Zeitung Heute : Die Wege des Geldes modellieren

Die Deutsche Bank sponsert ein finanzmathematisches Forschungslabor in Zusammenarbeit mit Humboldt-Uni und TU Berlin

Ljiljana Nikolic

Aktien, Zertifikate, Fonds: Wer als privater Kunde in einer Bank Geld anlegen möchte, dem bieten Bankberater viele Optionen an. Welche komplizierten Mechanismen die Finanzwelt bewegen, weiß jedoch kaum jemand. Gerade in den Zeiten der internationalen Finanzkrise wünschte man sich, die Entwicklung von Aktienkursen berechnen - oder den nächsten Börsencrash vorhersagen zu können.

Diesem Wunschdenken muss Ulrich Horst gleich einen Riegel vorschieben. „Wenn die Finanzmathematik so etwas leisten könnte, wären wir nicht hier“, erklärt der Mathematiker, der seit Juli 2007 eine Stiftungsprofessur am Institut für Mathematik einnimmt und wissenschaftlicher Direktor des Quantitative Products Laboratory (QPL) ist. Das QPL ist ein Forschungslabor, das aus einer gemeinsamen Initiative der Deutschen Bank AG mit der Humboldt-Universität und der Technischen Universität hervorgegangen ist und von dem Geldinstitut komplett gesponsert wird.

Auch Banken möchten sich gerne gegen Risiken absichern und Strategien für Investitionen verbessern und setzen dabei auch auf das Know-how von Wissenschaftlern. Im QPL dreht sich vieles um Modellierung elektronischer Orderbücher, optimale Absicherungsstrategien für Finanzrisiken sowie Liquiditätsrisiken und Transaktionskosten, die mit den Methoden der modernen mathematischen Finanztheorie analysiert werden sollen.

Im Labor arbeitet Ulrich Horst gemeinsam mit seinem Partner, Peter Bank von der Technischen Universität Berlin, ebenfalls wissenschaftlicher Direktor des QPL, und 25 Mitarbeitern. „Wir versuchen mit mathematischen Modellen bestimmte Mechanismen der Finanzmärkte abzubilden und zu analysieren“, erklärt Horst, der vor Antritt der Berliner Stelle an der University of British Columbia Vancouver gelehrt und geforscht hat. Die Mitarbeiter des QPL arbeiten mit dem Londoner und New Yorker Büro der Deutschen Bank zusammen.

So wird zurzeit bereits ein Modell aus dem QPL im Londoner Büro getestet. „Es geht hierbei um den Einfluss von Transaktionskosten auf Absicherungsstrategien für Finanzrisiken“, sagt der Wissenschaftler. Transaktionskosten fallen immer dann an, wenn Käufe oder Verkäufe auf dem Finanzmarkt gemacht werden, und beeinflussen das Verhalten von Banken, Händlern oder Investmentunternehmen. Während private Kunden mit dem Erwerb bestimmter Positionen noch keinen Markteinfluss ausüben, verhält sich das bei großem Handelsvolumen anders, denn Transaktionskosten verhalten sich beim Erwerb großer Mengen nicht linear, sondern steigen häufig überproportional mit dem gehandelten Volumen.

Mit dem Modell kann nun analysiert und simuliert werden, welche Handlungsweise günstig ist, um Investitions- und Absicherungsstrategien im Hinblick auf die Transaktionskosten zu optimieren. Ein wichtiger Parameter bei der Modellierung ist beispielsweise die Risikobereitschaft der Kunden. „Jemand der sehr risikoscheu ist, beeinflusst mit seiner Handlungsweise die Entwicklung der Transaktionskosten anders, als jemand der risikofreudiger ist“, sagt der Professor, der an der HU promoviert wurde und auch am DFG-Forschungszentrum „Matheon“ geforscht hat. Das Modell liefere bislang bessere Ergebnisse als traditionelle Modelle. „Denn es ist nicht leicht, ein praktisch relevantes Modell zu entwickeln, dass auch mathematisch analysiert werden kann.“

Die angewandte Finanzmathematik, die Teil der Wahrscheinlichkeitstheorie ist, gehört zu den Stärken der Berliner Forschungslandschaft. Die ist ein relativ neues Gebiet, das erst in den zurück liegenden Jahrzehnten entwickelt wurde und gleichzeitig auch sehr anspruchsvoll ist. Einen Meilenstein in der modernen Finanztheorie haben Fischer Black und Myron Scholes gesetzt.

Black und Scholes waren Mitarbeiter am Massachusetts Institute of Technology und veröffentlichten 1973 einen Beitrag zur Berechnung von Optionspreisen. Mit Optionen erwirbt man das Recht, aber nicht die Pflicht ein Wertpapier zu einem späteren Zeitpunkt zu kaufen oder zu verkaufen. Der Verdienst der zwei Amerikaner, die mit dem Nobelpreis 1997 belohnt wurden, ist, dass sich das Finanzprodukt Option im Rahmen ihres Modells relativ einfach preisen lässt.

Damals wie heute geht es darum, reale Aspekte der Finanzwelt im Modell abzubilden. Bei dieser Arbeit profitieren die Theoretiker von den Praktikern. „Die Banker können viel genauere Auskünfte über die Mechanismen der realen Finanzwelt geben als manche wissenschaftliche Abhandlung“, sagt der 37-jährige Horst. „Ferner ergeben sich viele interessante neue Fragestellungen erst aus dem Kontakt mit den Vertretern der realen Finanzwelt.“ Von großem Vorteil sei auch, dass seine Partner in der Deutschen Bank Forschungserfahrung mitbringen und wissen, dass Wissenschaft ein spannender, aber kein kontinuierlicher Prozess ist.

Im QPL arbeiten nicht nur Mathematiker, sondern auch Ökonometriker, die mit statistischen Daten die Modelle kalibrieren, das heißt, historische Daten in die Parameter für das Modell einfließen lassen. Vor allem Doktoranden, aber auch mehrere Postdocs und zwei Diplomanden forschen im QPL. Das Forschungslabor versteht sich als Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis und bietet den Beteiligten die Möglichkeit, eine Zeitlang Forschung in Interaktion mit Praxis zu erleben. „Jeder hat innerhalb der Bank eine Kontaktperson, die er immer anrufen kann, wenn es sich um praktische Aspekte unserer Arbeit handelt, beispielsweise wenn es darum geht, wichtige Modellparameter zu identifizieren“, sagt Peter Kratz, einer der Doktoranden der Humboldt-Universität.

Der Mathematiker, der in Freiburg studiert hat, suchte ein Promotionsthema mit einem starken Anwendungsbezug. Das fand er am QPL – und dazu eine für vier Jahre finanzierte Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die Nachwuchswissenschaftler haben nicht nur einen engen Kontakt zu den Mitarbeitern der Deutschen Bank und Zugang zu vielen Datenbanken. Sie können auch die Londoner oder New Yorker Finanzwelt bei einem Arbeitsbesuch kennenlernen. Ljiljana Nikolic



Mehr im Internet:

www.dbquant.com

www.qplab.com

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