Zeitung Heute : Die Welt ist eine Scheibe

Ein paar Dopingfälle und Bilder von unbeschwerten Siegern – aber wie fühlte sich Olympia in Athen nun wirklich an?

Robert Ide[Athen]

Am Abend tauchen die Laternen die Stadt in ein grelles Licht, und plötzlich steht alles still. Auf der Hauptverkehrsstraße fährt kein Auto, man hört nur das Murmeln Tausender Menschen. Sie sind von Polizisten auf die Bürgersteige verwiesen worden – nun stehen sie aufgereiht nebeneinander und blicken auf eine leere sechsspurige Straße. Da flackert ein rotes Licht am Horizont, mehrere Krankenwagen nähern sich im Schritttempo. Dahinter schiebt sich der gesamte Stadtverkehr heran – und davor läuft eine kleine Frau. Sie ist die Letzte des Marathonlaufs, der an diesem Abend in Athen endet. Die Frau kommt näher, ihr Gesicht ist verzerrt. Sie kann nicht mehr rennen. Sie kann nicht mehr gehen. Sie humpelt. Geschrei brandet auf, die Passanten klatschen, rufen der Frau, die sich nach 41 Kilometern dem Ziel entgegenquält, zu, dass sie nicht aufgeben soll. Und in Athen steht plötzlich die Zeit still.

Olympische Spiele in Griechenland können nur im Chaos enden, da waren sich vorher alle sicher. Hindernisläufe über Baustellen würde es geben, Stau-Spiele, Terror-Olympia – Athen schien dafür prädestiniert, das schlechteste Sportereignis der Welt zu veranstalten. Nun sind die Spiele fast vorbei, es hat einige Dopingfälle gegeben, und manchmal waren die Stadien etwas leer. Aber wie war die Stimmung in Athen denn nun wirklich? Unbeschwert wie beim Lauf von Marathon? Beschwert durch strenge Sicherheit? Oder einfach nur unspektakulär? Zeit für einen Reisebericht.

Die Stadt. Aus den Lautsprechern erklingt Musik: „Always look on the bright side of life“. Neben der Rolltreppe liegt ein Skelett hinter Glas. Das ist die neue Athener U-Bahn. Wer unter dem zentralen Platz Syntagma zu den hellen Marmorbahnsteigen hinabfährt, kommt an einem Knochengerippe aus der byzantinischen Zeit vorbei. Es hängt an einer Wand, neben Rohren von römischen Viadukten und Türmen alter Tempel. Schicht für Schicht wurde Athens Geschichte beim U-Bahnbau freigelegt, nun ziehen Olympiatouristen mit bunten Fahnen auf den Schultern an ihr vorbei. „Irgendwann sind wir alle auch nur noch eine Schicht“, sagt ein Deutscher.

Oben stehen an jeder Kreuzung blaue Schiedsrichter. Es sind Polizisten, die drängelnde Autofahrer zurückpfeifen. Nach den ersten olympischen Tagen haben sich die Griechen an die veränderten Regeln gewöhnt: Immer mehr Autofahrer bleiben bei Rot tatsächlich stehen. Die Taxis, die drei Euro Olympiaaufschlag verlangen und an jeder Straßenbahnhaltestelle anhalten, um noch mehr Fahrgäste mitzunehmen, teilen sich mit den Bussen eine Extraspur. Wenn man die Polizisten fragt, wo das Chaos geblieben ist, antworten sie: „Im Urlaub.“

Athen zeigt Narben, je näher man den Sporthallen kommt. Am Wegesrand sind Brachflächen mit riesigen Olympiaplakaten abgedeckt. Wenn der Wind die Planen hebt, sieht man Baumaschinen und zusammengekehrten Schutt. An den großen Straßen wurden Werbewände mit weißen Tüchern abgeblendet; die offiziellen Sponsoren der Spiele genießen Exklusivität. An den Eingängen zu den Stadien müssen die Zuschauer die Etiketten von den Wasserflaschen abmachen. Nur Coca- Cola ist erlaubt.

Die Spiele. Die Sonne brennt, aber Mücken und Wespen gibt es nicht. „Die Insekten wurden vor den Spielen mit Sprühflugzeugen vergiftet“, erzählt eine Helferin, die von einem Hochsitz aus die Besucher in das Basketballstadion geleitet. Es ist 40 Grad heiß, und die Helfer hocken in orangefarbenen Athen-2004-Shirts stundenlang da oben. Sie haben Megafone, mit denen sie jeder ankommenden Gruppe nur einen einzigen Spruch zurufen: „Good afternoon. Welcome to the Olympic Games. Thank you.“

Die Sicherheitskontrollen folgen ebenfalls strengen Mustern. Jeder Besucher muss durch eine Schleuse, jeder Rucksack durch ein Sichtgerät. Ein Schweizer Fan hat sein Taschenmesser mitgebracht, er will im Stadion Pfirsiche essen. Das Messer muss er wegschmeißen. Und weil es drinnen Essen für Geld gibt, soll er auch sein Obst abgeben.

