Zeitung Heute : Die Welt ist nicht genug

Warum plant Deutschland im nationalen Alleingang eine Mission zum Mond?

Paul Janositz

„Wir wollen zum Mond und wir kommen zum Mond“, daran lässt Walter Döllinger, Direktor für Raumfahrtprogramme der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DLR), keinen Zweifel. Was Döllinger meint, ist eine deutsche Sonde, die den Erdtrabanten unter die Lupe nimmt – und keine internationale Mission, bei der Deutschland nur die Rolle des Juniorpartners übernimmt. „Denn sonst könnte es laufen wie jetzt bei der internationalen Raumstation ISS“, sagt er. Dieses Prestigeprojekt hat an die 30 Milliarden Euro verschlungen, Deutschland steuert jährlich 150 Millionen Euro bei. Das halte die Amerikaner dennoch nicht davon ab, die Shuttle-Flüge, die zur Versorgung der ISS notwendig sind, bis 2010 einzustellen. Um unabhängig zu werden, wollen die Deutschen nun auf kleinere Projekte setzen, die sie aus eigener Kraft stemmen können.

Für das Vorhaben, den Mond komplett zu kartieren, sei ein bemannter Flug nicht nötig, sagt Döllinger. Eine mit Präzisionsinstrumenten gespickte Sonde reiche vollkommen aus. Zumal eine bemannte Mission viele Milliarden Euro kosten würde – viel zu viel für das deutsche Raumfahrtbudget, das Döllinger auf 700 Millionen Euro pro Jahr beziffert. Um das Projekt mit dem Arbeitstitel „Leo“ (Lunar Exploration Orbiter) realisieren zu können, sei eine Aufstockung von 300 Millionen Euro, verteilt auf fünf Jahre, notwendig. Die muss das Wirtschaftsministerium bewilligen – und das zeigt sich aufgeschlossen.

Um das Projekt voranzutreiben, hatte die DLR führende Wissenschaftler und auf Raumfahrt spezialisierte Unternehmer im November 2006 zu einem Kongress nach Dresden geladen. Heraus kam das Konzept für einen Orbiter, der den Mond umkreist. Sollte das erfolgreich verlaufen, könnte als nächstes ein roboterartiges Landegerät abgesetzt werden, um die Oberfläche zu untersuchen.

Das Dresdner Konzept wurde am vergangenen Dienstag dem zuständigen Parlamentsausschuss präsentiert. Döllinger setzt dabei auch auf die „hohe Affinität“ der Bundeskanzlerin und Physikerin Angelika Merkel für die Raumfahrt. Bis zum Frühjahr 2008 soll die Entscheidung fallen, ob sich die Deutschen alleine auf dem Weg zum Mond machen.

Nationale Alleingänge in der Raumfahrt scheinen derzeit in Europa Konjunktur zu haben: Die Briten haben Ambitionen, die Italiener sind bereits am Werk. Sie möchten bis 2012 so weit sein, eine unbemannte Sonde zum Mond schicken zu können und anschließend ein Landegerät. Ein ähnliches Konzept wie das deutsche. „Die Italiener tragen mit 40 Millionen Euro pro Jahr relativ wenig zur ISS bei“, sagt Döllinger. Deshalb könnten sie sich auf nationale Projekte konzentrieren.

So soll es nun auch in Deutschland geschehen. Das Mondprojekt soll deutsche Kompetenz in Forschung und Technologie demonstrieren – zumal deutsche Forscher und Unternehmer bei Mess-, Sensor- und Radartechnik Weltspitze sind. Zum Beispiel Gerhard Neukum, Professor für Planetologie an der FU Berlin. Er hat mit seinem Team die „HRSC-Kamera“ entwickelt, die hochauflösende Stereobilder anfertigen kann. Sie fliegt auf der Sonde „Mars Express“ der europäischen Raumfahrtagentur Esa mit und liefert Bilder mit einer Auflösung von zehn Metern.

„Die Auflösung ist jetzt auf einen Meter verbessert“, sagt Professor Ralf Jaumann, DLR-Experte in Adlershof, der an dem Projekt mitarbeitet. So lässt sich die Mondoberfläche aufs Genaueste kartieren. Auch das Magnet- und Schwerefeld des Mondes soll erforscht werden. Hier sind deutsche Sensoren derzeit die feinsten verfügbaren Spürnasen. Als große Herausforderung bezeichnet es Jaumann, die riesigen Datenmengen vom Weltraum sicher auf die Erde zu bringen.

Da könnte möglicherweise eine Kooperation helfen. Warum also nicht mit anderen europäischen Nationen zusammenarbeiten? Das werde auch passieren, sagt Jaumann. Denn eine Kooperation sei spätestens beim nächsten Schritt, dem Landungsgerät, zwingend. Jede Nation werde ihre Stärken präsentieren und dann werde es ein europäisches Projekt geben. Von den indischen, chinesischen oder japanischen Programmen erwartet Jaumann dagegen noch nicht so viel.

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