Zeitung Heute : Die Wagenburg

Dieser Ort existiert nur fünf Monate im Jahr - so lange ist er der größte seiner Art in Europa. Dann verschwindet Union Lido im Nebel.

Andreas Austilat

Von oben sieht man gar nicht viel. Bäume eben, sehr viele Bäume. Nur hier und da leuchtet ein Dach ziegelrot zwischen all dem Grün. Allein der Wasserturm, der überragt alles. Die Straßen aber, die kann man nur erahnen, ihr Schachbrett-Muster, dem die Bäume wie aufgereiht folgen. Schwer vorstellbar, dass da unten 10 000 Menschen leben sollen. „10 200“, sagt Signor Ballarin, „vor drei Wochen waren es sogar 11 000.“

Armando Ballarin weiß das alles ganz genau. Der Mann, der vom Hemd über die Hosen bis zu den Socken stets in Weiß auftritt, und deshalb immer ein bisschen so aussieht, als wäre er der Arzt, ist der Direktor von Union Lido, dem größten Campingplatz Europas. Er weiß, dass im Wasserturm das Wasser 40 Meter hoch steht, und dass das vollkommen ausreicht, den Druck aufrecht zu erhalten – selbst, wenn auf dem Platz alle Duschen gleichzeitig aufgedreht werden. Falls aber Signor Ballarin mal etwas nicht weiß, dann fragt er eben. Guiseppe Marinazzo zum Beispiel, den Gartengestalter, „Hey Guiseppe, was geben wir im Jahr für Pflanzen aus.“ 180 000 Euro, ist die Antwort. Das ist drei Mal so viel wie im Jahre 2001 im Tiergarten – nachdem dort die Love Parade durchgegangen war.

„Campingplatz", das Wort hört Armando Ballarin nicht so besonders gern. Campingplatz klingt nach Sand im Essen und Wasser aus dem Brunnen. Das passt einfach nicht für einen Ort, der Auszeichnungen sammelt wie kaum ein anderer, der im aktuellen Campingführer des ADAC in fast allen Rubriken Bestnoten erhält. Seit Ballarin der Chef ist, seit 20 Jahren also, versucht er dem Ganzen einen neuen Namen zu geben. Ferienpark findet er besser, schon wegen der vielen Bäume. Aber das trifft es eigentlich auch nicht wirklich.

Im Grunde ist der Platz auf dem Littorale del Cavallino, der Halbinsel vis-à-vis von Venedig, eine umzäunte Welt für sich. Von Mai bis September, für fünf Monate im Jahr, ist Union Lido eine eigene Stadt. 11 000 Einwohner, mehr hat das brandenburgische Bad Freienwalde auch nicht. Und obwohl Union Lido über einen Kilometer lang und einen halben Kilometer breit ist, übertrumpft er mit seiner Bevölkerungsdichte sogar noch Monaco – dabei gilt das Fürstentum mit 16 000 Einwohnern pro Quadratkilometer schon als die Stadt mit der größten Bevölkerungsdichte der Welt.

„Davon kriegt man eigentlich gar nichts mit“, sagt Karl-Heinz, und seine Frau Sabine stimmt ihm zu. Eigentlich heißen die beiden ja Müller mit Nachnamen, aber auf dem Campingplatz nennt man sich schnell beim Vornamen. Kein Wunder, der Nachbar ist selten mehr als fünf Meter entfernt, und kennen gelernt hat man sich meist schon bei der Ankunft. Weil ein Wohnwagen locker seine anderthalb Tonnen wiegt, braucht man nämlich jede helfende Hand, um das Ding auf die Parzelle zu schieben. Einen Wohnwagen hat hier beinahe jeder, Zelte sind in der Minderheit.

Karl-Heinz und Sabine, beide vielleicht Anfang 40, haben in ihrem Viertel schnell Anschluss gefunden. „Wer da noch so wohnt, drüben in Altdeutschland“ – so nennt man hier intern die Kolonie der 300 Dauercamper, die ihren Wagen die ganze Saison stehen lassen – „oder bei den Mobilheimern auf der anderen Seite“ – gemeint sind die festinstallierten Miet-Caravans, „das sehe ich gar nicht, da komme ich ja nie hin", sagt Karl-Heinz, der mit seinem Schnauzbart ein bisschen so aussieht wie der Christoph aus der Sendung mit der Maus. Kein Zweifel, Union Lido ist eine Stadt, und wie jede Stadt hat sie ihre Viertel, die besseren und die schlechteren.

