Zeitung Heute : Die Wehwehchen des Diktators

Er hat ihn operiert und seinen Traum gemalt. Der Künstler Ala Bashir war einer von Saddam Husseins Leibärzten.

Annabel Wahba

Eines Tages, genau gesagt am 13. Juli 1996, schmerzte Saddam Hussein ein Zeh am rechten Fuß. Die Leibwächter ließen nach seinem Arzt rufen. Der hatte die Ursache des Schmerzes schnell gefunden.

Der Diktator war ein eitler Mann. Seine Anzüge mussten perfekt sitzen, und seine Schuhe sollten entsprechend adrett aussehen, deshalb trug er sie stets ein oder zwei Nummern zu klein. Auf großem Fuß hat er also nicht gelebt.

Der Arzt warnte den Diktator vor den Folgen zu enger Schuhe: „Sie werden Hühneraugen bekommen.“ Aber in weiteren Schuhen, „habe ich ständig das Gefühl zu stolpern“, erwiderte Saddam. Knapp drei Jahre später war es dann so weit. Am 28. Januar 1999, einem milden und sonnigen Wintertag in Bagdad, brachte ein Hühnerauge am rechten Fuß Saddam fast um den Verstand. Es musste operativ entfernt werden.

Warum sich der Arzt so genau an die Hühneraugen seines Präsidenten erinnert? Er führte Tagebuch. 21 Jahre lang war Ala Bashir als plastischer Chirurg im Ärzteteam , das sich um das Wohl des Präsidenten kümmerte. Erst am 5. April 2003, vier Tage vor dem Fall Bagdads, widersetzte sich Ala Bashir dem Ruf des Präsidenten. Er kam nicht in die Klinik, in der Saddam bereits auf ihn wartete. Was Saddam in den letzten Stunden der Macht von ihm verlangt hätte, womöglich eine Gesichtsoperation, damit er unerkannt fliehen könnte, weiß Bashir nicht.

Heute lebt Bashir, 65, in Katar, er ist dort Gast des Scheichs Hassan bin Muhammad bin Ali al Thani. Ein Kunstkenner und alter Bekannter Bashirs, denn Bashir ist nicht nur Arzt, sondern auch einer der erfolgreichsten Künstler des Irak. „Gute Ärzte gibt es viele im Irak“, sagt Bashir, „aber Saddam schätzte mich wegen meiner Kunst. Warum, das weiß ich nicht.“ Denn Saddam habe vor allem realistische Kunst gefallen, wie vielen Diktatoren. Bashir jedoch ist Surrealist.

In Bagdad muss Bashir eine ungewöhnliche Erscheinung gewesen sein. Irakische Männer tragen gerne Schnauzbart, Bashir hingegen ist glatt rasiert. Zum Gespräch erscheint er im dunklen Anzug, sonst sieht man ihn auch in braunen Kordanzügen. Seine wenigen grauen Haare lässt er bis auf die Schultern wachsen. Eine irakische Fernsehmoderatorin verlor einmal fast ihren Job, weil sie ihn in einem Interview gefragt hatte, warum er sich nicht Haar auf den Kopf transplantiere. Saddam veranlasste, dass die Frau nicht mehr auf dem Schirm zu sehen war.

In Berlin stellt Ala Bashir jetzt sein Buch vor: „Im Namen des Terrors. Saddams Leibarzt erzählt“. Der Doktor des Mächtigen – eine besondere Beziehung ist das, denn dem Arzt ist der Tyrann ausgeliefert, in dessen Hände legt er im Zweifelsfall sein Leben. Bashir sagt, ihm gehe es nicht um die Beschreibung von Saddams Hühneraugen und anderer intimer Details. Er habe Zeugnis über die Geschichte des Irak ablegen wollen. Sein Coautor, der Fernsehjournalist Lars Sigurd Sunnana – eine Art norwegischer Uli Wickert –, sagt, mit Ala Bashir habe man die einmalige Möglichkeit, die Mythen um den Diktator zu entzaubern.

