Zeitung Heute : Die Welt geht 208 Jahre später unter

Andreas Fuls datiert die Geschichte der Maya neu – und provoziert damit Streit.

Tina Rohowski
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Runde Sache. Dieses Mosaikschild der Maya wurde zwischen 900 und 1200 n. Chr. aus Holz und Perlmutt hergestellt. Foto: akg-images269 (Q

Gleich drei astronomische Ereignisse kamen am 19. Dezember des Jahres 830 n. Chr. in Mittelamerika zusammen: Es war Wintersonnenwende, zugleich Neumond und die Venus zeigte sich das erste Mal in einem neuen Zyklus als Morgenstern. Diese Kombination ist so selten, dass Maya-Gelehrte sie damals in einem Kalender vermerkten – natürlich ohne die Angabe des Datums nach unserer Zeitrechnung. Wie alt dieser Eintrag und viele weitere Angaben in Maya-Handschriften sind, hat der TU-Forscher Andreas Fuls vom Institut für Geodäsie und Geoinformationswissenschaft mithilfe astronomisch-mathematischer Formeln berechnet.

Dabei kam er zu einem verblüffenden Ergebnis. Die Maya-Kultur und ihre einzelnen Phasen datiert der Archäoastronom Fuls völlig anders als die bisherige Maya-Forschung. Nach seinen Berechnungen spielte sich die Geschichte der mittelamerikanischen Hochkultur 208 Jahre später ab als bislang angenommen. Das könnte Folgen haben. Denn gemäß einigen Interpretationen in okkulten Kreisen prophezeite der Maya-Kalender für den 21. Dezember 2012 den Weltuntergang. Der würde sich nun auf das Jahr 2220 verschieben.

Bisher galt unter Maya-Historikern eine vor Jahrzehnten entwickelte Standardchronologie als unumstößlich: Demnach lag etwa die „Klassik“, in der die Kultur ihre Blütezeit erreichte, ungefähr im dritten bis neunten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Ab 900 n. Chr., so glaubte man, gaben die Maya immer mehr Städte auf, die Bevölkerungszahlen sanken, schließlich kollabierte die Gesellschaft. Diese Datierung stützte sich vor allem auf Dokumente der Kolonialherrschaft aus dem 16. und 17. Jahrhundert, anhand derer Ereignisse der Maya-Geschichte datiert wurden.

Seit Jahren versucht Fuls, der sich bereits als Schüler mit den Maya beschäftigte, Einzelereignisse der Kultur in diese Chronologie einzupassen – mit bislang ungenutzten Methoden: Kalender und Monumente, die heute noch erhalten sind, geben nicht nur Auskunft über Daten der Maya-Geschichte, beispielsweise Herrscherwechsel, religiöse Feste oder Kriege. Sie enthalten auch Angaben zum Sonnenstand, zum Mondalter, zu Finsternissen sowie zur Sichtbarkeit der Venus. „Doch bei den Stichproben ergaben sich immer wieder Lücken“, sagt Fuls. Damit war die Forschungsfrage für seine Dissertation geboren: Auf welche Daten unseres Kalenders passen die Angaben der Maya?

Fuls’ Hauptquelle für das Projekt war der „Dresdener Kodex“, die Abschrift eines Maya-Kalenders, die heute in der Sächsischen Staats- und Landesbibliothek lagert. Auf 39 eng mit Hieroglyphen beschriebenen und mit Kalk beschichteten Seiten führt das Faltbuch Ereignisse aus der Maya-Zeit, beispielsweise religiöse Kulte, sowie ihre astronomischen Merkmale auf. Fuls verglich die Angaben mit denen auf Maya-Monumenten in Mexiko, um sicherzugehen, dass seine Interpretationen der astronomischen Kalenderdaten richtig sind. Am Ende prüfte er die Kombinationen in den Einträgen mit einem speziell entwickelten Computerprogramm. Es kann, mithilfe der heute gängigen Formeln, auf den Tag genau berechnen, wann in den vergangenen Jahrhunderten Finsternisse eintraten oder wie sich Mond- und Venuslaufbahn verhielten.