Wie hoch die Bevölkerungsdichte wirklich ist, davon erhält man abends eine Vorstellung, wenn sie alle herbeiströmen, aus ihren Straßen, aus der Via Padova und der Via Genova, aus der Roma und der Venezia, wenn sich die Flaneure in der Fußgängerzone und auf der Piazza Venezia zu einer steten Prozession vereinen, vorbei an den Eisdielen, den Restaurants – es gibt allein sieben Restaurants in Union Lido – den Boutiquen, dem Juwelier, dem Schuhgeschäft. Sogar eine Kirche gibt es an der Piazza. Und wenn Michael Stoffers, der evangelische Pfarrer, sonntags Gottesdienst in deutscher Sprache hält, dann folgen rund 100 Gläubige seiner Predigt.

Das Merkwürdige ist, wie ruhig es selbst an einem lauen Samstagabend in der Hauptstraße bleibt. Wenn man die Augen schließt, hört man eigentlich nur ein Geräusch, das schlapp, schlapp der vielen Badelatschen. Eine Fahrradklingel hört man nie – Rad fahren ist auf den meisten Straßen in Union Lido verboten, viel zu gefährlich, bei den vielen Menschen, die hier unterwegs sind. Und nur selten kommt mal ein Auto – Auto fahren ist nicht verboten, es fährt nur so gut wie keiner. Wahrscheinlich, weil die meisten ihren Wagen nur zur Anreise und zur Abreise nutzen, dazwischen den Platz so gut wie nie verlassen.

Warum auch? Über 70 Prozent der Gäste waren schon mindestens einmal hier, haben Venedig gesehen, Murano und Burano. Jetzt bleiben sie in ihrer umzäunten Stadt, in der es ein bisschen ist wie zu Hause – nur eben schöner. Denn seine vertraute Intimsphäre, die hat der Camper dabei, „im Hotel bin ich zu Gast“, sagt Sabine, „in unserem Wagen bin ich daheim.“ Alles andere aber, den Swimming Pool, den kilometerlangen Strand gleich vor der Tür, wo hat man das sonst schon?

Wenn Signor Ballarin die Hauptstraße runtergeht, dann wirkt er tatsächlich wie der Bürgermeister. Dann grüßt er in Fabios „Cantinetta Lispado“, dem besten Restaurant im Zentrum, die Stammgäste, bleibt bei Andrea an der Eisdiele stehen. Als ob er sich immer wieder zur Wahl stellen müsste. Und das muss er ja auch. Die Leute zahlen schließlich, um für eine gewisse Zeit an diesem Ort zu leben. Kommt eine vierköpfige Familie mit dem Wohnwagen in der Hauptsaison, kostet sie der Tag um die 55 Euro.

Wer wie Ballarin jedes Jahr aufs neue um sein Publikum wirbt, der muss wissen, mit wem er es zu tun hat und was sich diese Leute von seinem Ort erhoffen. Im Moment sind immer noch Ferien in Bayern und Baden-Württemberg, weshalb 70 Prozent der Bewohner Union Lidos Deutsche sind, gut elf Prozent Holländer und ungefähr genauso viele Italiener. Er kennt auch die Bevölkerungspyramide seiner Gemeinde, die freilich nicht aussieht wie eine Pyramide, sondern eher wie eine Eieruhr: Jeweils rund 44 Prozent sind Kinder oder Eltern, sind zwischen 0 und 20 beziehungsweise zwischen 31 und 51 Jahre alt. Jeweils rund sechs Prozent machen die Gruppen zwischen 20 und 30 beziehungsweise über 51 aus. Und was wollen diese Leute? Sie wollen Beschäftigung für ihre Kinder, für sich selbst wollen sie ihre Ruhe.

Ballarin sorgt also dafür, dass 15 Animateure die Kinder immer in Bewegung halten, beim Babydance oder im HipHop-Kurs. Und wenn die Eltern mögen, dann können sie sich natürlich auch bewegen, können Bogen schießen oder jede erdenkliche Ballsportart ausüben – einschließlich Golf. Sie können es auch lassen. Denn Ruhe wird garantiert, von eins bis drei darf sich niemand mucksen, nach 23 Uhr erst recht nicht, da können die Gäste sicher sein. Auf strikte Einhaltung der Regeln achtet die platzeigene Sicherheitstruppe, die sogar einen Dienstwagen hat, ein Elektrowägelchen mit roten Blinklichtern auf dem Dach fährt Streife.

