Zeitung Heute : Die Welt ist unbezahlbar

Günter Beling[Hamburg]

Die Bergung des verunglückten Tankers im Hamburger Hafen ist schwierig und die Umwelt schon geschädigt. Was kostet die Aktion und wie teuer sind Reparaturarbeiten für die Umwelt in solchen Fällen?

Christian Bussau ist ratlos. Der Meeresbiologe und Greenpeace-Experte, der mit einem Schlauchboot die Schäden des Chemietankerunfalls im Hamburger Hafen begutachtet, macht in diesen Tagen wieder einmal Grenzerfahrungen: „Wie beziffert man das Sterben im Petroleumhafen? Was kostet ein toter Vogel vor der spanischen Küste, ein toter Delphin?“ Auf diese Fragen gebe es nach Unglücksfällen meist keine Antwort: „Die ökologische Komponente fällt komplett runter.“

Tausende oder gar zehntausende Fische sollen durch die giftige Schwefelsäure im Hamburger Hafen ums Leben gekommen sein. „Biologisch tot“ sei der Unglücksort in der Elbe, weiß Bussau, aber das Ökosystem werde sich wieder erholen. Dass der Untergang der „ENA 2“ einen zweistelligen Millionenbetrag kosten wird, gilt als ausgemacht: Schiff, Ladung, die Bergung mit einem Hochleistungskran, die Ausfallzeiten am Kai haben ihren Preis.

Jeder der 120 Feuerwehrleute schlägt mit 36 Euro pro angefangener Stunde zu Buche. Auch der leichte Niedergang des Aktienkurses der „Norddeutschen Affinerie“, für die die „ENA 2“ fuhr, wurde gestern beziffert: minus 20 Cent. Die Popularitätswerte der beteiligten Politiker werden mit der nächsten Umfrage ermittelt. Was aber die Schädigung der Natur kostet, weiß keiner: „Das in Euro zu beziffern, ist naturgemäß schwierig“, sagt Christian Ebel, der in der Hamburger Umweltbehörde für den Oberflächengewässerschutz zuständig ist: Eine volkswirtschaftliche Betrachtung sei ausgesprochen schwierig. Anders ist es, wenn private Interessen berührt sind: Der Besitzer eines Fischteichs würde den Verschmutzer seines Teichs ermitteln, den Fischbestand quantifizieren und den Verursacher auf Schadenersatz verklagen.

Versicherungen können auch genau ausrechnen, was etwa Naturkatastrophen sie kosten: 36 Milliarden Dollar waren es 2001. Den größten Schaden verursachte dabei der Tropensturm Allison: Allein 3,5 Milliarden Dollar mussten die Versicherer damals hinlegen, als 100000 Autos in den texanischen Fluten versanken. Spaniens Regierung bezifferte die Folgekosten des Untergangs des Öltankers „Prestige“ im Atlantik mit acht Milliarden Euro. 20 Millionen Euro kostete der Untergang der „Pallas“ im Wattenmeer vor Amrum.

Umweltbewusste Verbraucher fragen nach den Bedingungen und Belastungen, unter denen ein Produkt hergestellt wird. Manche Firmen machen Werbung mit ihrer Ökobilanz. Aber die Kosten der Umweltschäden zu beziffern, damit tut man sich schwer. Lutz Wicke vom Umweltbundesamt versuchte 1986 eine ökologische Schadensbilanz für die Bundesrepublik. Er kalkulierte, was es gekostet hätte, Schäden aus Wasser- und Luftverschmutzung, Lärm und Bodenbelastung zu beseitigen. Das Ergebnis: Sechs Prozent des damaligen Bruttosozialprodukts. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Wissenschaftler, Club-of-Rome-Mitglied und SPD-Bundestagsabgeordneter, addierte die gesundheitlichen Belastungen und den „Treibhauseffekt“ hinzu und kam Anfang der 90er Jahre auf 200 Milliarden Mark pro Jahr: „Die Verschmutzer zahlen aber nur 20 Milliarden Mark. Es fehlt ein Faktor zwischen fünf bis zehn, um den die Preise die ökologische Wahrheit verfehlen.“

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