Zeitung Heute : Die Welt ist aus den Fugen

Jetzt spürt es jeder: Das Klima spielt verrückt, die Erde wandelt sich. Und schuld daran sind wir alle – der Mensch und seine Verschwendung wichtiger Ressourcen. Damit die Erde ihre bedrohlichen Probleme lösen kann, ist die Politik überall gefordert. Johannesburg wird zeigen, welche Staaten sich verpflichten, klug zu regieren.

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Von Dagmar Dehmer

Der Klimawandel hat längst begonnen. Dauerregen mitten im Sommer in Österreich und der Tschechischen Republik, Dauertrockenheit im Westen Kanadas und ein immer unberechenbarer werdender Monsun in Indien – das alles sind Indizien dafür. Auch wenn das nicht heißt, dass ein ungewöhnlicher Sommer schon der Beweis für den Beginn der Klimakatastrophe ist. Aber es gibt ja noch mehr Hinweise: Die Vegetation beginnt in Mitteleuropa inzwischen um Wochen früher als noch in den Sechzigerjahren. Zugvögel geben ihre Wanderungen nach Süden auf, weil die Winter immer milder werden. Und am Mittelmeer ist es immer öfter viel zu trocken. Genau solche Wetterextreme haben die Klimaforscher schon vor zehn Jahren vorhergesehen, weshalb beim Erdgipfel in Rio die Klimarahmenkonvention verabschiedet wurde. Wenn die Länder Ende August in Johannesburg zum Weltgipfel wieder zusammentreten, sind die rund 100 Staatschefs bereits um eine Menge kostspieliger Naturkatastrophen klüger.

Die Erkenntnis, dass das Klimaproblem vom Menschen gemacht ist, hat sich seither fast überall auf der Welt durchgesetzt. Damit die Klimaerwärmung nicht dazu führt, dass weite Teile der Erde unbewohnbar werden, haben sich die Industriestaaten, die das Problem vor allem verursacht haben, verpflichtet, den Ausstoß ihrer Treibhausgase zu reduzieren. Das Kyoto-Protokoll ist trotz all seiner Schwächen einer der ersten internationalen Verträge, in denen Staaten verbindliche Zusagen gemacht haben, die sich auch überprüfen lassen. Und genau das war eines der Ideale des Erdgipfels für Umwelt und Entwicklung in Rio.

Das dort vereinbarte Leitbild ist ein gutes Beispiel dafür, was nachhaltige Entwicklung bedeutet und wen sie in die Verantwortung nimmt. Die Regierungen sollen ihre Länder so führen, dass sie sich weder auf Kosten künftiger Generationen noch zum Schaden anderer Staaten entwickeln. Nachhaltig Regieren heißt also nichts anderes als gutes Regieren. Die Unternehmen sollen ihre Geschäfte machen, ohne dafür Naturgüter zu verschleudern, und sich nicht nur am Aktienkurs ihrer Firma orientieren, sondern auch am Wert, den das Unternehmen für seine Erben einmal haben wird. Für jeden Bürger bedeutet die Botschaft von Rio de Janeiro , dass er verantwortungsbewusst konsumieren soll. Würden sich alle nachhaltig verhalten, wären die Güter der Welt gerechter verteilt und um die künftigen Generationen müssten sich alle viel weniger ernsthafte Sorgen machen.

Der Anspruch war hoch. Kein Wunder, dass die Bilanz, die nun in Johannesburg aufgemacht werden wird, eher ernüchternd ist. Denn alle Bemühungen – vom Kyoto-Protokoll, dem nur noch die Ratifizierung durch Russland fehlt, damit es in Kraft treten kann, bis hin zu lokalen Umweltverbesserungen in Städten und Gemeinden – haben noch nicht gereicht, um alle mitzureißen. Deshalb müssen die Staatschefs in Johannesburg eingestehen, dass sie in den vergangenen zehn Jahren das Tempo des Klimawandels nicht verlangsamen, die Abholzung der Urwälder nicht stoppen konnten, und auch der Erreichung ihrer Ziele, die sie in der Millennium-Erklärung der Vereinten Nationen festgehalten haben, nicht wesentlich näher gekommen sind. Weder haben sie die Armut sichtbar verringern, noch eine große Zahl von Menschen mit Wasser versorgen können. Deshalb wird das Wasserziel aus der Millennium-Erklärung in Johannesburg auch wieder auf dem Verhandlungstisch liegen: Bis 2015 soll die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser halbiert werden. Und um dem Klimaschutz-Protokoll noch einmal einen neuen Schub zu geben, soll zudem vereinbart werden, dass der Anteil der erneuerbaren Energien bis 2010 auf 15 Prozent steigt.

Die Verhandlungslage in Johannesburg ist noch schwieriger als bei den vorhergehenden Gipfeln. Zwar haben sich die Weltkonferenzen nach Rio – vom Klima bis zum Hunger oder Rassismus – unter Schmerzen auf Ziele geeinigt, um weltweite Probleme gemeinsam zu lösen. Doch im Gegensatz zu Rio, als sich auch die USA zu einer gemeinsamen Lösung bekannten, hat die Supermacht inzwischen ihre Strategie endgültig geändert. Die USA des George W. Bush sind überzeugt, dass es zur Lösung von Weltproblemen keine multilateralen Verträge braucht. Konsequenterweise sind die USA aus dem Klimaprozess ausgestiegen und verweigern nicht nur eine Zusammenarbeit mit einem Internationalen Strafgerichtshof, sondern versuchen sogar, ihn aktiv zu demontieren.

Nach Johannesburg reisen der amerikanische Präsident oder sein Außenminister Colin Powell deshalb lediglich mit so genannten Typ-2-Vereinbarungen im Gepäck. Dabei geht es um Entwicklungspartnerschaften, die eine nachhaltige Wirtschaftsweise zwar fördern sollen, jedoch freiwillig sind und nur von einer begrenzten Anzahl von Partnern eingegangen werden. In Johannesburg wird also der große Streit zwischen den Europäern, die weltweit verbindliche Verträge verlangen, um der Globalisierung Regeln zu geben, und den USA, die die Globalisierung der Wirtschaft überlassen wollen, in seine nächste Runde gehen.

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