Zeitung Heute : Die Weine des Monats: 1997er Spätburgunder und weitere deutsche Sekte

weitere deutsche Sekte

Was ist drin im deutschen Sekt? Die Geisenheimer Marktforscher haben herausbekommen, dass 80 bis 90 Prozent der Konsumenten in den Flaschen der bekannten Marken wie Faber Krönung, Kupferberg oder Lutter &Wegner deutsche Grundweine vermuten, obwohl doch stets Mischungen aus Weinen vom großen europäischen Fassmarkt drin sind, meist aus Italien oder Spanien. Möglicherweise ist das auch das Geheimnis des großen Rotkäppchen-Erfolgs, denn mehr als 90 Prozent der Befragten vermuten in den Flaschen dieses Vorzeige-Ostprodukts sogar explizit Weine aus der Region Saale-Unstrut; die Firma lässt sie nicht ungern in diesem Glauben. Wer allerdings wirklich Sekt deutscher Herkunft trinken will, muss deutlich mehr als 10 Mark pro Flasche ausgeben und auf den gesetzlich geregelten Vermerk "Sekt b.A.", eben "bestimmter Anbaugebiete", achten. Der Lohn ist allemal hohe Qualität, die mit den Abfüllungen aus dem Supermarktregal nichts zu tun hat. Unser Beispiel kommt aus der badischen Ortenau, wo die Winzergenossenschaft Kappelrodeck die berühmte, überwiegend mit Spätburgunder bestockte Lage Hex vom Dasenstein bewirtschaftet. Der als trocken deklarierte 1997er Spätburgunder-Sekt aus diesem Berg wird von Kellermeister Robert Schnurr nach der klassischen Champagner-Methode hergestellt - ein edler Rotsekt, der sich mit seinen duftigen Beerenaromen, mit Eleganz und Cremigkeit die Goldmedaille des Badischen Weinbauverbandes redlich verdient hat. Die Flasche kostet 19,95 Mark bei Feinkost-Rogacki in der Wilmersdorfer Straße 145/146 in Charlottenburg, jenem Berliner Traditionsgeschäft, das sich zunehmend vom Image des Nur-Fischverkäufers emanzipiert.

Von der Ortenau ist es ein Katzensprung ins Elsass, dessen Winzer sich in den letzten Jahren auf dem deutschen Markt zunehmend schwerer tun. Noch vor zwei Jahrzehnten floss viel badischer Wein heimlich in den großen Edelzwicker-See, heute ist es angeblich eher umgekehrt ... Viele Elsässer haben ihr klares, ganz auf wenige Rebsorten und trockenen Ausbau gegründetes Geschmacksprofil in letzter Zeit verändert und ihr Heil in nicht immer angemessener Restsüße gesucht. Hinzu kam, dass viele typische Rebsorten der Region, beispielsweise Muscat oder Sylvaner, in keinen Modetrend passen. Das gilt auch für den Gewürztraminer, der mit seinem pikanten, an Rosen erinnernden Bukett viele Weinfreunde überfordert - eigentlich unsinnig, denn kaum ein Wein passt besser zu den allgegenwärtigen asiatisch inspirierten Gerichten, zu Ingwer, Koriander und Curry, sofern die Schärfe nicht zu sehr dominiert. Dann nämlich kann sogar eine gewisse Restsüße hohen Reiz entfalten, eine Restsüße, die beispielsweise unseren 2000er Elsässer Gewürztraminer von Jean Weingand aus Voegtlinshofen schmückt. Er zeigt die typischen Aromen von Rosen und exotischen Früchten ohne Penetranz, abgerundet am Gaumen durch finessenreiche Säure, viel Frucht und einen langen Nachhall. Wein und Kunstgenuss in der Schlieperstraße 16 in Tegel bietet die Flasche für 18,90 Mark an. Einkaufen, gut kühlen - und dann den Wok erhitzen ...

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