Zeitung Heute : DIE WEINE DES MONATS

Peter Scheib

GEORGIEN

Weißer Saperavi für den modernen europäischen Geschmack

Georgien ist ein Land mit einer uralten Weintradition. Reben gibt es im Süden das Kaukasus seit etwa 7000 Jahren, und es haben sich dort Sorten erhalten, die es nirgendwo sonst gibt. Doch die Tradition ist auch das Problem der Winzer, denn Weißweine, die beispielsweise nach dem alten kachetischen System monatelang in Kontakt mit den Schalen bleiben oder wie in der Antike in großen Gefäßen unterirdisch gelagert werden, sind im Ausland nicht zu verkaufen. Doch es gibt längst auch in Georgien Kellereien, die nach modernen Standards arbeiten, und einige ihrer Produkte werden nun auch zögernd in die EU eingeführt; in Berlin hat sich der georgische Inhaber der Firma Tempus der Sache angenommen. Die Namen der Reben – Rkatsiteli, Mukuzani, Mtsvane, Saperavi – gehen nur schwer über die europäische Zunge, die Weine selbst sehr leicht: Unser 2003er Saperavi aus der Region Kachetinsker beweist das überzeugend. Die drunten als besonders wertvoll eingestufte Rebe bringt einen frischen, lebendigen Wein, der nach Holunderblüten, Melone und Grapefruit duftet und auf der Zunge mit angenehm mineralischen Komponenten aufwartet und an Zitrusfrüchte, Pfirsich und grüne Äpfel erinnert – ein eigenwilliger Wein, der in jedem Blindtest als moderner Mitteleuropäer durchgehen würde, geeignet, selbst Experten aufs Glatteis zu führen. Die Flasche kostet 8,20 Euro bei Wein & Kunst in der Regattastraße 66 in Grünau.

CHIANTI

Typischer Classico aus der Fattoria San Leonino

Als alle Welt von den Umtrieben der Toskana-Fraktion redete, war der Chianti der Modewein der Kenner: Die Winzer hatten sich von den dicken Bastflaschen und den seltsamen Rebsortenmixturen verabschiedet und das Potenzial entdeckt, das in der Hauptrebsorte Sangiovese steckt, und sie setzten nach französischem Vorbild mehr und mehr kleine Barriques statt der alten Großfässer ein, um den Weinen mehr Komplexität mitzugeben – dass sie damit auch auf der internationalen Welle des Holzgeschmacks surften, wird den Bilanzen nicht geschadet haben. Zumal die Preise bald abenteuerliche Höhe erreichten. Doch seitdem hat sich viel geändert: Vor allem die spanischen Winzer bewiesen, dass sich feine, charaktervolle Rotweine auch zu vernünftigen Preisen herstellen lassen. Deshalb ist es ruhiger geworden um den Chianti, die Sommeliers vor allem der nicht-italienischen Restaurants haben sich abgewandt, und der deutsche Handel macht seine Umsätze eher mit chilenischen oder spanischen Weinen. Das aber ist ungerecht, wie unser sehr typischer, 2004er Chianti Classico DOCG der Fattoria San Leonino zeigt - ein brillant rubinroter Musterknabe, der das reife, mit Veilchenduft unterlegte Waldbeerenaroma der Rebsorte zeigt und auf der Zunge mit sanften Tanninen und dezenter Barriquenote überzeugt, weit entfernt von der Banalität eines auf den ersten Blick gleichwertigen Supermarkt-Chianti. Die Flasche kostet angemessene 13,90 Euro in der ehrgeizig neugestaltenen Lebensmittelabteilung der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz.

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