucht. Hinzu kommen die Einnahmen aus dem Verkauf von Inhalten. Nach BOL kauft nun Amazon Rezensionsnotizen, mit weiteren Partnern wird verhandelt.

Pläne für die Zukunft haben die Perlentaucher viele, aber erst mal schenken sie sich und ihren Lesern zum zweiten Geburtstag eine neue Rubrik. Ab sofort kann man unter „Vorgeblättert“ jeden Monat Auszüge aus einer anderen Neuerscheinung lesen. Gleichzeitig wurden die Seiten technisch umgestellt und die Suche im Archiv erweitert. Zum Feiern bleibt da nicht viel Zeit, außerdem heißt es auch morgen früh ab sechs Uhr wieder: Achtung, fertig, Zeitunglesen.

Im Internet: www.perlentaucher.de

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