Zeitung Heute : Die Welt retten

Ariane Bemmer

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Als ich unlängst in Hamburg zu Besuch war, fuhr ich mit der U-Bahn. Eine Karte kostete 1,55 Euro, die Bahn fuhr ein, sie war neu, fast leer und leise. Als ich umsteigen musste, stand die neue Linie da und wartete. Ich war in kürzester Zeit am Ziel. Stressfrei und glücklich. In Berlin fahre ich eigentlich nie mit der U-Bahn. Die Berliner U- Bahn, das sind kreischende gelbe Würmer, für deren Benutzung man nicht nur 2,10 Euro zahlen muss. Man muss für jede Station mittellosen Bürgern Kleingeld abgeben. Dafür spielen die Posaune oder geben einem eine Obdachlosenzeitung. U-Bahnfahren in Berlin ist sozialer Stress. Steigt man um, zum Beispiel Möckernbrücke, muss man rennen. Man sieht die andere Bahn auf der Hochtrasse einfahren und hat die Wahl: Rennen oder warten. Schrecklich. Aber klimafreundlich.

Unlängst wurde die Diskussion über den schädlichen Individualverkehr in Kohlendioxid-Werte umgemünzt und es gab überall Tabellen, um den Schadstoffausstoß des eigenen Pkw auszurechnen. Ich rechne und erbleichte, denn es zeigte sich, dass ich für einen Großteil des Treibhauseffektes allein verantwortlich bin. Fest stand danach: ganz allein in meinem Auto fahren, das geht nicht.

Ich versuchte es mit zu Fuß gehen. Vom Büro in der Potsdamer Straße zum Interview am Gendarmenmarkt. 30 Minuten entlang der Leipziger Straße, vier Spuren voller Individualverkehrender. Vom Gendarmenmarkt dann Richtung Kreuzberg. Es war dunkel. Kein Fußgänger auf der Straße. Ein unheimlicher Spaziergang. Ich winkte ein Taxi herbei. Ein alter Mercedes hielt. Der Motor röhrte, stank nach Diesel. Ich fragte den Fahrer nach dem Kohlendioxid-Ausstoß, aber er verstand mich nicht. Ich fragte nach dem Baujahr des Wagens. Alt, sagte er. Ich fragte nach dem Kurzstreckentarif, er sagte, zu spät, die Uhr liefe schon. Am nächsten Tag nahm ich wieder mein Auto. Ich kaufte auf dem Weg zur Arbeit im Biomarkt eine Kiste Bionade und eine Kiste Biobier und hoffte, dass das meine Ökobilanz verbessern würde.

LPG, Mehringdamm, ein riesiger Biosupermarkt mit Parkplatz

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