Zeitung Heute : „Die Welt der Babys ist langsamer“

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Jule Dräger, 31, ist Psychologin und Körperpsychotherapeutin. Im Diagnose und Behandlungszentrum für Kinder und Jugendliche, das Vivantes in Charlottenburg unterhält, bietet sie eine Schreibaby-Sprechstunde für Eltern und ihre Kinder an.

Was machen Sie mit den Familien, die zu Ihnen in die Sprechstunde kommen?

Wichtig ist, dass ich mit beiden arbeite, den Eltern und dem Baby. Es finden natürlich Gespräche statt, in denen ich zusammen mit den Eltern erforsche, was genau in schwierigen Situationen passiert. Die Eltern erleben das häufig als Teufelskreis aus Schreien, Schlafproblemen und Stress, aus dem sie nicht herauskommen. Wir sprechen über Gefühle wie Ohnmacht und Wut, über ihre körperlichen Reaktionen auf den Stress, aber auch darüber, wie sie praktisch mit dem Kind umgehen. Nach und nach wird dann deutlich, wie dieser Teufelskreis genau entsteht. Und natürlich kann ich mir während der Sitzungen ein Bild davon machen, wie der Austausch abläuft. Wenn die Mutter zum Beispiel klagt, das Kind wolle immerzu beschäftigt werden, und ich sehe, wie es auf eigene Faust durch den Raum krabbelt, bemerke ich eine Diskrepanz in der Wahrnehmung.

Wenn das Baby dann anfängt zu schreien…

...ist das natürlich eine Chance, diese konkrete Situation genauer zu betrachten. Für uns Therapeuten ist vor allem die Frage interessant: Was alarmiert die Eltern? Ich sehe meine Aufgabe darin, ihnen Halt zu geben und sie darin zu unterstützen, auch in der Schreisituation den Kontakt mit dem Kind aufrecht zu erhalten. Wenn die Eltern ruhig bleiben können, wird das Kind sich eher beruhigen.

Leichter gesagt als getan!

Ja, mit Reden allein ist dem nicht abzuhelfen. Ich versuche, die Eltern dabei zu unterstützen, sich etwa durch bewusste Bauchatmung und Körperhaltung besser in ihrem eigenen Körper zu verankern.

Was machen Sie mit den Babys?

Sie sind oft im Nacken sehr verspannt, die Fäustchen sind geschlossen, die Füße sind aufgestellt. Mit einer bestimmten Form der Babymassage können sich die Verspannungen nach und nach lösen. Das zeige ich auch den Eltern, und es ist eine gute Möglichkeit, den Kontakt zwischen Eltern und Kind zu intensivieren. Allein würde die Babymassage aber nicht gegen das Schreien oder die Schlafprobleme helfen.

Haben Sie konkrete Tipps für den Umgang mit Säuglingen, die alle Eltern beherzigen sollten?

Die Welt der Babys ist viel langsamer, als wir es in unserem Alltag gewohnt sind. Babys brauchen mehr Zeit, um Eindrücke zu verarbeiten. Manche von ihnen werden unruhig, wenn ihnen zu viel auf einmal angeboten wird. Ruhe und Gelassenheit sind hier sehr hilfreich. Aber genau das ist natürlich für Eltern mit einem Schreibaby kaum möglich. Hier kann ich nur raten, möglichst früh therapeutische Hilfe zu suchen.

Die Fragen stellte Adelheid Müller-Lissner

INTERVIEW

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