Aber der Untertitel der deutschen Ausgabe „Saddams Leibarzt erzählt“, die am Montag im List-Verlag erscheint, packt den Leser bei seiner Sensationslust. Dabei müsste es eigentlich heißen: Einer der Leibärzte erzählt. Denn Bashir war nicht Saddams ganz persönlicher Arzt, sondern einer von rund zwei Dutzend Spezialisten, die sich um den Präsidenten kümmerten. Gleichwohl hat er ihn sehr häufig gesehen. Und bei den Behandlungen wechselte Saddam immer wieder ein paar Worte mit ihm, fragte Bashir nach seiner Meinung. Als Bashir einmal zur Kontrolle nach der Hühneraugen-Operation in eines von Saddams vielen Häusern kam, bat der Diktator ihn, zum Essen zu bleiben – Lamm, Huhn, Sauce und Reis, Saddam hatte selbst gekocht.

Damals bot Saddam Bashir an, eine seiner Plastiken in der Stadt aufzustellen. Danach reiste Bashir im Auftrag des Kulturministeriums zu Ausstellungen ins Ausland. Und einmal bat Saddam ihn, einen seiner Träume zu malen: In einem dunklen Wald sei eine riesige, grüne Schlange auf ihn zugekommen. Er habe ihr mit seinem Schwert den Kopf abgeschlagen.

Weil Saddam sich bei einem Autounfall den kleinen Finger verletzte, behandelte Bashir ihn auch während des Golfkriegs 1991. Immer wieder musste er den Verband wechseln. So auch am 27. Februar, als der Krieg gegen die USA schon verloren war. Saddam habe man die militärische Katastrophe nicht angemerkt, sagt Bashir, er sei ruhig gewesen wie immer. Dann habe Saddam gesagt: „Seien Sie sich über eines im Klaren. Nicht ich habe die Entscheidung getroffen, Kuwait zu besetzen. Das war Gott.“

Wenn er Saddam behandelte, habe er nie Angst gehabt, sagt Bashir heute. Obwohl Kollegen wegen Lappalien ihren Job verloren. Saddams Herzspezialist etwa hatte den Diktator wiederholt gebeten, wegen seines hohen Blutdrucks nicht mehr zu rauchen. Statt den Rat zu befolgen, warf Saddam den Arzt hinaus. „Aber wenn ich operierte“, sagt Bashir, „war ich nie nervös.“ Übrigens seien die Gerüchte über Saddams Doppelgänger „absoluter Unsinn. Ich habe nie einen Mann getroffen, der im ähnlich sah.“ Noch habe er je das Gesicht eines Mannes umoperiert.

Bei den vielen Büchern, die über Saddam erscheinen, kann man sich einer gewissen Skepsis nicht erwehren. Wenn man Bashir fragt, ob er sich Gedanken darüber gemacht hat, dass er sich als Künstler in den Dienst einer Diktatur stellte, sieht er einen verständnislos an. „Ich habe meine Bilder gemalt, so wie ich es für richtig hielt.“ Wie man denn einem Künstler einen Vorwurf machen könne, wenn ein Politiker Gefallen findet an seinen Werken?, fragt er zurück. Und wie ist das, wenn man sich um das Wohlergehen eines Diktators sorgt, der tausende Menschen auf dem Gewissen hat? „Ich bin Arzt. Ich behandele meine Patienten. Punkt.“ Andererseits erzählt Bashir, dass das Krankenhaus stets genug Spenderhornhaut hatte – weil man Saddams Opfern nach dem Tod die Augen entfernte.

Nun sitzt Saddam im Gefängnis, und Bashir verwahrt sein literarisches Vermächtnis: das letzte Buch. Eine nicht schwer zu deutende Parabel über die Juden. Sie lag auf dem Tisch des Kulturministers, als Bagdad fiel. Über einen Beamten habe Bashir sie erhalten. Der Titel: „Hinaus mit dir! Du bist verflucht!“

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