Zeitung Heute : Die Welt durch die Windschutzscheibe Wie sich die Reisegewohnheiten

der Deutschen verändert haben

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Der deutsche Tourismus entwickelte sich in der Nachkriegsgeschichte vom Vorrecht weniger Privilegierter zum Massenphänomen. Seitdem ist die Urlaubsreise zum festen Bestandteil der deutschen Lebenskultur geworden und prägte die Jahre des Wirtschaftswunders. Der Historiker Cord Pagenstecher hat die Urlaubsgewohnheiten der Deutschen von 1950 bis 1990 analysiert. Er untersuchte sowohl den Wandel des Tourismus als auch ein Fallbeispiel: Heinz und Elfriede Schmidt, ein kinderloses Ehepaar aus Steglitz. Sie durchliefen die typische deutsche Touristenkarriere der Nachkriegsjahre. Das Bäckerehepaar unternahm Reisen durch ganz Mittel und Südeuropa. Ihre 45 liebevoll geführten Urlaubsalben mit Fotos, Postkarten, Landkarten und Tankquittungen hat Pagenstecher im Archiv des Willy-Scharnow-Instituts der Freien Universität gesichtet. „Private Dokumente sind eine spannende Quelle“, sagt der 38-jährige Wissenschaftler. Aus der Art, wie sich die privaten Fotos über die Jahre verändert haben, zieht Pagenstecher Rückschlüsse. „Zunächst wurde sehr distanziert, etwa durch die Windschutzscheibe des Autos geknipst. Bei späteren Reisen durch Jugoslawien steigt man dann auch aus, nimmt sogar Kontakte zu Fremden auf“, erläutert er. Der Tourismusbranche attestiert Pagenstecher erheblichen Einfluss auf die Reisenden: Nach den romantischen Natururlauben der Nachkriegszeit wollten die Deutschen seit den 70er Jahren eher Geselligkeit und Erlebnisurlaub. GW

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