Die im Kodex aufgelisteten Ereignisse ließen sich so eindeutig in der christlichen Zeitrechnung festmachen. Allerdings 208 Jahre später als in der gängigen Datierung. Die klassische Phase der Maya-Geschichte würde demnach im fünften Jahrhundert beginnen und ihr Niedergang etwa ab dem Jahr 1100 n. Chr. Die Frage, warum die Maya ihre Zentren aufgaben und ihre Kultur unterging, müsste folglich neu aufgerollt werden: Eine große Dürre, Epidemien oder Kriege – all die Ursachen, über die Forscher streiten, müssten sie anhand der neuen Chronologie untersuchen. Auch die Einflüsse anderer Kulturen auf die Maya erscheinen aufgrund der verschobenen Daten in einem anderen Licht.

Die häufigste Reaktion anderer Maya-Forscher auf die neue Datierung sei bisher jedoch „totale Ablehnung“ gewesen, berichtet der TU-Forscher Fuls.

So kritisiert Nikolai Grube vom Institut für Altamerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn, dass der TU-Forscher neu entdeckte Dokumente aus dem Hochland von Guatemala, welche die traditionelle Korrelation stützen, überhaupt nicht in seine Überlegungen einbezieht.

Fuls führt die Kritik vor allem darauf zurück, dass viele verschiedene Disziplinen an der Erforschung der Maya-Kultur beteiligt sind: Archäologen, Geologen, Astronomen, Historiker und sogar Epigraphiker, die sich mit der Entwicklung der Maya-Schrift befassen. „Jeder nutzt andere Quellen und Methoden“, sagt Fuls. Angesichts so vieler verschiedener Spezialgebiete sei es schwierig, sich über die Ergebnisse zu verständigen oder die Einwürfe anderer Disziplinen zu verstehen.

Doch es gibt auch ihn bestärkende Reaktionen, denn andere Forschungsergebnisse untermauern die von ihm erarbeitete Chronologie. Beispielsweise spricht die Datierung von Obsidian, einem vulkanischen Gestein, das im heutigen Mexiko gefunden und geologisch untersucht wurde, für Fuls’ Datierung. Außerdem hat sich ein spanischer Epigraphiker bei ihm gemeldet, der bei seinen Untersuchungen der Maya-Schriften, wenn er der alten Zeitrechnung folgte, immer auf eine Lücke von rund 200 Jahren stieß. Die wäre nach den neuen Erkenntnissen geschlossen, so dass sich eine kontinuierliche Entwicklung der Maya-Schrift ergeben würde.

Und einige andere Forschungsergebnisse, auf die sich die Verfechter der Standardchronologie beziehen, würden zumindest nicht gegen Fuls’ Datierung sprechen. Für organische Funde, die mit der Radiokarbonmethode – besser bekannt als C14-Verfahren – untersucht wurden, gelte eine Ungenauigkeit von etwa 150 Jahren in der Datierung, erklärt Fuls. Berücksichtige man diese Schwankung, würden die bisherigen Funde auch in seine Chronologie passen. „So taggenau wie die Astronomie ist einfach keine andere Methode“, betont der Wissenschaftler.

Weitere Untersuchungen, etwa anhand anderer Inschriften, könnten angewendet werden, um den tatsächlichen historischen Phasen der Kultur auf die Spur zu kommen. Auch er wolle sich weiter mit den Maya beschäftigen und arbeite sich dafür immer wieder in neue Disziplinen und ihre Forschungsergebnisse ein, erzählt Fuls. Er habe eben „einen Status quo angegriffen“, sagt er mit Blick auf die ablehnenden Stimmen anderer Maya-Kenner. Es sei normal, dass jede gewagte Idee erst einmal Ablehnung provoziere – bis sich vielleicht eine neue Erkenntnis durchsetzt. „Die Diskussion hat gerade erst begonnen.“

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