Zeitung Heute : Die Welt ist verschoben

Roland Knauer

Das Beben hatte Stärke 9 erreicht. Welche geologischen Veränderungen sind durch diesen enormen Druck entstanden?

Das katastrophale Erdbeben vor der Westküste Sumatras hat nicht nur Menschen in den Tod gerissen, sondern auch die Geographie Südasiens sichtbar verändert. Ganze Inseln wurden verschoben, hoben sich weiter aus dem Meer heraus oder sanken in die Tiefe. Genaue Daten hat zur Zeit noch niemand, die Bewältigung der menschlichen Tragödien geht vor. Ein Blick auf die Ursachen des Seebebens aber zeigt, dass die Geographen ihre Landkarten der Region neu zeichnen müssen.

Sechs bis neun Zentimeter schiebt sich die gigantische Platte jedes Jahr nach Nordosten, auf der Indien, Australien und Teile der Ozeane um diese Landmassen ruhen. Dabei trifft sie auf eine andere, noch größere Platte, auf der weite Teile Asiens und Europa liegen. Obwohl die Geschwindigkeit extrem langsam ist, hat der Zusammenstoß der Erdplatten in der „Knautschzone“ das gewaltige Gebirgsmassiv des Himalaya aufgetürmt. Weiter im Süden schiebt sich die indische Platte bei der Kollision unter Sumatra und wirft auch in der dortigen Knautschzone kleinere Gebirge auf. Reibungslos aber funktioniert dieses Gleiten nicht, erläutert Rainer Kind vom Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam: „Immer wieder verhaken sich die beiden Plattenoberflächen ineinander, in der betroffenen Region stoppt die Bewegung.“

Etliche Jahrzehnte kann dieses Verhaken in einem Gebiet dauern, während die Platte sich andernorts bereits um einige Meter weiter bewegt hat. Enorme Spannungen entstehen zwischen den verschiedenen Teilen der Platten. Irgendwann hält das Gestein die riesige Belastung nicht mehr aus und reißt. Genau das war am 26. Dezember 2004 um 1:58 Uhr und 53 Sekunden mitteleuropäischer Zeit auf einer Länge von 1200 Kilometern zwischen der Inselgruppe der Andamanen und Nicobaren westlich von Thailand und der kleinen Insel Simeuluë im Westen des nördlichen Sumatra der Fall: Schlagartig holten die ineinander verhakten Platten die in den vergangenen Jahrzehnten „versäumten“ Bewegungen nach.

Im Durchschnitt fünfzehn, an manchen Stellen bis zu zwanzig Meter schnappte die indische Platte in dieser Region nach Nordosten, schätzt der US- amerikanische Geologische Dienst USGS. Die auf der Platte sitzenden Inseln in dieser Region machten diese Bewegung mit.

Die indische Platte kollidiert aber nicht waagrecht mit Indonesien und Thailand, sondern taucht schräg unter die Platte mit diesen Landmassen ab, sobald die Verhakung sich gelöst hat. Daher hat das gewaltige Erdbeben Inseln und Festland in der betroffenen Region wohl auch um einige Meter nach oben oder unten verschoben, vermutet Rainer Kind. Dabei sacken die Inseln und der Meeresboden im Westen der Bruchzone mit der indischen Platte in die Tiefe, im Osten schnalzen Landmassen und Ozeangrund in die Höhe. Wenn sich aber der Meeresboden nach oben oder unten bewegt, wird auch das Wasser darüber hochgehoben oder sinkt in die Tiefe. Das hochgehobene Wasser fließt schlagartig nach allen Seiten weg, über absackenden Grund strömt dagegen aus allen Richtungen Wasser nach. Die dabei entstandenen Riesenwellen haben die Küsten Südasiens überflutet.

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