Zeitung Heute : Die Vorverurteilten

Der Tagesspiegel

Von Vincenzo Delle Donne

Gerichts-Fernsehen nicht nur in Deutschland ein Mode-Format. Aber während hierzulande in der Regel nur der Richter echt ist, Angeklagte und Anwälte dagegen Schauspieler sind und die Fälle fiktiv, ist an Italiens Gerichts-Shows viel Wahres dran.

Jüngster Fall: das Drama von Cogne. Die Fakten: Ein Junge, der „kleine Samuele“ aus Cogne im Aosta-Tal, wird tot aufgefunden. Die Mutter steht im Verdacht, das Kind im Affekt getötet zu haben. Sie stammt aus einer intakten, wohlhabenden Welt. Ist sie eine Kindsmörderin? Doch die Frau, die aufgrund einer Reihe von Indizien nun verhaftet wurde und im Untersuchungsgefängnis sitzt, weist bislang jeden Verdacht von sich.

Warum also den Fall nicht TV-gerecht aufarbeiten?, dachte sich wohl Bruna Vespa, Chef der RAI-Sendung „Porta a Porta“ ( „Die Tür nebenan“) und inszenierte in der Primetime einen TV-Prozess. Die über zweistündige Sendung erreichte traumhafte Einschaltquoten von über acht Millionen Zuschauern. Journalisten, Psychologen und Kriminologen ereiferten sich dabei, die zahlreichen Pro und Contras der Anklage abzuwägen. „Es gibt jetzt eine Justiz, die von den TV-Anstalten vereinnahmt wurde“, kommentierte kritisch Untersuchungsrichter Fabrizio Gandini, der im Fall des Kindesmordes der Wahrheit auf den Grund zu gehen versucht.

In Italien ist es sogar erlaubt, aus Gerichtssälen zu senden. Sowohl die Zeugen als auch die Angeklagten dürfen ins TV-Bild gesetzt werden. Die einzige Einschränkung, die bei dieser Art von Berichterstattung existiert: Die Beteiligten müssen einverstanden sein. Ohne deren Einverständnis darf ihr Gesicht nicht gezeigt werden, ihre Stimme darf jedoch erkennbar bleiben. Richter, Staatsanwälte oder Verteidiger dürfen sich frei vor den Kameras produzieren. Mitte der 90er Jahre waren gerade diese Bilder von Zeugen und Angeklagten, die sich in den spektakulären Korruptionsprozessen herauszuwinden versuchten, ausgesprochene Quotenrenner. Beinahe täglich berichteten die Reporter aller Nachrichtensender aus den diversen Gerichtssälen. Nicht zuletzt das trug dazu bei, ein gesamtes politisches Establishment zu stürzen. Jetzt bringen die TV-Anstalten die Bilder aus den Gerichtssälen nur selten. Das Nachspielen authentischer Fälle ist einfach noch populärer – wahrscheinlich weil hier Fälle verhandelt werden, die gerade passiert sind, ja, die gerade die Gemüter erhitzen.

Die Sendung „Porta a Porta“, die jeden Abend läuft, hat sich hier einen besonderen Namen gemacht, derlei TV-Prozesse zu veranstalten. Großes Aufsehen erregte „Porta a Porta“ etwa mit einer Sendung über den großen Korruptionsprozess gegen den „Forza Italia“-Abgeordneten Cesare Previti in Mailand. Der Berlusconi-Intimus wird angeklagt, römische Richter im großen Stil bestochen zu haben. In einer ausufernden Sendung wurde Previti vor einem Millionenpublikum die Möglichkeit gegeben, sich als Opfer eines vermeintlichen Richterkomplottes darzustellen. Die Beweise für die Verschwörungstheorie blieb Cesare Previti jedoch schuldig.

„Man macht dadurch dem Prozess den Prozess“, kritisierte der Präsident der nationalen Richtervereinigung, Giuseppe Gennaro. Das dürfte allerdings die TV-Macher nicht davor abschrecken, weitere Fernseh-Prozesse zu inszenieren. „Mit der Tragödie von Cogne“, argwöhnte „Repubblica“-Kolumnist Giorgio Bocca, „wird die Saga der großen Prozesse neu eröffnet“. Das neue Format hat sich also bereits etabliert. Der Wahrheitsfindung dient es wohl kaum.

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