„Sicherheit“, sagt Armando Ballarin, „das ist überhaupt das Allerwichtigste.“ Wenn die Gäste sich nicht sicher fühlen, haben sie Stress, „und wenn sie Stress haben, fühlen sie sich nicht wohl“. Weshalb es in dieser Stadt keinen Stress geben darf. Weshalb zig Notstromaggregate und Wasserreservoirs dafür sorgen, dass es keine Engpässe gibt. Weshalb wohl nicht von ungefähr gleich neben dem Eingang, an dem jeder seinen Passierschein vorzeigen muss, ein Feuerwehr- und ein Krankenwagen stehen. „Denn Sicherheit“, so Ballarin, „ist vor allem ein Gefühl.“

Zehn Mal am Tag bringt der Krankenwagen Patienten ins nächste Krankenhaus, nicht oft also, bei 10 000 Einwohnern. 50 weitere Fälle behandelt Pierluigi Stimamiglio jeden Tag. Pierluigi trägt Bermuda-Shorts zum T-Shirt und ist einer von zwei Ärzten in Union Lido. Eine Praxisgebühr gibt es nicht, die Erstversorgung kostet nichts. Sonnenbrände, Schnittwunden, Ohrenschmerzen, das ist hier der medizinische Alltag. Ein leichter Job? „Eigentlich schon“, sagt Pierluigi, obwohl, manchmal komme es ihm so vor, als ob die Patienten hier nervöser seien als anderswo, „sie haben keine Zeit für ihre Krankheit, nicht hier, nicht im Urlaub.“

Wichtigster Mann in Sachen Sicherheit ist Signor Sponghi, Roberto, wie ihn alle nennen und wie es auf einem Schild an seiner Brust steht. Roberto trägt die Sonnenbrille zurückgeschoben im dunklen Haar und ist der Sicherheitschef. „Kontrolle ist wichtig“, sagt er, „sonst gibt es Anarchie.“ Auch er findet seinen Job so schwer nicht, vor allem nicht, wenn die Deutschen hier seien, „zehn Italiener machen mehr Probleme als 100 Deutsche. Die tun, was man ihnen sagt". Er sagt das mit einem Lächeln, lächeln ist überhaupt ganz wichtig, schärfe er auch seinen Leuten immer wieder ein: „Immer ruhig bleiben, nie schimpfen.“ Was aber sind die größten Herausforderungen, denen sich ein Polizeichef in einem Ort wie Union Lido zu stellen hat? Streit unter Nachbarn, wer wem zu nahe gekommen ist, oft gehe es nur um ein paar Zentimeter. Und wenn ein Streit partout nicht mehr zu schlichten ist? Welche Zwangsmittel haben denn die Autoritäten in Union Lido? Ganz einfach, hier wird nicht ein- sondern ausgesperrt. Platzverweis lautet die höchste Strafe, und die darf nur Signor Ballarin verhängen, Bürgermeister und oberster Richter in einer Person.

Im Schuhgeschäft an der Hauptstraße werben sie für den Sommerschlussverkauf. Nein, das ist noch kein Zeichen für das Ende, sie brauchen Platz für die Herbstmode, das Schaufenster wird umdekoriert – als gebe es ein morgen. Dabei weiß jeder: in fünf Wochen ist Schluss.

Stefano Gattoni ist der Chef der Bademeister und ein harter Hund, wie man so sagt, kahlköpfig und durchtrainiert. Wenn irgendetwas nicht stimmt, wenn ein marokkanischer Handtuchverkäufer die für ihn vorgeschriebenen Zone an der Wasserlinie verlässt, wenn ein Junge auf der Mole herum klettert oder ein Bademeister zu lange mit einer Signorina spricht, es gar zulässt, dass sie mit ihrer Luftmatratze an seinem Rettungsboot festmacht, dann bläst er in seine Trillerpfeife. Wenn Stefano aber an die nächsten Monate denkt, dann wird ihm ganz melancholisch zu Mute. Sie werden alle weg sein, die vielen Leute, die ihn „hey Stefano“ grüßen.Im Oktober schrumpft die Bevölkerung von 10 000 auf jene 50, die das ganze Jahr hier arbeiten. Die Schaufenster werden vernagelt, und die grünen Büsche am Strand verschwinden unter Planen – damit sie vor der Salzluft geschützt sind.

Im Winter ist das ein trauriger Platz, sagt Stefano. Wenn die die Nebel von der Lagune herüberkommen und alles einhüllen. Dann ist Union Lido eine Geisterstadt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben