Zeitung Heute : Die Wahrheit nach der Wahrheit

Die Nacht der Meinungsmacher. Als das TV-Duell zu Ende war, begann ein anderes Duell: Wer ist Sieger?

Robert Birnbaum[Wolfgang Prosinger] Armin Lehmann[Wolfgang Prosinger]

Auf einmal bewegt sich etwas da vorne. Junge Männer stöpseln hektisch Kabel in Buchsen. Damen stehen zum Schminken an. Ältere Herren schreiten gedankenschwer herbei. Man spürt, sie sind wichtig, gleich wird etwas passieren.

Es ist Sonntagabend, fünf Minuten vor zehn, in jenem Fernsehstudio in Berlin-Adlershof, in dem das Fernsehduell zwischen Kanzler und Kanzlerkandidatin gleich zu Ende gehen wird. Genauer gesagt: Es ist der große Saal gleich neben dem Allerheiligsten, dem Studioinneren, in das nur die beiden Konkurrenten und die vier Moderatoren eindringen dürfen. Es ist der Ort, wo von nun an für Stunden an der Deutung des Duells gearbeitet wird, exakt hier, in diesem riesigen Saal, wohin sie alle, alle gekommen sind, um den Showdown dieses Kurzwahlkampfs auf großen Bildschirmen zu betrachten: Hunderte von Journalisten, Politiker, Prominenz jeder Couleur, ein Querschnitt durch die Berliner Wichtigkeit. Klaus Meine ist zum Beispiel da, mit Mütze; er kommt aus Hannover und hat mal mit den Scorpions „Wind of Change“ gesungen. Oder Esther Schweins, rothaarig. Esther Schweins kommt nicht aus Hannover, findet aber den Kanzler trotzdem gut. Oder Hans-Olaf Henkel, der mal BDI-Chef war, der gerne bei den Siegern ist und noch während der Sendung sagt: „Sie sagt, worauf es ankommt. Er sagt, wovon er denkt, dass es ankommt.“

Es ist 22 Uhr. Jetzt geht es los. Jetzt stürzt sich, wer nur ein Mikrofon, eine Kamera, einen Kugelschreiber halten kann, auf alles, was hier ein bekanntes Gesicht über dem Kragen trägt. In diesen Minuten beginnt der „Spin“ – jetzt wird entschieden, wer an diesem Rekordabend mit seinen 21 Millionen Fernsehzuschauern Sieger ist. Und wer der Besiegte.

Das Duell nach dem Duell beginnt – und manche meinen, es sei das eigentliche. Es ist die Wahrheit nach der Stunde der Wahrheit. Dann, wenn die Scheinwerfer ausgehen und über die Schröder- und Merkel-Masken Dunkelheit fällt, dann geht es nicht mehr um Argumente oder Meinungen. Dann geht es um die Meinungen über die Meinungen. Sie gehen hinaus ins Land, am Abend noch und am anderen Morgen. Und sie erzeugen eine Stimmung.

Weil das alle wissen, reden nun alle, wie sie glauben, reden zu müssen. Parteibuchsreden sind das. Gesinnungsreden. Sowieso-schon-klar-Reden. Weil das so ist, sagt etwa CDU-Generalsekretär Volker Kauder, „heute hat die Bundeskanzlerin gesprochen, Schröder war auf Abschiedstour“. Und Michael Glos von der CSU sagt: „Ein Meilenstein für den Wahlsieg.“ Und Otto Schily sagt, pflichtgemäß auch er: „Klarer Punktsieg für Schröder.“

Schily steht an einem dieser über den Saal verteilten Bistrotische, Seit an Seit mit Frank Walter Steinmeier. Beide sind Schröder-Vertraute, der Innenminister und der Kanzleramtsminister. Der inner circle der Macht hat sich da, vorübergehend Cola trinkend, zusammengetan. Schily, Steinmeier – ranghöher geht es nicht. Sie sind die erste Reihe der einigermaßen Nachdenklichen. Sicher, Franz Müntefering ist auch da. Aber den darf man nicht mit einrechnen. Er hat eine Sonderrolle. Er ist SPD-Chef, eng mit Schröder, und somit gewissermaßen qua Amt und mit jener unnachahmlichen, auf Autopilot eingestellten Sprechautomatik verpflichtet, alles super finden zu müssen, was der Kanzler da von sich gegeben hat.

Gewiss, irgendwie gilt das für Schily, Steinmeier auch. Natürlich ist die Klangfärbung sozialdemokratisch, und doch schart sich nach Duell-Ende sofort eine Gruppe um sie, in der Hoffnung, dass in den vorgestanzten Worthülsen ein wenig von der gewohnten Analysefähigkeit steckt. Es ist ein Spiel, ein Spiel auf Zeit, bei dem alles wichtig wird, verbal, nonverbal. Schily hat während der Sendung ein Kompoloi , eine kleine Perlenkette, rosenkranzartig durch seine Finger gleiten lassen, handschmeichelnd ist das – und eigentlich soll es eine beruhigende Wirkung entfalten. Jetzt ist das Kompoloi in der Hosentasche und der Innenminister wird gefragt, ob er während des Duells womöglich nervös… Ach was, unterbricht er, das habe er sich einfach angewöhnt, auch auf Kabinettssitzungen mache er das.

Während der Sendung haben sich die beiden, Steinmeier, Schily, mehrmals ausgetauscht – auch bei jener Passage, in der es um Doris Schröder-Köpf ging, und die dann mit einer Liebeserklärung des Kanzlers an seine eigenständig denkende und Merkel-kritische Interviews gebende Frau endet. Ein paar Tische weiter findet Annette Schavan, Bildungskompetenzlerin in Merkels Mannschaft, die Sequenz habe nun wirklich schwer den Kitsch gestreift. Und auch Otto Schily ist so zufrieden nicht. Ja, sagt er, Schröder habe sich wohl „einen Moment zu lange“ mit den Äußerungen seiner Frau beschäftigt.

So etwas zu hören ist an diesem Abend allerdings schon das Höchste der Gefühle, weil der in die Welt vervielfältigte Subtext ja lauten könnte, man habe den eigenen Mann/die eigene Frau für so doll nun auch wieder nicht gehalten. Phasenweise zumindest. Michael Glos zum Beispiel ist zu dieser Stunde abgebrüht genug, gar nicht erst darauf zu antworten, ob Angela Merkel womöglich besser drauf gewesen sei als Edmund Stoiber vor drei Jahren. „Gemeine Frage“, grinst Glos, ist aber im Verlauf des Gesprächs bereit zu konzedieren, dass Merkel es einfacher gehabt habe als Stoiber in der Spitz-auf-Knopf-Situation des Jahres 2002. „Dem Schröder“, sagt Glos, und das ist natürlich auch so eine professionelle unterfränkische Hinterfotzigkeit, „war vor drei Jahren noch sehr viel mehr Machtwillen anzumerken.“

So geht das in eitler Selbstzufriedenheit lagerübergreifend Runde um Runde, Bistrotisch um Bistrotisch, und das Barometer der Meinungsmacher steht in Sachen Merkel-Bewertung fast durchweg auf „freundlich“ – da hagelt die erste Blitzumfrage dazwischen. Forsa weiß, wer der Sieger ist: 47 Prozent finden Schröder besser, nur 26 Prozent Merkel.

Aus Unionssicht ist das so schön nicht. „Spin“ hin, „Spin“ her – im Grunde sind sie hier im Saal allesamt Zahlenjunkies, da geht es den Roten nicht anders als den Schwarzen. Immerhin, es gibt in diesen aufgeregten Minuten auch überraschend abgeklärte Stimmen von gänzlich unerwarteter Seite. Eine gehört Dieter Stolte, früher war der mal Intendant des ZDF. Stolte sagt: „Wir befragen Dicke, wir befragen Dünne, wir befragen Homosexuelle. Und der Mehrwert ist gleich null.“

Es geht also nicht nur um die Meinung über die Meinung. Es geht auch um die Meinung über die Meinung der Meinungsforscher. Skepsis ist zu spüren. Neben Volker Kauder steht in intensivem Dialog Renate Köcher, Demoskopie-Chefin in Allensbach und, das darf man schon sagen, der Union herzlich zugeneigt. Kauder hätte es gut gefunden, wenn Allensbach auch mal was gemessen hätte an diesem Abend. Allensbach hat aber nicht.

Hat da Schröder, der Medienkanzler, womöglich noch mal zugeschlagen? Kauder ist unsicher. Alexander Niemetz nicht. Es geht auf Mitternacht zu. Niemetz steht im zweiten Stock des Konrad-Adenauer-Hauses und hört nicht auf zu strahlen. „Den Medienkanzler Schröder gibt es nicht mehr.“ Der ehemalige Moderator des „Heute-Journals“ ist mit Angela Merkel über die Maßen zufrieden. Er hat die CDU-Chefin für das Duell gecoacht, vier Wochen lang, immer wieder. Willi Hausmann, der enge Merkel-Vertraute, musste den Schröder mimen, und er, Niemetz, hat knallhart gefragt. Er ist immer noch begeistert, „wie schnell die Frau lernt“. Eigentlich sollte sie auch noch auf die Party kommen, aber sie sei müde, sagt ein Vertrauter. Niemetz bestätigt: „Wir haben sehr intensiv trainiert, oft vier Stunden am Tag.“ Und wenn der Schröder noch mal mit Irak gekommen wäre, sagt er, dann hätte sie auch noch gekontert: „Herr Schröder, sie können jetzt viel reden, aber in 14 Tagen werden sie abgewählt.“

Ja, hätte sie gesagt. Merkel lächelt am Tag danach nicht mehr telegen bei jedem Satz, eher abgespannt. Das führt dazu, dass Wort und Miene nicht ganz zusammenpassen, denn die Worte fallen optimistisch aus: „Die Stimmung war prima, kampfeslustig, entschlossen und sehr motiviert“, sagt sie über die Präsidiumssitzung. Wie sie selbst den Ausgang des Duells bewerten würde? „Ich bin als Punktrichterin in eigener Sache ungeeignet.“ Von der Basis aber seien „extrem motivierende Rückmeldungen“ gekommen. Das stimmt bestimmt. Aber es hat auch ihre eigenen Sekundanten beunruhigt, dass die Umfragen einen klaren Vorteil zugunsten des Kanzlers ergeben haben. So klang schon am Abend Selbstberuhigung durch, als ein CDU-Spitzenmann die Rechnung aufmachte, Schröder sei vorher von etwa 80 Prozent der Befragten als Sieger prognostiziert worden – wenn ihn hinterher 47 vorne sähen, habe er also etwa 30 Prozent verloren. Nur zu gut wissen die christdemokratischen Wahlkämpfer, was ihnen als einzige echte Gefahr droht: dass es Schröder doch noch gelingen könnte, die müden SPD-Wähler an die Urne zu treiben, und dass er seiner SPD zum Abschied die große Koalition zu Füßen legen kann. „Wenn die SPD zulegt, dann wird das ein Austausch von Grünen und Linken“, sagt zwar ein CDU-Spitzenmann voraus. Nur, was das Präsidium beschlossen hat, spricht eine andere Sprache: In den letzten zwei Wochen will die CDU im Wahlkampf herausstellen, dass die Kombination CDU, CSU und FDP überhaupt als einzige eine realistische Chance habe, „es sei denn Rot-Rot-Grün“, umreißt Merkel das Konzept.

Die Show ist vorüber, die fiebrige Nacht der Meinungsmacher und der Tag danach. Nun könnte eigentlich ein allgemeines Durchatmen einsetzen und der Pulsschlag der Akteure auf Normalmaß sinken. Tut er aber nicht. Denn schon in zwei Tagen wird die endgültige, die letzte Wahrheit über das TV-Duell verkündet: der neueste Deutschlandtrend.

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