Zeitung Heute : "Die Welt hinter Dukla": Denken mit den Hunden

Jan Schulz-Ojala

Man möchte reisen. Nicht diese Fingerreisen auf der Landkarte wie so manches Mal nach fiebrigem Lesen, sondern gleich in den Zug: über die Grenze, Richtung Krakau und immer weiter südöstlich, über Tarnów und Jaslo und Krosno und dann weiter mit dem Bus bis zum seltsamsten Ende der Welt. Und dann, nach zwölf oder fünfzehn Stunden auf einem fernen Busbahnhof unter freiem, leerem Himmel stehen.

Dukla heißt dieses Ende der Welt, ein Kleinstädtchen am Fuß der Beskiden; ein paar Kilometer weiter in diesem milden Gebirge verläuft die slowakische Grenze. "Also Dukla", schreibt Andrzej Stasiuk, "eine Handvoll Straßen, eine Kirche, ein Kloster und die Grundmauern der Synagoge, wo zwerghafte Birken sich ein paar Meter über der Erde ins Gemäuer krallen." Hier hat Stasiuk oder das Ich der Geschichte, die keine Geschichte ist, jahrelang die Kindersommerferien verbracht, hier wohnten Onkels und Großeltern, die heute längst tot sind, hierher kehrt der Anfangdreißiger immer wieder zurück, mal zu zweien und meistens allein. "Dukla", liest er im Wörterbuch, bedeute "kleiner Schacht zur Erkundung und zur Suche nach einer Lagerstätte, als Belüftungsöffnung oder zur primitiven Erzgewinnung" - und kommentiert: "Alles richtig. Meine Methode ist primitiv. Wie das Blindbohren. Eigentlich kann man damit an jeder beliebigen Stelle anfangen."

"Dukla" - der deutsche Verlag verrätselt die Topografie des Titels kühn in "Die Welt hinter Dukla" - verspricht nicht gerade das, was man handlungssatte Lektüre nennt. Vielleicht hatte Stasiuk eher Handlungen satt, als er mit seinem dritten Buch, dieser geradezu fundamentalistisch minimalistischen Einkreisungs- und Erinnerungsarbeit, begann. Es werde keine Handlung geben, warnt er seine Leser gleich dreimal auf den ersten Seiten, Handlung sei "Vergebung der Sünden, Mutter der Dummen... Der Verstand dagegen muss seinen Weg im Dunkeln suchen und sich selbst leuchten." Wer weiterliest, sagt Stasiuk, steigt mit mir in einen Stollen, einen Bilderbrutkasten, eine düsterstille Beobachtungsstation, in "das Loch in der Erde, in Körper und Zeit." Wer weiterliest, sagen diese wie mit einem schönen Gift überzogenen Sätze, hat selber Schuld.

So ernsthaft reduktionistisch schreibt nur, wer sich seiner Leser sicher weiß. Sein Publikum in Polen hat sich der heute 40-jährige Autor vor acht Jahren mit dem Erzählband "Die Mauern von Hebron" erschrieben, drastischen Geschichten aus dem Knast: 1980 ließ Stasiuk sich für anderthalb Jahre wegsperren, weil er im Kriegsrechtsstaat nicht Soldat werden wollte. International bekannt wurde er dann mit seinem Roman "Der weiße Rabe", der fatal verlaufenden Odyssee von fünf in die mittleren Jahre gekommenen Schulfreunden, die für zwei eiskalte Winterwochen in die Beskiden abhauen, weg von Frauen, Kindern, Alltagsleben. Eine epische, ihrer selbst traumsichere (und von Olaf Kühl süffig ins Deutsche übersetzte) Geschichte vom Rauchen und Saufen und Reden und Reisen - und plötzlich, nach dem Mord an einem Grenzsoldaten, kippt die Schnapsidee der re-inszenierten Pubertät um in kollektive Paranoia.

Schon war der "Kultautor" Stasiuk geboren und weltweit weitergereicht - ein Warschauer Intellektueller der next generation, der sich um die zeitgeschichtliche Bewältigungsliteratur à la Szczypiorski und Nurowska ebenso wenig kümmerte wie um die ewigen polnischen Gespenster des Katholizismus und Kommunismus, zu denen zuletzt auch noch die Solidarnos¿c hinzugekommen war. Was den Ruhm weiter beflügelte: Stasiuk lebt seit Mitte der achtziger Jahre selbst in den Beskiden, in einem 50-Seelen-Dorf dicht an der slowakischen Grenze - ein vitaler Aussteiger, der sich in der Wahlheimat als Holzfäller eingeführt hatte und mittlerweile mit seiner Frau dort oben hinter den sieben Bergen einen florierenden Verlag betreibt. Ein Held so recht nach dem Geschmack der Medienindustrie: Ohne biografischen Sekundärrohstoff geht bekanntlich immer weniger - auch im Literaturbetrieb.

Und nun Dukla. Die Verweigerung. Das Fast-Nichts. Ein Mann sitzt in der "Touristenbar", treibt sich rum an Sonntagnachmittagen, geht in die Kirche, ohne zu beten, sieht kleine Jungs vor Kiosken stehen, gerät in einen Leichenzug, besucht das heruntergekommene Schloss, geht wieder in die "Touristenbar", schlägt die Zeit tot, wie es scheint. Reist immer wieder in diesen toten Winkel der Welt, weigert sich, Geschichten zu erfinden oder wenigstens unter Menschen zu gehen.

"Unter Menschen, zwischen ihren Leibern, erstirbt die Phantasie. Es sind soziologische und psychologische Figuren, die hier spazierengehen." Menschen sind etwas aus Kinderzeiten, ab und zu aufleuchtendes Erinnerungsmaterial, Sommerglühwürmchenzeug, losgelassen auf den ereignissüchtigen Leser und gleich wieder müde weggeschlossen. Sind wir nicht alle, wie der Erzähler, nicht viel mehr als "denkende Hunde", die träge Witterung aufnehmen zur Welt?

Und so immer weiter und tiefer ins Animalische, Mineralische, Elementarteilchenhafte. Was ist die atemberaubend vergegenwärtigte Verliebtheit des 13-Jährigen in eine barfüßige Tänzerin gegen die aufregende Welt der Frösche, Schmetterlinge, Raben, ganz zu schweigen von Wölfen, die nachts eine Hirschkuh reißen? Was der kuriose Großvater mit seinen merkwürdigen Landgottesdiensten gegen die seltsam wechselnden Gesichter eines nahen Berges oder gegen den Himmel, in dem es wohl eine Art Leben geben mag, "doch es nimmt vorsichtshalber keine Form an"?

Man mag, wie viele, aus solch motivischer Selbstbeschränkung den Pessimismus einer orientierungslosen Generation lesen. Und übersieht dabei, wie akribisch Stasiuk in seinen Büchern den Primärrohstoff des Schreibens feiert: Text pur. Wer ihn genau liest - auch "Der weiße Rabe", scheinbar handlungssatt, inszenierte wunderbar tückisch den Leerlauf -, geht zwar einen weiten Weg. Aber reist mit immer leichterem Gepäck. Zurück in die Sprache, in der alles seinen Anfang nimmt. Und endet. Und bleibt.

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