Durch das Olympiastadion geht die Welle. Unter dem geschwungenen Dach hüpfen die Zuschauer auf und nieder und beklatschen jede Langstreckenläuferin, besonders eine Irin, die von ihren Mitstreiterinnen schon überrundet wurde. Der ungarische Diskuswerfer Robert Fazekas schleudert sein Sportgerät durch das Stadion – weit über die letzte gezogene Markierung hinaus. „Olympic Recorrrrrd“, rollt der Stadionsprecher, und die Zuschauer springen auf ihre engen Schalensitze. Es ist der Höhepunkt des Abends. Am Schluss erklingt die griechische Nationalhymne, eine Siegerehrung. Die Athener, die in der zweiten Olympiawoche mehr und mehr in die anfangs leeren Arenen geströmt sind, stimmen lauthals ein, manche haben Tränen in den Augen.

In den Nächten wird weitergefeiert. Vor dem Handballstadion bejubeln deutsche Fans den Sieg im spannendsten Spiel aller Zeiten, indem sie sich an den Armen nehmen, im Kreis tanzen und immer nur „Schallalala“ singen. Die Griechen tanzen in einem äußeren Kreis drumherum und singen mit. So geht das eine halbe Stunde. Zum Ende der Spiele sind immer mehr deutsche Fahnen auf den Straßen zu sehen, es gibt viel zu feiern in den Hockeystadien und an den Kanustrecken, wo am Freitag die 42 Jahre alte Birgit Fischer mit ihren drei Teamkolleginnen im Viererkajak gewonnen hat. Am lustigsten aber sind die orange geschmückten Holländer, die der Welt freien Eintritt in ihr Mannschaftshaus gewähren. Im Festzelt am Stadtpark zeigen Olympiasieger ihre Ehrenkränze und schreiben Autogramme, während Frauen mit australischen Anstecknadeln Männer mit Schirmmützen in Spaniens Farben küssen. Die Spiele der Neuzeit sind jünger geworden, leichter. Bei den Holländern gibt es Internet-Terminals direkt neben den Biertischen, an denen Fans diskutieren. Irgendwann kommt einer und erzählt, dass der ungarische Diskuswerfer gedopt gewesen sein soll.

Die Menschen. George Markoviaz wird mit seinem Segelboot fast gerammt. Der alte Skipper mit dem zerzausten hellen Haar und einer Flasche Bier in der Hand macht gerade eine Ausfahrt vor Athens Küste, als er für einen kurzen Moment in die Sicherheitszone der Spiele eindringt. Ein Patrouillenboot der Polizei stürmt heran, schäumt eine Bugwelle auf und treibt George zurück hinter die mit gelben Bojen markierte Grenze. „Die spinnen“, sagt George. Er nimmt sein Fernglas und blickt hinüber zur Stadt. Im Hafen liegt das größte Passagierschiff der Welt, hier logieren die Staatsgäste, bewacht von zwei Kriegsschiffen. Durch die Luft schrauben sich dunkle Aufklärungsflugzeuge. George ist viel in der Welt herumgekommen, der gebürtige Ungar besitzt drei Staatsbürgerschaften, seine Freundin lebt auf einer griechischen Insel. Olympia findet er eine übertriebene Veranstaltung. „Aber die Leute mit den bunten Fahnen mag ich irgendwie“, sagt er. Für Weltenbummler ist Athen gerade ein interessanter Ort.

Anastasia Marangou lebt schon immer in der großen griechischen Stadt. Die 50 Jahre alte Fremdenführerin, die sich die Brille langsam auf der Nase hin- und herschiebt, hat ihre Heimat lange nicht gemocht. Noch vor ein paar Monaten musste sie sich von ihren Kunden fragen lassen, warum alles so unübersichtlich und stickig ist in Athen. Nun, während der besonderen Tage, beginnt sie ihre Stadtrundfahrt immer mit einem triumphierenden Satz: „Wir Griechen sind alle sehr stolz.“ Chaos-Spiele? Terror-Olympia? „Ich bin selbst überrascht, dass alles so einfach ist.“ Dann klingelt ihr Handy, ihre elfjährige Tochter ruft an und bettelt, dass sie unbedingt im Olympiastadion noch einmal die Flamme lodern sehen will. Doch für die Abschlussfeier gibt es längst keine Karten mehr.

Die Zeit ist stehen geblieben in Athen für zwei Wochen. Wenn am Sonntagabend das Abschlussfeuerwerk die Stadt in ein buntes Licht taucht, fängt wieder ein Alltag an. Athen wird vielleicht bald Heimweh bekommen nach der Welt.

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