Zeitung Heute : Die Waffen des Herrn F. Der Rentner

mit der Panzermine

Verena Mayer

Der Mann, dessen Panzermine das Berliner Sozialgericht hätte sprengen können, ist 62 Jahre alt. Ein untersetzter Typ, fast kahl. Er humpelt in den Gerichtssaal. Er trägt Jogginghose, Hemd und ärmellose Jacke, und vor ihm liegt ein Notizbuch, in das er mit verbissenem Gesicht ständig etwas einträgt. Wäre sein Leben normal verlaufen, würde er diesen Mittwoch vermutlich damit verbringen, auf der Fensterbank zu lehnen und Kindern hinterher zu schimpfen. Doch es kam anders, und so muss sich Wolfgang F. seit Mittwoch vor dem Landgericht verantworten. Im September war er schwer bewaffnet ins Landessozialgericht an der Invalidenstraße gegangen und soll gedroht haben, alles in die Luft zu sprengen.

Ob er sich äußern wolle, fragt der Richter. Nein, sagt Wolfgang F. – das haben ihm seine Verteidiger geraten. Aber man sieht ihm an, dass er doch gerne etwas sagen würde. Er blickt auf die Zuschauer, als könnte er von dort jene Zustimmung bekommen, die man ihm seit mehr als 30 Jahren verweigert.

Wolfgang F. ist Schweißer, 1972 stürzt er bei der Arbeit die Treppe hinunter und verletzt sich am Rücken. Er muss operiert werden, es bleiben Schmerzen und ein Nervenschaden. Einen Arzt nach dem anderen sucht er danach auf, keiner kann ihm helfen. Als er glaubt, nicht mehr arbeiten zu können, beantragt er eine Rente wegen Berufs- und Erwerbsunfähigkeit. Aber auch das klappt nicht. Und Wolfgang F. beginnt zu prozessieren. Erst, um Geld zu bekommen. Am Ende, um Recht zu bekommen.

Der Vorfall im September war nicht der erste. Im August 1978 – damals war Wolfgang F. 35 Jahre alt – ging er mit einem Revolver und einer Keksdose voller Sprengstoff zu seinem Arzt und legte einen Zettel auf den Tisch. Darauf standen die Namen von drei Ärzten und der Satz. „Zusammen sind wir schuldig, schwere Verletzungen des hippokratischen Eides begangen zu haben.“ Die Ärzte sollten das unterschreiben, sagte er. Und: „Ich jage Sie alle in die Luft.“ Die Sprechstundenhilfe holte die Polizei. Er bekam eine kleine Strafe.

Der Richter verliest einen Artikel von damals. Er erwähnt die Forderung an die Ärzte, den kleinen Zettel. „Das waren sechs DIN-A4-Bögen“, ruft Wolfgang F. dazwischen. „Dieses Teil wird mir zu meinem Nachteil untergejubelt. Das hat mir der Staatsanwalt untergejubelt.“ Sein Verteidiger beschwichtigt ihn, Wolfgang F. redet leiser, zu bremsen ist er nicht. Dann schlägt er plötzlich auf den Tisch oder sagt „Sauerei“. Wolfgang F. kann nicht mehr anders, er sieht die Welt als ein einziges Komplott gegen sich. Und deshalb geht es in diesem Prozess auch um eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Paranoide Erkrankung. Wolfgang F. sei nicht voll schuldfähig.

Nach dem Mauerfall hatte Wolfgang F. bei Russen zwei Panzerminen gekauft. Seine Frau und die drei Kinder bekamen nichts mit. Er prozessierte weiter und bombardierte die Behörden mit Briefen und Anzeigen. So wollte er „146 Morde im Namen der Pharma-Industrie“ ahnden und einen Mord „am Kapitän der Eismeerflotte durch Judenärzte“.

Im September sagt man ihm, dass wegen seiner Diabetes ein Bein amputiert werden müsse. Wolfgang F. ist sich nun endgültig sicher, dass sich Ärzte und Behörden gegen ihn verbündet haben. Er geht ins Landessozialgericht, in einer Hand eine Pistole, in der anderen eine der Panzerminen. Die Funkfernsteuerung hat er sich umgehängt. Dann verlangt er, Ärzte und Richter zu sehen. „Ich wollte mich mit ihnen unterhalten“, sagt er später. Eine Pförtnerin und Polizisten überwältigen ihn schließlich.

Die Panzermine wurde von der Polizei inzwischen gesprengt. Wie das gewesen sei, fragt der Richter einen Beamten. „Man hätte sich den Tatort nicht ausmalen können, wenn das in einem Gebäude zum Einsatz gekommen wäre“, antwortet der Beamte. Der Prozess wird fortgesetzt.

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