Zeitung Heute : DIE WEINE DES MONATS

Bernd Matthies

Ein Problem des deutschen Weinbaus besteht darin, dass es nur äußerst selten gelingt, hochwertige Markenweine mit klarem Geschmacksprofil zu schaffen, die dann auch noch in größeren Mengen verfügbar sind. Die Ausnahmen lassen sich an einem Finger abzählen: Es ist der Geheimrat J, den Norbert Holderrieth, der legendäre Verwalter des Rheingau-Guts Wegeler Erben, 1983 zu Ehren des Gutsgründers Julius Wegeler erschaffen hat. Hundert Prozent Riesling aus den besten Rebparzellen der Region, handverlesenes, reifes Traubenmaterial, lange Fassreife - ein Erfolgsprodukt, das mit seinem üppig exotischen Bukett und der elegant mineralischen Art zum Vorbild wurde für die neuen trockenen deutsche Rieslinge. Inzwischen heißt der Betrieb Weingüter Wegeler und wird von Oliver Haag geleitet, der das Konzept nicht geändert hat. Unser Wein stammt aus dem vorzüglichen Jahrgang 2001, der dem deutschen Riesling generell eine erstaunliche weltweite Renaissance beschert. Er brilliert als Solist ebenso wie als als perfekter Begleiter der modernen Crossover-Küche, in der Zitronengras, Ingwer und Koriander den Ton vorgeben. Die Flasche kostet 16,50 € bei Michaelis in der Heinsestraße 30 in Hermsdorf.

Eine weltweite Renaissance des deutschen Rotweins ist bisher nicht in Sicht. Denn Weine, die dem gegenwärtig so geschätzten Geschmacksbild des „Blockbusters“ entsprechen, lassen sich in Deutschland kaum erzeugen. Doch es gelingt den hiesigen Winzern durchaus, den regionalen roten Reben mehr und mehr Charakter abzugewinnen und so Weine mit unverwechselbaren Charme zu schaffen. Ein wichtiger Typus ist der Spätburgunder von der Ahr, der bei Werner Meyer-Näkel und beim Deutzerhof in besten Händen ist. Doch auch die Genossenschaft Mayschoss-Altenahr setzt inzwischen ganz auf Qualität und erzeugt Rotweine, die sich neben den teuren Konkurrenten bestehen. Ihre Mitglieder bewirtschaften über ein Fünftel der 500 Hektar, auf denen dort überhaupt noch Wein angebaut wird. Verkauft wird der größte Teil direkt ab Hof, und so ist es eine Überraschung, dass eine größere Partie vom 2002er Mayschosser Spätburgunder trocken nach Berlin gelangt ist: Die Flasche kostet 6,64 € in allen Filialen von Getränke-Hoffmann. Ein wunderschön reintöniger, jugendlich-schlanker Spätburgunder, der an rote Beeren und Kirschen erinnert und zu leichten Fleischgerichten - Kaninchen, gebratenes Huhn, Schinken - bestens passt. Nur das Osterlamm dürfte für ihn etwas zu dominant sein.

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